Kuba : Havanna baut Yachthafen für Reiche

Ein neuer Yachthafen in der Altstadt von Havanna soll Multimillionäre anlocken. Die Nachricht vom Abriss alter Gebäude ist aber ein Missverständnis. Es handelt sich um Gebäudereste einer alten hässlichen Industriebrache. Die schönen historischen Gebäude sollen erhalten bleiben.

Roman Rhode
Noch immer sind Gegenden der Altstadt vernachlässigt und heruntergekommen.
Noch immer sind Gegenden der Altstadt vernachlässigt und heruntergekommen.Foto: akg-images / PictureContact

Es ist eine traumhafte Altstadt, über die Havanna verfügt. „Die Menschen hier“, schreibt Leonardo Padura über die Hafengegend von Havanna, „waren die Leidtragenden einer wirklich grausamen städtebaulichen Vernachlässigung. Täglich wurden sie aufs Neue deprimiert, wenn sie auf die Straße hinaustraten und dieses düstere, trostlose Panorama vor sich sahen.“ Paduras Roman „Das Meer der Illusionen“ erschien 1998 – einige Jahre nachdem die aufwendige Restaurierung der 1982 zum Weltkulturerbe erklärten Altstadt einsetzte.

Die Altstadt von Havanna ist eine Perle der Karibik

„Habana Vieja“, wie die Altstadt von Havanna auf spanisch heißt, ist eine Perle in der Karibik und zieht Besucher aus der ganzen Welt an. Doch die historische Inszenierung der Altstadt hatte die alten Hafenanlagen des Viertels bislang unberücksichtigt gelassen. Verfallene Docks, eine qualmende Raffinerie, baufällige Häuser und eine von Abwässern und Industrieabfällen verseuchte Bucht zeigten die Kehrseite jener ehrwürdigen Dame der Karibik, als die Havanna gerne bezeichnet wird.

Seit vielen Jahren wird die Altstadt von Havanna liebevoll restauriert

Erst vor drei Jahren verordnete man ihr eine umfassende Schönheitskur. Das für die Sanierung der Altstadt zuständige Büro des Stadthistorikers entwarf einen Plan, der die Bucht von Havanna in neuem Glanz erstrahlen lassen soll. „Die Bucht“, sagt Orlando Inclán, der leitende Architekt, „ist ein Symbol, sie steht für den Ursprung der Stadt und ist ein Teil dessen, was uns heute ausmacht“.

Inclán träumt von einem Gewässer mit Möwen, Pelikanen und Segelbooten, von Einwohnern und Touristen, die sich abends am Ufer an der salzigen Brise erfrischen und ein Bier trinken. Die Brauerei im historischen Stil, in der österreichisches Bier geboten wird, ist bereits eröffnet – in einer ehemaligen Lagerhalle für Tabak. Eine schwimmende, mit den Ufermauern verbundene Promenade soll folgen, ebenso eine weitläufige Parkanlage. Ein altes Terminal für den Fährverkehr wird wieder hergerichtet, wohl nicht nur zur Freude der afrokubanischen Schutzmadonna im gegenüberliegenden Ort Regla. Auch ein kleiner Yachthafen ist geplant, damit Yachtbesitzer direkt an der Altstadt festmachen können.

Kuba rechnet mit einer Aufhebung des Reiseverbots für US-Bürger

Damit das Wasser in der Bucht sauber wird, soll der Industriehafen 45 Kilometer westlich nach Mariel verlegt werden. Die Kosten für das gesamte Projekt, über die sich die Behörden selbst ausschweigen, schätzt der kubanische Ökonom Arturo López-Levy von der Universität Denver auf etwa 100 Millionen Dollar.

Für den finanzschwachen Staat ist das eine gewaltige Summe. Es dürfte eine Investition sein, die bereits auf die Aufhebung des Reiseverbots von US-Bürgern zielt. Zwar kamen im letzten Jahr knapp drei Millionen Touristen nach Kuba – die meisten aus Kanada und Westeuropa – und spülten 2,6 Milliarden Dollar in die Staatskasse, was ein Fünftel der Deviseneinnahmen ausmachte. Wenn jedoch das Reiseverbot aufgehoben würde, so kalkuliert man im kubanischen Tourismusministerium, dann könnte der Fremdenverkehr gewaltig zunehmen. Bis vor wenigen Jahren hatte Kuba in erster Linie auf das Massengeschäft gesetzt, konnte seinen Rivalen in der Karibik damit jedoch nicht den Rang ablaufen.

Kuba konzentriert sich jetzt auf das Luxussegment

Nun konzentriert sich der Inselstaat zunehmend auf das Luxussegment. Elf Golfplätze mit Wohnanlagen und Hotels sind in Planung, die wichtigsten sollen im 150 Kilometer von Havanna entfernten Varadero mit seinen weißen Stränden entstehen. Die Verhandlungen mit ausländischen Investorengruppen laufen bereits. Hinzu kommt der Bau und Ausbau von Yachthäfen.

Ebenfalls in Varadero soll die größte Marina der Karibik entstehen. Solche großen Pläne erinnern etwas an die Vergangenheit – als Meyer Lansky, unter der Ägide des Diktators Batista, in den 1950er Jahren ins Tourismusgeschäft einsteigen wollte. In seinem Roman „Der Nebel von gestern“ beschreibt Leonardo Padura, was sich der Mobster davon versprach: „eine ‚goldene Küste' zwischen Mariel und Varadero, ein mehr als zweihundert Kilometer langer, traumhafter Küstenstreifen, knapp neunzig Meilen von Florida entfernt ... mit den schönsten Stränden der Welt und ganz besonders gut geeignet für den Bau von Hotels, Spielcasinos, Luxusappartements, Yachtklubs, Restaurants und unzähligen weiteren Attraktionen.“

Doch Castros Revolution von 1959 machte dieses millionenschwere Projekt zunichte. Fast scheint es so, als wolle Kuba heute mit Golfplätzen und Yachthäfen an die alte Zeit anknüpfen, und doch sind diese Projekte in der Altstadt von Havanna – zusammen mit Varadero das wichtigste Touristenziel – sehr viel kleiner ausgelegt.

Die Meldung vor drei Tagen, nach der für den Ausbau des Hafengebietes Gebäude abgerissen werden, ist sehr viel weniger dramatisch, als sie klingt. So erfolgt die Sanierung und Erweiterung des Hafengebiets im wesentlichen konservativ. Abgerissen werden in erster Linie Gebäude der alten hässlichen Industriebrache. Alle bedeutenden Monumente werden zumindest in ihrer Struktur erhalten und in die moderne Stadtplanung integriert, auch die Traufhöhe bleibt gewahrt. „Ich glaube nicht“, so sagt der am Vorhaben beteiligte Stadtplaner Julio César Pérez, „dass der Bau von Hochhäusern Havanna gut täte. Wozu sollten wir Hongkong oder New York ähneln?“ Die größte Herausforderung der Umgestaltung aber liegt wohl darin, dass sich nicht nur Besucher, sondern auch die Bewohner des Hafenviertels im neuen Umfeld wohlfühlen.

Wenn der Yachthafen fertiggestellt sein wird, werden sie es in Zukunft mit reicheren Urlaubern zu tun bekommen, als bisher.

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