Fashion Week Berlin 2016 : Liebeskind wird groß

Mit coolen Taschen im mittleren Preissegment ging es 2003 los. Es folgte ein kometenhafter Aufstieg. Heute gehört die Berliner Firma zur S. Oliver Group und will „Lifestyle“ verkaufen. Ein Besuch am "Premium"-Stand.

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Den knallbunten Affen machen: Die Taschenreihe Macaque ziert jeweils ein stilisierter Affenkopf.
Den knallbunten Affen machen: Die Taschenreihe Macaque ziert jeweils ein stilisierter Affenkopf.Foto: Liebeskind

Dass ein Modekreativer ausgerechnet das Rudern schätzt, den Sport, in dem man das Kommende im Rücken hat und vor den Augen das Geschehene, ist erstaunlich. Andererseits nennt Adrian Margelist es seine herausragendste Qualität, Geschichte und Erbe einer Marke erspüren zu können, die „Heritage“. Dafür ist der Blick zurück natürlich ein Muss.

Die „Heritage“ in diesem Fall ist „urbane Coolness“, Vintageleder, „handcrafted details“, denn es geht um die Firma Liebeskind. Und was ist die Zukunft?

Das ließ sich in den vergangenen Tagen in Halle 7 der Premium-Messe am Gleisdreieck besichtigen. Ein aufwendiger Showroom präsentierte auf der einen Seite das Motto „Black is the new Black“, schwarze Wände, schwarzen Boden, schwarze Regale und darauf drapiert das Liebeskind-Kernprodukt: Taschen.

Große, kleine, schmal oder bauchig, auch hier viel Schwarz, gewaschenes Leder, verschiedene Strukturen, viel Pythonlook, schwarze Schnallen. Alles „cool und urban“, wie Margelist gleich noch mal sagt, eindeutig seine Lieblingsattribute. Und am anderen Ende des Showrooms zeigt sich das Label, wie man es von Messen kannte: heimelig-holzfarben. Dort hängt die Damenoberbekleidung, Jacken, Blusen, Halblanges, Wickelbares, Mustermixe und Lagenlooks.

Das ist die neue Herbst-Kollektion von Liebeskind, die erste von Margelist und die erste, seit die S. Oliver Group aus Unterfranken den Betrieb ganz übernommen hat, den 2003 die Brüder Julian und Johannes Rellecke und Semih Simsek in Berlin gegründet haben. Im vergangenen Jahr hat der neue Besitzer eine ganze Riege neuer Entscheider bestellt, unter ihnen als „Creative Director“ Margelist: Schweizer, Ruderer, studierter Modedesigner, früher tätig bei Navyboot, einem Schweizer Schuh- und Accessoirehersteller, und für MCM, die teuren Taschen aus München, als Mann in Seoul.

Die neue Kollektion heißt "Power of Geisha"

Gerade flitzt er auf dem Stand herum, sympathisch-jungenhaft, auch er ganz in Schwarz mit Filzhut. „Läuft super!“, ruft er, es werde gut geordert. Die Kollektion trägt den Titel „The Power of Geisha“ und beinhaltet ausgedachte Farbnamen wie Fujiblau sowie Taschenserien namens Nagano (ein Shopper, der nach ersten Meinungen das Zeug zum Topseller hat), Last Samurai oder Macaque.

Adrian Margelist, der neue Creative Director von Liebekind im Showroom.
Adrian Margelist, der neue Creative Director von Liebekind im Showroom.Foto: Thilo Rückeis

Die Taschen sind mit „Print-Patch-Artwork“ versehen und zeigen einen stilisierten Affenkopf, der aussieht wie ein afrikanischer Mandrill, aber ein japanischer Makake sein soll. Die übergroße Kopie eines alten Geisha-Bilds hängt auch am Stand, aber so richtig scheinen weder ihr konzentrierter Blick noch ihr traditioneller Look zum Messegesummse zu passen. Und was überhaupt hat die Geisha mit der coolen Liebeskind-„Heritage“ zu tun? Ganz klar: Dass Geishas starke Frauen sind – wie die Kundinnen. So hatte man das ja noch gar nicht gesehen!

Mit der neuen Kollektion will Liebeskind Frauen halten, die sich schon früher für seine Taschen interessierten, die mit Preisen bis 200 Euro im mittleren Preissegment lagen. Und neue gewinnen, die auch das Doppelte investieren können – und Interesse an dem „Lifestyle“ haben, für den Liebeskind stehen möchte (und der natürlich „cool und urban“ ist).

Margelist sagt, dass er – Berlinfan, der er sei – Liebeskind immer im Auge gehabt und den rasanten Aufstieg verfolgt habe. Die Firma habe sich im Grunde lehrbuchartig entwickelt: drei Jahre „upcoming“, drei Jahre „peak“, also Höhepunkt, und dann einen Investor suchen, weil es richtig groß wird. „Das Kind war ready, es konnte aufstehen und alleine losgehen“, sagt Margelist. „Eher losrennen.“ 2010 stieg dann die S.Oliver Group zunächst mit 50 Prozent ein, und gab dem laufbereiten Kind quasi den Startschuss.

Taschen, Schuhe, DOB, Brillen, Uhren - wann leiert eine Marke aus?

Zugleich ist mit den Jahren die Produktpalette von Liebeskind breiter geworden. Manchen Ladenbetreibern wurde das zu viel, die strichen die Marke aus ihrem Sortiment. Taschen, Portemonnaies, Gürtel, dann Schuhe, Damenoberbekleidung, Jersey, Strick. Und Uhren und Brillen als Lizenzprodukte. Leiert eine Marke nicht aus? „Ja natürlich“, sagt Margelist. „Wenn es irgendwann Toilettenpapier von Chanel gibt, ist die Brand verwässert.“

Nagano heißt diese Tasche, es gibt sie in verschiedenen Styles, und die bisherigen Reaktionen seien ausschließlich begeistert, heißt es bei Liebeskind.
Nagano heißt diese Tasche, es gibt sie in verschiedenen Styles, und die bisherigen Reaktionen seien ausschließlich begeistert,...Foto: Liebeskind

Für Liebeskind sieht er keine Gefahr. Zum Lifestyle, den sie bieten, gehöre eben mehr als ein Produkt. Aber noch mehr, Parfüm beispielsweise, würden sie nicht machen. Und Herrenkleidung sei auch nicht mehr in Planung. Sie würden im Gegenteil „fokussieren“. Und zwar in jeder Beziehung: Aus zwei Berliner Standorten an der Stralauer Allee (Showroom und Ateliers) und gegenüber im 22. Stock des Allianzhochauses (Verwaltung), soll einer werden, an dem alle 80 Mitarbeiter zusammensitzen. Mehr als die bisherigen 600 stationären Händler soll es nicht geben, weniger Rabattaktionen, und die Produktion wird zurückgeholt nach Europa.

Laut Margelist kommt die aktuelle Kollektion bereits zu 80 Prozent aus Italien und zu 20 Prozent aus Portugal. Nichts aus Osteuropa, zu riskant offenbar. Die Kosten für die Rückholung aus Asien wolle man nicht an die Kunden weitergeben. Und dann soll die Qualität noch weiter verfeinert werden. Bei MCM habe er mit ganz anderem Leder zu tun gehabt, sagt Margelist und schaut schwärmerisch. Seine Idee ist eine Tasche, die sich anfühlt wie 500 Euro, aber nur die Hälfte kostet. Das wäre natürlich obercool.

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