Mode: Fashion Week : Berlin, die Stadt der verschwindenden Kulissen

Mithilfe von Locationscouts suchen Modeproduktionen in Berlin vor allem den Trash der 1990er Jahre – der aber immer seltener wird.

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Schön schmuddelig: Beinah jede Ecke Berlins bietet Platz für ein Shooting.
Schön schmuddelig: Beinah jede Ecke Berlins bietet Platz für ein Shooting.Foto: I like Productions

Die Fashion Week geht zu Ende, Berlin sah vier Tage lang viele schöne Menschen – und was sahen die? Eine Stadt, die auch 27 Jahre nach ihrer zweiten grundstürzenden Veränderung noch auf besondere Weise einzigartig aussieht. Nur hier gebe es vereint auf wenigen Metern Straßen total unterschiedliche Ansichten: hier die betulichen Blümchen im Vorgarten und direkt daneben Glasfassadenneubauten. Wo gibt es das sonst? Einen „Welt-Flip“ nennt Bettina Beissmann das. Das sei Berlins Besonderheit. Und ein Segen.

Bettina Beissmann vermittelt seit 2009 mit ihrer Firma „I like Productions“ die Looks der Stadt an Werbe- und Modeagenturen und Fashionmagazine, als Hintergrund und Kulisse für Fotos. Früher hat sie selbst fotografiert. Ihre Erfahrung ist, dass Berlin heute fast alles habe, was die Branche nachfragt, und von dem auch mehr als genug. Nur das, was die Stadt für Modeproduktionen so besonders interessant gemacht hat, das vergehe allmählich: der rumpelige Charme des Unfertigen.

Seit etwa zehn Jahren bemerke sie das. Genau die Zeit, die die Fashion Week in der Stadt ist. Eine Zufälligkeit? Vielleicht nicht nur. Denn, wie Bettina Beissmann auch festgestellt hat, das Arbeiten sei in den Jahren entscheidend leichter geworden. Mit der Etablierung der Stadt, dem Zuzug der Vielverdiener und der Geschäftigen und der parallelen Marginalisierung der früher allgegenwärtigen Partymacher habe sich der Spirit der Stadt verändert, professionalisiert – „Jetzt geht mal jemand vor zwölf Uhr mittags ans Telefon“, sagt Bettina Beissmann und lacht. Außerdem sei mehr Infrastruktur vorhanden. Cafés für die Lunchpausen, wo früher Brote und Thermoskannen aufgefahren werden mussten, nur als ein Beispiel.

Was sich in derselben Zeit dagegen nicht oder kaum verändert habe, sei das Bild von Berlin jenseits der Stadtgrenzen. Fast alle Auswärtigen, die nach Berlinmotiven fragen, und das sind bei I like Productions auch viele türkische und chinesische Modefirmen, hätten noch immer den Post-Ost-Trümmer-Chic der 1990er Jahre vor Augen. Den müsse man immer länger suchen, sagt Bettina Beissmann, im Zentrum finde man ihn kaum noch, eher in Randlagen. Aber natürlich bekämen die Kunden ihren Trash-Ort, wenn sie ihn wollen.

Ein Großteil der Arbeit in Bettina Beissmanns Branche besteht darin, den Wandel Berlins mitzubekommen. Was verschwindet, was entsteht neu, wie sieht das aus, wo darf man hin? Laut dem Bundesverband Locationscouts sind in Berlin geschätzte 40 bis 50 Firmen unterwegs, verlässliche Zahlen gibt es nicht, der Beruf des Location Scouts ist nicht geschützt, jeder kann sich so nennen.

"In Berlin ist doch quasi neun Monate Winter"

Aber die Konkurrenz um die besten Plätze ist es nicht, was den Beruf herausfordernd macht. Sondern: das Wetter. „Hier ist doch quasi neun Monate Winter“, sagt Beissmann. Deshalb sitzt sie an einem Freitag vor zwei Wochen außerplanmäßig drinnen, statt planmäßig draußen und beobachtet, während ergiebiger Regen über Berlin niedergeht, das Shooting für ein neues Heft von Front Row Society, einem Artist-Label, das Künstler und Mode zusammenbringt.

Vor einer weißen Wand dreht und wendet sich Model Mila Rabini, eine Front-Row-Society-Tasche aus limitierter Kollektion in der Hand, die sie mal über ihre Schulter hängt, mal mit krummem Rücken auf dem Boden aufsetzen lässt, Fotograf Daniel Peter Schulz macht seine Arbeit, Musik kommt vom Band, die Crew schaut zu. Dann Check am Computer, sind die Bilder wie gewünscht? Die Stylistin tippt mit dem Zeigefinger etwas Creme auf den Mund des Models, das die Lippen spitzt und mit auf den Computer schaut. Alle sind einverstanden.

Der Fußboden passe super, sagt Rebecca Ilse, Head of Design bei Front Row Society. Er ist schwarzgraubeige gesprenkelt. Früher wurden hier Einkaufswagen entlang geschoben mit dem drin, was es gerade gab, denn der Flachbau, in dem die Werbekampagne fotografiert wird, war ein Konsum, Betonung auf O, ein DDR-Einkaufsmarkt.

Dem Label ist das egal. Hauptsache, der Look passt. Und nicht nur der! Die Künstlerin, die das Taschendesign erfand, Fiene Scharp, ist Berlinerin, das Label sitzt in Berlin, und dann ist hier noch die Fashion Week, zu der sie ihren Showroom öffneten. „Lasst uns hier bleiben“, hätten sie irgendwann gedacht. Sie verwarfen den Anfangsplan Paris – und nun also Schneeglöckchenstraße 29a. Könnte ein Kontrast größer sein? Ist das noch „Welt-Flip“ oder eher „Universum-Flip“?

Townhouses und Trash-Ecken – alles da, nur eines fehlt Berlin

Hier, Ecke Oleanderstraße, wo Prenzlauer Berg fast Lichtenberg ist, war anfangs das Büro von I like Productions, bevor sie nach Mitte umgezogen sind. Jetzt ist hier ihr Studio und Ausweichquartier für die rund 3.000 Orte, die sie allein für Berlin in ihrer Datenbank haben.

Anders als bei Filmproduktionen, für die die meisten Locationscouts herumspähen, braucht es bei Fotoproduktionen keine großen Terrains, die stimmen müssen, es braucht nur Ausschnitte: die Granitstrukturen im Denkmalsockel, die noch nicht getilgten Graffiti, drei Stufen einer Treppe. Oder, was immer geht: Dachterrassen, der Blick über die Stadt.

Die Orte entdeckt I-like-Productions-Mitarbeiter Björn Wallbaum am liebsten, in dem er durch Gegenden spaziert, von denen er sagen kann „da war ich vorher noch nie“. So richtig zu Fuß ist er unterwegs, mit viel Zeit, so dass er den Weiher hinter der Garage nicht übersieht, die Bank neben der Brücke oder auch die Einrichtung, die sich durch die hohen Fenster eines Townhouses erspähen lässt.

Weiher, Townhouses, Glasfassaden, Vorgärten, Trash-Ecken – alles da, was fehlt Berlin denn dann? „Schlösser“, sagt Bettina Beissmann ohne Zögern und weiß Abhilfe: Wer barockes Adelsflair sucht, den schicke sie zu ihrer Partneragentur – nach Stuttgart.

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