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Welt : "Naokos Lächeln": Erwachsenwerden ist der Tod

13.04.2001 00:00 UhrVon Harald Martenstein

Haruki Murakami - das ist der Autor, der vor ein paar Monaten das "Literarische Quartett" in die Luft gesprengt hat. Erinnert sich noch jemand? Sigrid Löffler hat damals Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte" für pornographisch gehalten, Marcel Reich-Ranicki hat ihn zur Weltliteratur erklärt, danach wurden die beiden persönlich, den Rest kennt man. Recht hatte übrigens Reich-Ranicki.

Kürzlich saß das Quartett in neuer Zusammensetzung über einen weiteren Roman von Murakami zu Gericht. Es ging überraschend unentschlossen zu. Verreißen wollte das Buch niemand. Andererseits hatte auch niemand Lust, sich zu einer groß angelegten Lobpreisung aufzuraffen.

"Naokos Lächeln" ist ein älteres Werk, erschienen 1987, es war in Japan sehr erfolgreich und hat Murakami dort zu einem berühmten Mann gemacht. Dass es jetzt auf Deutsch herauskommt, hängt natürlich damit zusammen, dass Murakami in den letzten Jahren auch in Deutschland zum Star geworden ist. Aber er hat auf höchstem Niveau dazu gelernt, er hat nach 1987 die noch besseren Geschichten geschrieben. Bei fremdsprachigen Autoren muss man sich damit abfinden, die Werke in einem mehr oder weniger zufälligen Rhythmus serviert zu bekommen, so, wie sie übersetzt werden. Das noch nicht so perfekte Werk kommt deshalb oft erst nach dem späteren, ausgereiften.

Der eine oder andere deutsche Leser könnte deshalb von "Naokos Lächeln" ein wenig enttäuscht sein. War "Mister Aufziehvogel" nicht kraftvoller? Warum hinterlässt "Gefährliche Geliebte" den stärkeren Eindruck? Die späteren Romane haben Hauptfiguren, die erwachsene Männer sind. "Naokos Lächeln" aber ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden. Im Original heißt der Roman "Norwegian Wood", nach einem Song der Beatles. Wie immer bei Murakami könnte die Handlung des Buches genauso gut in New York oder in Berlin spielen. Sie beginnt im Jahr 1968, der Text ist durchwebt von der Musik der 60er Jahre, und sein Held Toru ist in diesem Jahr 1968 ungefähr so alt, wie Haruki Murakami es damals war - achtzehn, neunzehn. Ein Student. Die Studentenrevolte spielt keine tragende Rolle, sie bleibt Hintergrund. Torus Freund und großes Vorbild Kizuki begeht Selbstmord. In den nächsten Jahren kreisen Torus Denken und Fühlen um Naoko, Kizukis Freundin. Naoko liebt ihn vermutlich. Aber sie entfernt sich, sie gleitet aus der Welt hinaus, in Richtung Depression und Wahnsinn. An der Universität lernt Toru das Kontrastprogramm zu Naoko kennen, Midori, voller Lebenslust und Kraft. Während Toru um Naoko kämpft, kämpft Midori listig um ihn. Am Ende versinkt Naoko wie ein Traum. Midori siegt. Toru ist in der Welt angekommen.

Erwachsenwerden ist wie der Tod. Etwas Einmaliges verschwindet. Traurig, aber unvermeidlich. Der junge Mensch, der man war, lebt aber weiter, als Erinnerung, als Bild, als ein melancholischer Traum. Bei Murakami geht es immer um die großen, schweren Fragen des Lebens, aber es liest sich federleicht. Auf den ersten Blick ist er ein altmodischer Erzähler. Erst allmählich spürt man, wie raffiniert er ist und wie sehr auf der Höhe der Zeit. Die so genannte Wirklichkeit und die Phantasie haben in seinen Büchern das gleiche Gewicht, genau wie in den Köpfen. Passiert das jetzt wirklich oder stellt die Romanfigur sich das bloß vor? Diese Frage stellt man sich in seinen Büchern oft. Die Phantasie ist bei Murakami eine reale Macht, wie im Leben. So viele Dinge tun wir nur deshalb, weil wir uns etwas einbilden. Und wie oft verleitet uns die Vorstellung, die wir uns von jemandem machen, zu den falschen Taten.

Die Erzählstruktur ist also auf so perfekte Weise modern, dass man sie fast schon wieder für traditionell hält. In "Naokos Lächeln" hat Murakami die Phantasie und das Realitätsprinzip allerdings noch säuberlich auf verschiedene Personen verteilt. In "Gefährliche Geliebte" spielt sich alles, fast alles, im Kopf ab. Naoko und Midori verschmelzen in dem späteren Werk zu einer Figur. Das ist ein Fortschritt.

Einige früherere Werke Murakamis wurden vom Japanischen ins Englische und von dort weiter ins Deutsche übersetzt. Stille Post. Barbarisch, nicht wahr? Den Stilisten Murakami kennen wir deshalb in Deutschland nur bedingt. So ist ein drolliger Streit über eine drollige Formulierung entstanden, aus "Gefährliche Geliebte": "Vögeln, bis das Hirn schmilzt" - hat Murakami das wirklich so geschrieben? Oder nur so ähnlich? "Naokos Lächeln" wurde nun wieder direkt aus dem Japanischen übertragen. Ein "Sturmbannführer" wird dabei allerdings zum "Sturmbandführer", das macht ein wenig misstrauisch.

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