Programm "Mystic" : NSA sammelt alle Telefonate eines Landes

Die NSA kann sämtliche Telefonate eines Landes aufzeichnen und speichern. Bisher war nur von Telefonverbindungen die Rede gewesen. Das Programm heißt "Mystic", wie die "Washington Post" berichtet.

Barbara Junge
Screenshot von der Webseite der NSA.
Screenshot von der Webseite der NSA.Foto: Screenshot

Der US-Geheimdienst National Security Agency (NSA) sammelt offenbar nicht nur, wie bisher von der US-Regierung behauptet, abstrakte Telefondaten und ermittlungsrelevante einzelne Gespräche im Umkreis Verdächtiger. Die „Washington Post“ berichtet jetzt, dass der Geheimdienst ein Überwachungssystem unter dem Namen „Mystic“ entwickelt habe, das in der Lage sei, „100 Prozent der Telefonate eines Landes“ aufzuzeichnen. Bis zu einen Monat lang würden die Gespräche gespeichert und könnten bei Bedarf wieder abgespielt werden. Eine Überwachungsanordnung sei dafür nicht nötig.

Die "Washington Post" beruft sich bei ihrer neuen Enthüllung zur NSA auf Material von Edward Snowdon

Die Zeitung beruft sich auf Material von Edward Snowdon und anonyme Informanten. Das Programm unter dem Namen „Mystic“ habe im Jahr 2009 begonnen. Auf welches Land es angewandt wurde, geht aus den Materialien offenbar nicht hervor. Dafür aber zeige das nicht-öffentliche Geheimdienstbudget eine geplante oder vollzogene Ausweitung auf mindestens fünf weitere Staaten.

Das Programm "Mystic" der NSA funktioniert wie eine Zeitmaschine

Das gewaltige Überwachungsprogramm mit dem Namen „Mystic“ funktioniere wie eine „Zeitmaschine“, heißt es in dem Bericht. Die NSA schneide „jedes einzelne“ Telefonat in einem Land mit und bewahre die Unterhaltungen der jeweils letzten 30 Tage auf. Damit könne der Geheimdienst Gespräche auch dann abhören, wenn er eine verdächtige Person zum Zeitpunkt des Telefonats noch gar nicht im Visier gehabt habe. Möglich mache dies ein „Retro“ genanntes Instrument, mit dem NSA-Agenten die gespeicherten Gesprächsinhalte durchsuchen und zurückspulen können.

Die Datenmengen, die bei dieser Aktion der NSA anfallen, sind schier unvorstellbar


Die Datenmengen, die beim Anzapfen des kompletten Telefonnetzes eines Landes anfallen, sind schier unvorstellbar. Laut „Washington Post“ lagern auf den Servern der NSA zeitgleich die Aufnahmen von „Milliarden“ Telefongesprächen. Mitarbeiter der NSA würden außerdem jeden Monat „Millionen“ Mitschnitte mit verdächtigem Inhalt an den Langzeitspeicher des Geheimdienstes schicken.

Die US-Regierung verweigert eine Stellungnahme

Die US-Regierung und die NSA verweigerten eine Stellungnahme zu den neuen Vorwürfen. Der Bericht, sollte er den Tatsachen entsprechen, wäre nicht nur für potentiell abgehörte Staaten ein neuer Skandal. Die US-Regierung müsste auch weitere Verfassungsklagen im eigenen Land fürchten. Denn würden tatsächlich alle Telefonate eines Landes aufgezeichnet, dann wären dabei mit großer Sicherheit auch Telefonate aus den oder in die Vereinigten Staaten darunter. Eine inhaltliche Ausforschung seiner Bürger hatte US-Präsident Barack Obama mehrfach verneint.

Seit Juni vergangenen Jahres gelangten durch Snowden-Enthüllungen eine Reihe von Spähaktivitäten der NSA und verbündeter Geheimdienste ans Licht. So überwachte die NSA auf der Suche nach Terrorverdächtigen nicht nur massenhaft E-Mails und Telefonate von unbescholtenen Bürgern rund um die Welt, sondern hörte auch Spitzenpolitiker aus befreundeten Staaten ab, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Auf die Empörung aus dem In- und Ausland reagierte Obama mit einer Überprüfung der Geheimdienstarbeit.