Usedom : Das leise Knirschen der Taue

Rund 30 Häuser stehen in Krummin auf Usedom, fast versteckt hinter Bäumen und Schilf. Wer Stille mag, kommt im Winter her.

Hans W. Korfmann
Hausbootleben am Achterwasser. Vor allem im Winter zeigt sich die Krumminer Wiek auf Usedom von der ganz beschaulichen Seite.
Hausbootleben am Achterwasser. Vor allem im Winter zeigt sich die Krumminer Wiek auf Usedom von der ganz beschaulichen Seite.Foto: Cornelia Schmidt

Der Ort Krummin liegt irgendwo dazwischen. Zwischen der See und dem wirklich festen Festland. Auf einem schmalen, parallel zur Küste liegenden Sandstreifen. Auf einem feuchten, mit Dämmen und Deichen mühsam gewonnenem Stück Land, das Usedom heißt, und das noch heute aussieht, als sei vor gar nicht langer Zeit einmal zu viel Meer zu weit über die Ufer geschwappt. Als hätten nicht alle Wasser den Weg zurück in die Ostsee gefunden und eine Reihe unzähliger kleiner Tümpel und Seen auf dem Sandstreifen zurückgelassen, die heute Namen wie Gothensee, Schmollensee oder Usedomer See tragen. Den größten dieser Tümpel nannten die Usedomer dann Achterwasser. Weil es hinter ihnen liegt, wenn sie über den Peenestrom aufs offene Meer hinausfahren. Und an diesem Achterwasser liegt Krummin.

Das Achterwasser ist selbst schon fast wieder ein Meer mit kleinen Ansiedlungen, Halbinseln und ganzen Inseln, Buchten und Landestegen. Die größte Bucht dieses Achterwassermeers ist die Krumminer Wiek, eine von einem breiten Schilfstreifen umstandene, seichte Bucht. Krummin ist ein stiller Ort, gar nicht weit entfernt von den alten Kaiserbädern mit ihren lauten Stränden und Sommergästen. Krummin mit seinen 20 oder 30 Häusern, seinen 50 oder 70 Einwohnern und seinen zwei Gasthäusern ist kaum zu sehen hinter dem Schilfstreifen und den Bäumen, die das Ufer säumen. Nur der Kirchturm der Michaeliskirche, die an der Stelle des alten Zisterzienserklosters steht, zeigt denen, die sich über das Achterwasser nähern, dass hier Menschen leben. Denen, die vom Festland hierher kommen, weisen 600 hoch gewachsene Linden den Weg, bis hinter einer kleinen Biegung plötzlich ein Friedhof und einige Bauernhäuser auftauchen.

Die meisten Gäste Krummins aber kommen aus der Luft. Es sind Enten, Möwen, Kormorane und Wildgänse. Tausende von ihnen treiben auf dem meist stillen Wasser der Wiek, Seeadler kreisen. Zwei Stege führen aufs Wasser hinaus, an einem, ganz am Ende, dümpelt eine alte, schon etwas angerostete Jacht. Sie liegt da schon seit Tagen und rührt sich nicht. An dem zweiten Steg sind wie kleine Häuser auf dem Meer zwei Hausboote festgemacht. Davor, auf der sanft schaukelnden Terrasse, sitzt eine junge Frau mit einem Fernglas in der Sonne und beobachtet die Vögel, neben sich eine Tasse Kaffee. Sonst ist anscheinend niemand hier. Es ist still in Krummin, nur weit entfernt, in den Wäldern auf der anderen Seite des Wassers, surrt leise wie ein Insekt eine Motorsäge. Der Flügelschlag eines seltenen Silberreihers, behagliches Knirschen der rauen Taue, die das schaukelnde Haus davor bewahren, aufs offene Achterwasser hinauszutreiben.

Es war ein Ort von Bedeutung

Es ist Winter. Zumindest dem Kalender nach. Und der Winter ist besonders still in Krummin. Außerdem kann er lang sein hier draußen. Im vergangenen Jahr brach das Eis erst im April, fast „ein halbes Jahr lang war die Wiek zugefroren“, erzählt der bärtige Hafenmeister. Hafenmeister erzählen meistens viel, aber auch der Herr Schmidt, der Eigentümer der beiden Hausboote, erzählt, dass „eine Familie aus Berlin, Mitte oder Prenzlauer Berg“ für zwei Wochen eines der schwimmenden Häuser gebucht hatte. „Die sind voller Panik wieder abgereist. Es war ihnen zu still. Die hatten Angst!“

Dass es überhaupt einen Hafen gibt inmitten dieser Naturlandschaft, inmitten dieses Schilfgürtels, der Brutstätte unzähliger Wasservögel, grenzt an ein Wunder. „Aber Rainer, der Pfarrer“, erzählt Herr Schmidt, „wollte eben schon immer einen Hafen haben.“ Der Pfarrer hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, die entlegene Gemeinde davor zu bewahren, nach all diesen schwierigen, glücklich überstandenen Jahren am äußersten Rand der Deutschen Demokratischen Republik, am Ende doch noch in die absolute Bedeutungslosigkeit zurückzufallen.

Krummin war schließlich nicht irgendein Ort, es war ein Ort von Bedeutung, spätestens, seit Herzog Bogsilav IV. im Jahre 1302 Land und Kirche seiner erst zehnjährigen „Gott geweihten Tochter Jutta und den übrigen Nonnen“ schenkte. 20 Jahre später war die kleine Jutta zur Äbtissin des Zisterzienserklosters von Krummin avanciert, das zum geistigen Zentrum der Region aufstieg. Eine Siedlung entstand, ein Gutshof, Bauern pflügten das Land um, Fischer durchpflügten das Achterwasser. Bald tauchte der Schatten des 50 Meter hohen Kirchturms von Krummin das Kloster von Wollin in den Schatten.

Also sammelte der Ortsgeistliche mit dem Klingelbeutel 5000 Mark, tauschte Altmetall gegen Fenster, „hängte den Talar an den Nagel“ und zog sich ein paar alte Hosen an. Schon zu DDR-Zeiten hatte er damit begonnen, die Michaeliskirche zu retten, hatte Mauerwerk ausgebessert, Fenster und Türen eingesetzt. Mit einem Traktor und einem 30 Meter langen Seil zog er das Kreuz vom Kirchturm, das in den Turm zu stürzen drohte. Und als nach der Wende immer mehr Schäfchen seiner Gemeinde ihre Arbeit verloren und in der langen Lindenallee verschwanden, um niemals wiederzukommen, als kein Kutter mehr in der Bucht anlegte, um Zuckerrüben zu laden, und als auch die große Werft am Peenestrom endgültig Konkurs anmeldete, da schien dem Pfarrer Rainer Berndt ein Hafen für die Freizeitsegler, die nun immer häufiger in Heringsdorf und den neuen „Marinas“ an der Küste auftauchten, eine gute Idee zu sein.

Es soll familiär bleiben in Krummin

Ein echtes Wunder also ist der Naturhafen von Krummin nicht. Denn Pfarrer Berndt hatte gute Beziehungen nach oben. Auch den Landrat kannte er, der eines Tages mit einem Freund in Krummin einsegelte. Die beiden Seefahrer waren sofort begeistert: Das war ein herrlicher Ort für einen kleinen Hafen. So entstand, zwischen Schilf und Enten, zwischen Äckern und Wäldern, an der großen Pfütze des Achterwassers der Naturhafen Krummin mit zwei hölzernen Stegen.

Und eines Tages eröffnete das Café „Naschkatze“ und die „Pferdetränke“. Ferienwohnungen wurden eingerichtet. Man begann, sich auf Sommergäste einzurichten. Segler kamen und blieben. Obwohl es noch immer keine elektronischen Parkuhren, keinen Stromzähler und keine Kaffeeautomaten gibt im Naturhafen. In der reetgedeckten Kombüse der Hafenmeisterei liegt neben der Kaffeemaschine eine Strichliste. Es soll familiär bleiben in Krummin. Auch wenn das schon eine ziemliche Großfamilie ist, im Sommer, „wenn alle 200 Liegeplätze belegt sind. Manche kommen eigentlich nur für eine Nacht und bleiben dann doch tagelang hier hängen.“ Auch zum kleinen Hafenfest sind die Plätze im Garten vor der Meisterei alle besetzt. Und der Hafenmeister steht schwitzend am Grill und schaut nach dem Fisch.

So ist die Vision des Pfarrers Berndt wohl in Erfüllung gegangen. Es gibt wieder etwas zu tun für die Menschen von Krummin. Die Touristen sind da. Sie leihen sich Fahrräder und radeln ans Meer, mieten sich Kanus und stechen in See. Sie springen vom Steg und von den Schiffen und von den Terrassen der Hausboote ins Achterwasser. Sie kommen aus Brandenburg und aus Thüringen, aus Berlin und aus Sachsen. Nur die Bayern sind noch nicht da. „Die haben ja noch nicht einmal die Ostsee entdeckt!“, sagt Herr Schmidt.

Im Winter aber ist es ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, dass manchen Berlinern bang wird. Nur ein Boot liegt am Ende des Stegs. Und vor einem der Hausboote sitzt eine Frau und schaut den Vögeln zu. Der Himmel ist blau über dem Meer, die Taue knirschen, leise quakt eine Ente im Schilf, manchmal raschelt der Wind in den Weiden. Dann ist es wieder still, ganz still.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben