Havelradweg : Mitten durchs Stillleben

Auf dem abwechslungsreichen Havelradweg muss niemand befürchten, in einer Karawane unterwegs zu sein.

Gerhard Fitzthum
Verweile doch, es ist so schön! Ob jenen Radlern im Brandenburgischen jemand dieses abgewandelte Faust-Zitat zugerufen hat?
Verweile doch, es ist so schön! Ob jenen Radlern im Brandenburgischen jemand dieses abgewandelte Faust-Zitat zugerufen hat?Foto: Schwarz, TMB

Wir stehen am vernagelten Bahnhofsgebäude von Klockow, umgeben von dichtem Wald, mitten im Nationalpark Müritz. Die Station bot sich scheinbar als Startpunkt an, weil sie der Havelquelle am nächsten liegt und man sich dieser von hier ganz unaufgeregt nähern kann – ohne die Radlerpulks, die vielfach an deutschen Flüssen entlangrollen. Ein bisschen Eigensinn also, bevor wir nur noch tagelang den Markierungen des Havelradwegs folgen.

Tatsächlich finden wir einen hübschen, gut befahrbaren Waldweg, vorbei am idyllisch gelegenen Ulrichshof, einer Enklave im Niemandsland. Unvermittelt taucht dann ein großer, frisch geschotterter Platz mit einer vier Meter hohen Stele auf. Obwohl es eine eigentliche Quelle nicht gibt, wurde hier vor wenigen Jahren eine flache Schale installiert, aus der tatsächlich Wasser strudelt. Offenbar hat jemand einen der nahen Seen unterirdisch angezapft. Von Natur aus flösse hier jedenfalls nichts, zumindest nicht so viel.

Eingriffe ins Wasserregime der Havel sind aber nicht neu. Um eine Mühle betreiben zu können, hatten die Mönche eines nahe liegenden Klosters schon im 14. Jahrhundert einen Damm aufgeschüttet und den Ausfluss des wichtigsten Quellsees nach Osten verlegt. Seitdem fließt das Wasser, das eigentlich der Havel gehört, nicht mehr den großen Umweg über die Elbe in die Nordsee, sondern direkt gen Norden, in Richtung Ostsee.

Eine Attrappe also, die vor uns liegende Havelquelle. „Die Menschen verdienen es aber nicht anders“, wird uns der Ranger im Nationalparkzentrum Kratzeburg später erklären. Radler und Ausflügler hätten sich immer wieder beschwert, dass im Quellgebiet nichts zu sehen sei. So hat die moderne Erlebnisgesellschaft bekommen, was sie verdient: Einen hübschen Platz für einen Fototermin, aber nichts Echtes, Authentisches. Kein Zweifel besteht indes, dass hier der 374 Kilometer lange Havelradweg beginnt. Er gehört zu den jüngsten der großen Flussradwege der Republik. Erst vor vier Jahren durchgehend markiert, folgt er dem weiten Halbkreis, den die Havel von der Müritz bis zur Mündung bei Havelberg macht.

Unweit der Quelle rollt man in eine offene Kulturlandschaft mit Wiesen, Äckern und Gehöften hinaus. Ein Graureiher stakst durch die Feuchtwiesen, oben schwebt ein Fischadler. Der einzige Mensch, der uns in der nächsten Stunde begegnet, ist ein Radler, der nach Kopenhagen unterwegs ist. Die Befürchtung, in der Karawane zu radeln, war also völlig unbegründet. Nur selten passiert man nun ein Einzelhaus oder ein Gehöft.

Auch der Radweg selbst ist nicht besonders aufregend. Kilometerlang geht es auf kaum befahrenen Sträßchen fern der Havel dahin. Mal rollen wir auf Verbundsteinpflaster, mal auf zweispurigen Betonplatten, entsprechend langsam sind die Autos hier unterwegs. Ungemütlich wird es erst kurz vor Wesenberg, wo die erste überörtliche Straße auftaucht. Immerhin weiß man jetzt wieder, wovor man aus der Hauptstadt geflohen ist.

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