Koloniale Vergangenheit : Straßennamen sind in beiden Städten nicht nur Wegweiser

In Berlin–Wedding und Windhoek offenbaren sie auch ein Stück deutsch-namibische Geschichte.

Jasmin Rietdorf
Luederitzstrasse
Die Vergangenheit ist in beiden Hauptstädten bis heute lebendig. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Was Fidel Castro und Otto von Bismarck vereint? Nun, in Windhoek ist es eine Eisenstange: Sie hält die Staatsmänner zusammen, im übertragenen Sinn versteht sich. Dort wo das Leben in der namibischen Hauptstadt pulsiert, kreuzt die Fidel-Castro-Straße die Independence Avenue, ehemals Kaiserstraße, und trifft in westlicher Richtung bald auf die Bismarckstraße.

Straßennamen weisen uns nicht nur den Weg durch die Stadt, sondern auch durch die Geschichte. Doch die Befürchtung vieler deutschstämmiger Namibier, die neue Regierung werde die deutschen Straßennamen aus dem Stadtbild verbannen, trat nicht ein. „Wir können Geschichte nicht umschreiben“ meint Barry Watson, Stadtplaner von Windhoek. Er vertritt damit die offizielle namibische Versöhnungspolitik. Straßen mit kolonialem Bezug gezielt umzubenennen, stehe nicht zur Debatte. Natürlich werden inzwischen auch afrikanische Führer im Stadtbild geehrt, die wie Nelson Mandela für Freiheit und Unabhängigkeit stehen. Doch genauso selbstverständlich sind die Namen Lüderitz, Trotha und Nachtigal auf Schildern zu finden, obwohl sie eher unrühmliche Rollen in der deutsch-namibischen Geschichte spielten. So ist der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz unter dem wenig schmeichelhaften Spitznamen „Lügenfritz“ bekannt, weil er mit Einheimischen Landverträge schließen ließ, denen er nicht wie üblich englische, sondern die fünffachen deutschen Meilen zu Grunde legte. Dieser Landerwerb markiert den Beginn der deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Grund genug, die Windhoeker Lüderitzstraße umzubenennen? Nicht für Petrine Moongela: Die junge Frau kommt aus Lüderitz, dem Hafenort am Atlantik. „Lüderitz bedeutet für mich meine Heimat“, sagt sie, zuckt mit den Schultern und lächelt.

In Berlin hingegen beschäftigt sich der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (BER) seit einigen Jahren kritisch mit dem kolonialen Erbe der deutschen Hauptstadt. Auch hier erinnern viele Straßen an die deutsche Kolonialzeit. Armin Massing wünscht sich, dass „der Kolonialismus nicht als Kavaliersdelikt wahrgenommen wird“. Dort wo vermeintliche Kolonialhelden geehrt werden, die die brutale Kolonialherrschaft begründeten oder umsetzten, sollen die Straßen nach afrikanischen Führern des antikolonialen Widerstandes umbenannt werden. So auch die Berliner Lüderitzstraße. Sie ist eine von 22 Straßen im Afrikanischen Viertel in Wedding.

Barbara Simon wohnt seit 26 Jahren im Viertel. Sie selbst kennt sich etwas in der Geschichte aus, doch „die wenigsten Bewohner wissen, dass der Nachtigalplatz nichts mit dem Vogel zu tun hat“. Er wurde 1910 zu Ehren Gustav Nachtigals benannt, dem offiziellen Begründer der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Und wenn es nach Armin Massing geht, soll man künftig im Afrikanischen Viertel genau darüber diskutieren: „Damit die Bewohner selbst wollen, dass die Straßen nicht nach deutschen Kolonialverbrechern benannt sind.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben