Marquesas : Das Wunder der Schönheit

Fast verlieren sich die Marquesas-Inseln in der Weite des Südpazifiks. Hier lebten Paul Gauguin und Jacques Brel. Die "Aranui 5" bringt Fracht und Passagiere hin.

Marc Vorsatz
Polynesier mit Muschelhörnern in geschmückten Auslegerkanus anlässlich eines Inselfestes auf Nuku Hiva.
Polynesier mit Muschelhörnern in geschmückten Auslegerkanus anlässlich eines Inselfestes auf Nuku Hiva.Foto: IMAGO

Es war Liebe auf den ersten Blick. Eine bedingungslose Liebe, entkoppelt von Zeit und Raum, wie sie in dieser Intensität vielleicht nur Künstlerseelen empfinden können. Als Jack London, der Poet des hohen Nordens, einst vor Nuku Hiva in der Südsee den Anker ging, ergriff ihn eine wahrhaft romantische Euphorie. „Man fühlt es fast wie einen Schmerz, so vollkommen ist die Schönheit.“ Das war vor gut 100 Jahren und daran hat sich bis heute nichts geändert. Es scheint kaum möglich, sich dem Zauber des Eilandes entziehen zu können.

Nuku Hiva gehört zu der vulkanischen Inselgruppe der Marquesas. Nur ein paar verlorene Nadelspitzen eines unterseeischen Gebirges in der Endlosigkeit des Südpazifiks. Aber was für welche! 14 kleine Basaltinseln, eine beeindruckender als die andere, mit religiösen Kultstätten einer untergegangenen Maori-Kultur in fruchtbaren tropischen Tälern, mit Bergnebelwäldern und kargen Gebirgskämmen, die so gar nicht ins Klischee des Südseeparadieses mit türkisfarbenen Lagunen und palmengesäumten Traumstränden passen.

Die aber trotzdem – oder gerade deshalb – von jeher Entdecker, Schriftsteller, Maler und Musiker in ihren Bann zogen. James Cook, Robert Louis Stevenson, Herman Melville, Jack London, Thor Heyerdahl, Jacques Brel, um nur einige zu nennen. Und natürlich Paul Gauguin, der wie kein anderer den Mythos Südsee prägte und in die Welt trug.

Alle drei Wochen wird der EU-Außenposten mit Errungenschaften der modernen Zivilisation beliefert

Viele gute Gründe also, die Marquesas zu besuchen. Da gibt es nur eine Hürde: Der Archipel gilt als das am weitesten von jedem Festland bewohnte Fleckchen Erde weltweit. Selbst von Tahiti, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum Französisch Polynesiens, und damit auch der Marquesas, sind es 1500 Kilometer zur entlegenen Provinz.

Eine Skulptur von den Marquesas aus der zurzeit wegen Umzugs geschlossenen Südseeaustellung im Völkerkundemuseum in Berlin-Dahlem.
Eine Skulptur von den Marquesas aus der zurzeit wegen Umzugs geschlossenen Südseeaustellung im Völkerkundemuseum in Berlin-Dahlem.Foto: Thilo Rückeis

Die angenehmste Art und Weise der Anreise ist die Cruise auf der „Aranui“. Das kombinierte Passagier- und Frachtschiff läuft die isolierte Inselgruppe alle drei Wochen an und beliefert die Bewohner des EU-Außenpostens mit allen materiellen Errungenschaften der modernen Zivilisation, von der Zahnpasta über Coca Cola bis hin zum Diesel für die Tankstellen.

Bei einer Inselexkursion erkunden die Kreuzfahrtpassagiere aus Übersee die liebliche Bucht von Hatiheu, die schon Robert Louis Stevenson im Jahre 1888, also kurz vor Jack London, zum Schreiben inspirierte. Die er seinen Lieblingsplatz im Schatten des mächtigen, gut 1200 Meter hohen Mount Tekao nannte. Noch immer wirkt die Bucht magisch auf ihre Besucher. Dunkelbraun ist der nur schmale Strand, meterdicke Basaltbrocken schützen das gleichnamige Dorf seit Menschengedenken vor der starken Brandung. Schützende Korallenriffe gibt es nirgends im Archipel.

Markant ragen vier Lavatürme aus dem Dickicht des Dschungels

Markant sind die vier Lavatürme, die steil aus dem dunkelgrünen, undurchdringlich wirkenden Dickicht des Dschungels ragen. Auf einem der Türme thront die weiße Statue der Jungfrau Maria. Seit 1872 ist sie Schutzpatronin der kleinen Gemeinde, deren gesellschaftliches und soziales Zentrum neben der Kirche wohl das Restaurant „Chez Yvonne Katupa“ ist.

Heute herrscht Hochbetrieb bei der charismatischen Yvonne, die an die 90 Jahre auf dem nun schon etwas krummen Buckel haben dürfte. Alle drei Wochen hat sie viel zu tun, immer wenn das Versorgungsschiff „Aranui 5“ vor Anker liegt und bis zu 254 Passagiere auf Exkursion an Land schickt. Aus Neuseeland, Australien und Europa kommen die meisten – und in Yvonnes Restaurant wollen sie die „typische“ Küche probieren.

Aufgetischt werden Spanferkel, Yamswurzeln und schmackhaftes Gemüse aus dem Umu, dem traditionellen Erdofen. Zwei Stunden gart das in Palmwedel gewickelte Essen, gut geschützt in einem Metallkorb, auf schwacher Glut im Boden. Das Ergebnis? Leicht rauchig, sehr lecker.

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