Kroatien : Der Thymian duftet noch

Auf den kroatischen Inseln Cres und Mali Losinj dauert der Sommer länger

Gerhard Fitzthum
Die Steinstadt Lubenice auf der Insel Cres kann auf eine 4000 Jahre alte Geschichte zurückblicken.
Die Steinstadt Lubenice auf der Insel Cres kann auf eine 4000 Jahre alte Geschichte zurückblicken.Foto: Stuart Black, picture-alliance

Mit Bora ist nicht zu spaßen. Wie ein wildes Tier faucht sie die ganze Nacht durchs Gebälk, als wolle sie nicht eher Ruhe geben, bis der letzte Dachziegel abgedeckt ist. Jetzt, am Morgen, weht der berüchtigte Fallwind noch immer, aber die Szenerie hat all ihre Bedrohlichkeit verloren. Denn einmal mehr strahlt die Sonne von einem wolkenlosen Himmel. Auf der geschützten Frühstücksterrasse ist es schon um neun Uhr morgens mollig warm. Versöhnt blicken wir in die Runde – auf Bucht und Hafen von Cres, den Hauptort der gleichnamigen Adria-Insel. 66 Kilometer lang, aber nur maximal zwei Kilometer breit, liegt sie in der Kvarner Bucht zwischen Istrien und der dalmatischen Küste – ein Streifen Land im Wasser, der direkt nach Süden zeigt, gen Afrika.

Von einem Inselidyll mit Palmen und Sandstrand kann allerdings keine Rede sein: Das kroatische Eiland ist ein raues Stück Erde, kaum besiedelt und nur spärlich bewachsen – im Sommer heiß und schattenarm, im Spätherbst aber goldrichtig: Genau die Wärme, die man braucht, wenn einem ein deutscher Winter bevorsteht.

Wir suchten ein wohltemperiertes Wandergebiet, für das man nicht in den Flieger steigen muss. Entschleunigt anreisen war die Devise: mit dem Nachtzug nach München, dort gemütlich frühstücken und dann weiter mit dem Eurocity nach Ljubljana, in eine Stadt, die wunderbar lebendig ist, ohne touristisch zu sein. Am nächsten Morgen schließlich durch das idyllische Hinterland Sloweniens nach Rijeka, wo am Nachmittag das Tragflügelboot ausläuft.

Eine gute Entscheidung. Überfüllte Restaurants und überlaufene Wanderwege muss man auf Cres zu dieser Jahreszeit nicht befürchten. Die rund 2500 Insulaner leben von den Gästescharen, die im Sommer kommen – zum Baden, Tauchen und Segeln. Entsprechend nachlässig sind die Angebote für die Nachsaison. Wanderer bekommen einen deutschsprachigen Faltplan in die Hand gedrückt, auf dem Maßstab und Höhenprofil fehlen und die Zeitangaben frei erfunden scheinen. Miteinander verbunden sind die Routen ebenfalls nicht. Wenn es so etwas wie ein Wanderwegenetz gibt, dann rund um das mittelalterliche Cres selbst. Wer sich den Rest der Insel zu Fuß erschließen will, wird zum Abenteurer, ob er will oder nicht.

Auch wenn uns Bora die Nachtruhe raubte – vom Wandern kann sie uns nicht abhalten. Man muss sich an solchen Tagen einfach nur gut überlegen, welche Route man wählt. Im Schutz des Bergzugs ist es völlig windstill, während man auf dem Kamm weggeblasen würde. Auf die Geier müssen wir deshalb heute verzichten. Die wären im Eko-Centar Caput Insulae bei Beli zu beobachten gewesen, dem zweiten zusammenhängenden Wandergebiet der Insel. Das liegt jedoch am Ostufer. Dort fegt der vom Festland kommende Wind jetzt ungebremst hinein.

Also hinüber ins Fischerdorf Valun. Wanderung Nummer 5. Drei Stunden? Oder viereinhalb? Aus der Karte werden wir nicht schlau. Übermarkiert ist die Route auch nicht gerade. Umso bezaubernder ist der sich an den Hang schmiegende Weg: Tief unter uns die Bucht in Ultramarin, die Cres mit Valun verbindet, im Westen streckt sich Istrien aus dem Wasser und im Norden dämmert der voralpine Karst im Dunst – Bilderbuchpanorama bei Bilderbuchwetter. Immer wieder fällt der Blick auf türkisgrün schimmernde Badebuchten, in die sich in dieser Jahreszeit allenfalls ein Spaziergänger verirrt. Es duftet nach Thymian und Wacholder, an kleinblättrigen Bäumchen hängen erdbeerähnliche Früchte, die wir noch nie gesehen haben.

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