Künstler Franz Wanner im Interview : „Die Wandelhalle war ein Tempel der Kur“

Franz Wanner zeigt Bad Tölz jenseits der Klischees. Bizarre Geschichten in Wort und Bild, exemplarisch für andere Kleinstädte.

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Hoch die Tassen. Trafo heißt das Video von Franz Wanner, dem dieses Bild entstammt.
Hoch die Tassen. Trafo heißt das Video von Franz Wanner, dem dieses Bild entstammt.Foto: Franz Wanner/Museum für Photographie Braunschweig

Den Bullen und den Knabenchor, die kennt jeder aus Bad Tölz. Und sonst? Wer weiß schon, dass Thomas Mann in dem bayerischen Kurort ein Landhaus besaß und das KZ Dachau ein Außenlager, dass hier in den 70er Jahren das vermutlich erste Spaßbad Europas eröffnete – und eine BND-Mitarbeiterin und Stasi-Spionin namens Gabriele Gast dort in der Umkleidekabine ihre Dokumente übergab. All das und noch viel mehr erzählt der Künstler Franz Wanner, 1975 in Bad Tölz geboren, zur Zeit in seiner Ausstellung „Gift-Gegengift. Krankheitsbilder einer Stadt“ (Museum für Photographie in Braunschweig, bis zum 18. August) in einem Geflecht von Geschichten in Wort und Bild.

Herr Wanner, für Thomas Mann duftete Bad Tölz nach Himbeeren und Moos, für Sie roch die Stadt nach Jod. Ziemlich unangenehm, fanden Sie. Sobald Sie konnten, nach dem Abitur, sind Sie geflüchtet.
Die Gäste kamen nach Tölz, um gesund zu werden. Ich bin lieber weg, um nicht krank zu werden. Für mich als Jugendlichen hatte die Stadt etwas sehr Enges.

Tölz? Wo bleibt denn da das Bad?
Daran kann man die Einheimischen erkennen, wir sagen einfach Tölz.

Sie haben jahrelang einen großen Bogen um die Stadt gemacht.
Mein Interesse an der Stadt wurde erst geweckt mit der Einladung zu einer Ausstellung in der alten Wandelhalle. Dort nahm man früher das Jodwasser ein, gurgelte und wandelte auf und ab. Ein riesiger Tempel der Kur: Die Vorstellung einer Heilung durch Luft und Jod hatte sich als Erfolgsmodell entpuppt. Heute steht er leer.

Was ist passiert?
Die Jodkur sollte die Arbeitsfähigkeit von Leuten, die durch die Arbeit in der Industrie geschädigt waren, wiederherstellen, das war ein in sich geschlossener Kreislauf. Jetzt gibt’s diese Art der industriellen Arbeit ja praktisch nicht mehr, inzwischen leiden die Menschen unter Stress, unter der permanenten Erreichbarkeit, deshalb greifen auch die alten Heilungsformen nicht mehr. Der Glaube an die Wirksamkeit des Jodwassers ist verloren gegangen. Das ist es, was mich interessiert: Wirkstoffe, die Aufladung mit Bedeutung und ihre Transformationen.

Was haben Sie dort gezeigt?
Ich habe ein Video mit dem Titel „Trafo“ gedreht, das jetzt auch in Braunschweig zu sehen ist, in dem „Investoren“ in der Wandelhalle auf Segways im Kreis fahren und schauen, was da zu holen ist. So hat das angefangen: Bei den Recherchen bin ich auf wunderbares Material gestoßen, ein Modell des Alpamare zum Beispiel, das marode und angeschimmelt war.

Das Erlebnisbad spielt eine wichtige Rolle in Ihrer Installation – waren Sie da als Jugendlicher Stammgast?
Hin und wieder bin ich dort hingegangen, aber mit der Zeit kennt man das. Außerdem ist es für einen Teenager nicht billig. Und man springt nicht jedes Wochenende ins Chlorwasser, wenn man die schönsten Seen vor der Haustür hat. Das machen eher die auswärtigen Gäste. Die Münchener gehen ja auch nicht ins Hofbräuhaus. Bei der Ausstellungsvorbereitung bin ich jeden Tag ins Alpamare gegangen: zum Zähneputzen, Duschen und Schwimmen. In der Wandelhalle, wo ich auf einem Sofa geschlafen habe, gibt’s kein Bad. Im Zuge meiner Recherchen habe ich auch einen super Super-8-Film von der Eröffnung gefunden, dem ich dann Filmstills entnommen habe. Das Spaßbad war der Versuch, das Meer über die Alpen zu holen, und die Kur mit neuen Mitteln fortzuführen – eine Freizeitutopie der 70er Jahre. Manche Bilder sehen aus wie aus einem Science-Fiction-Film, „2001 – Odyssee in Bad Tölz“, andere erinnerten an „Kraft durch Freude“. Es gibt eine vorgeführte Freizügigkeit, zu Werbezwecken wurden ein paar Nackte gezeigt, bei der Eröffnung schossen Schützen in die Luft (das Militärische und das Brauchtum gehören immer dazu), und für die Exotik sollten schwarze Frauen sorgen. Die haben dann die Weißwürschte serviert. Da prallten Welten aufeinander.

Und heute?
Es ist auch in die Jahre gekommen, man sieht dem Bad noch immer die 70er an.

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