Reise : Lebe wild und gefährlich

Warum Berliner Sprüche in Kopenhagen hip sind

Clemens Tangerding
Ruhiges Bein. So heißt der Designladen „Stilleben“ übersetzt auf Dänisch. Foto: promo
Ruhiges Bein. So heißt der Designladen „Stilleben“ übersetzt auf Dänisch. Foto: promo

„Sind Sie sicher, dass Sie uns sprechen wollen?“, klingt es etwas gereizt am anderen Ende der Leitung. Ein Mitarbeiter der Werbeagentur „Geist“ aus Kopenhagen ist am Telefon. „Hier rufen ständig Menschen an, die einen Tisch reservieren wollen“, erklärt der Werber. Vor wenigen Tagen hat in Dänemarks Hauptstadt ein Restaurant eröffnet, das denselben Namen wählte wie die bereits bestehende Agentur. Der bärtige Chef des besagten Restaurants steht am Tresen seines neuen Ladens am vornehmen Platz Kongens Nytorv und erklärt, wieso es keine Alternative zu dem deutschen Begriff gab. „Es gibt im Dänischen das Wort ‚Begejstring‘. Das deutsche Wort ‚Geist‘ ist die Essenz daraus“, erklärt Bo Bech, der zu seinem schwarzen Hemd ein Glas Champagner trägt. „Geist ist genau das, worum es hier geht“, sagt der 39-Jährige.

Ein deutscher Titel musste es auch für Konrad Jahn sein, dem das „Gefährlich“ gehört. Er sah den Schriftzug „Lebe wild und gefährlich“ kurz vor der Gründung seiner Bar im Jahr 2005 beim Bruder einer Kollegin an der Wand stehen. Der wiederum hatte den Spruch bei einem Besuch in Berlin aufgeschnappt. „Ich mag den Klang und wie das Wort aussieht“, sagt der blonde Jahn. Außerdem trage es etwas von dem Flair Berlins nach Dänemark, das bei Kopenhagenern derzeit die beliebteste Stadt sei.

„Berlin hat so unglaublich viele verschiedene Facetten, es hat so gute Vibrations und ist so offenherzig“, schwärmt der Besitzer des Clubs im Stadtteil Nørrebro, in dem sowohl Studenten als auch Immigranten und junge Familien wohnen. Auch die Besitzer des Cafés „Kreuzberg“ im Herzen der Hauptstadt fühlten sich von der großen deutschen Schwester inspiriert und hängten Fotos vom Alexanderplatz zu DDR-Zeiten und von den Mauerspechten am Brandenburger Tor in den Gastraum, allerdings keines von Kreuzberg.

Berlin aufregend und kreativ zu finden, gehört auch in der Straße Istedgade zum guten Ton. Sie führt ins ehemalige Arbeiterviertel Vesterbro und ist an ihrem Beginn am Hauptbahnhof von Sexshops, weiter draußen von kleinen Cafés, Modeläden und punkigen Frisören gesäumt. Ihre Anwohner nennen sie „Straße“ statt Istedgade und halten das für hip.

Die Besitzer des Designladens „Stilleben“, die das dritte l der Ästhetik wegen verbannten, werden von Gästen häufig gefragt, warum ihr Laden denn „ruhiges Bein“ heiße. Denn genau dies drücken die dänischen Wörter „stille“ und „ben“ aus. Nicht jeder Kunde in dem kleinen Ladenlokal nahe dem dänischen Parlament versteht die Sprachkapriolen der Kreativen.

Die Namensgeber der Agenturen „Geist“ und „Mensch“, des Modeladens „Baum und Pferdgarten“, der „Riesen“-Bar und des Frisörs „Kaiserschnitt“ hatten ihre Erweckungserlebnisse stets in der deutschen Hauptstadt, keiner in Köln, Hamburg oder München. Alle waren sie in den vergangenen Jahren mehrmals in Berlin, fühlten sich dort inspiriert und entschuldigen sich dafür, dass sie dieses Berlingefühl nicht richtig in Worte fassen könnten. Die Berliner würden einfach machen, ohne lange zu zweifeln, sagen die einen. In Berlin sei mehr Platz zum Leben und zum Denken, sagen die anderen. Manche Wörter sähen auf Deutsch einfach schöner aus, wird erklärt. Kopenhagen sei verrückt teuer, Berlin dagegen sehr billig, sagen alle.

Nicht jeder, der Deutsch spricht, ist bei den jungen Designern, Barbesitzern und Köchen so beliebt wie die Berliner. Die deutsche Minderheit in Dänemark gehört zu den Gruppen, über die man sich im Fernsehen und am Kneipentisch gerne lustig macht. Ihnen haftet das Bild des langsamen, etwas naiven Bauern an. Das Deutsch der Jütländer hat für kreative Kopenhagener nicht das Geringste mit dem Deutsch der Berliner Szene zu tun. Nur sprechen der jütländische Landwirt als personifizierte Rückständigkeit und der Berliner Künstler als Mensch gewordene Hipness Wörter nun mal gleich aus.

Vorgeblich für die deutsche Minderheit hat der dänische Autor Jakob Vølver ein Buch mit dem Titel „Wie Jütländer in Kopenhagen überleben“ geschrieben und damit vor allem die Kopenhagener Lacher auf seiner Seite. Der Autor empfiehlt seinen deutschsprachigen Landsleuten darin, die Bars in den alten Schlachthäusern in Vesterbro aufzusuchen, denn dieser Bezirk komme dem Flair der deutschen Hauptstadt sehr nahe. „Es ist beliebt“, so heißt es in dem Buch, „weil hippe Kopenhagener sich trendig wie in Berlin fühlen und sie die Wehmut der Arbeiter nachempfinden, wenn sie dort Bier und Champagner trinken.“

Nur der bekannte dänische Koch Bo Bech kam nicht in Berlin auf den Namen für sein neues Restaurant, sondern hat ihn bei einer Strategiesitzung mit seinem Kopenhagener Team aus einer Liste mit 35 Begriffen herausgefiltert. Sie hätten alle ausprobiert, erklärt Bech. Schließlich sei „Geist“ übrig geblieben. Bevor er mit seinem Champagnerglas hinter einer schweren Holztür verschwindet, sagt er noch: „Übrigens hat mich Berlin sehr inspiriert, ich war drei Mal da.“ War ja klar.

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