Reise : Leere Kabinen

Wenn Menschen auf Schiffen plötzlich verschwinden

Carl Cattarius[tdt]

Es ist die dunkle Seite der sonst so lustigen Kreuzfahrten: Menschen verschwinden auf hoher See. Nach einer Studie der kanadischen Memorial Universität von Neufundland sind seit dem Jahr 2000 von Luxuslinern 159 Passagiere und Crewmitglieder über Bord gegangen, 33 konnten gerettet werden.

Bleibt plötzlich irgendwo die Kabine leer, wird zwar meist Selbstmord vermutet. Aber auch Verbrechen sind nie auszuschließen: Die schwimmenden Hotelburgen sind Kleinstädte mit bis zu 6000 Menschen und 2000 Besatzungsmitgliedern – aber ohne Polizeirevier.

Wer eines der weltweit rund 350 Kreuzfahrtschiffe betritt, begibt sich zudem auf – oftmals eher unsicheren – ausländischen Boden. Passiert etwas, seien Urlauber „der Polizei des Dritte- Welt-Landes ausgeliefert, in dem das Schiff registriert ist“, berichtet Kendall Carver von der International Cruise Victims Association (ICV). Seit 2006 versucht die – in Sammamish im US-Bundesstaat Washington ansässige – Organisation, Licht ins Dunkel vieler Fälle zu bringen. Doch die wenigsten werden aufgeklärt – meist gibt es keine Leiche, Zeugen oder Spuren.

Eine Kreuzfahrt sei „der perfekte Weg, um das perfekte Verbrechen zu verüben“, urteilt der US-Abgeordnete Christopher Shays, der für den amerikanischen Kongress einen Bericht über vermisste Seereisende vorlegte. Darauf basiert nicht zuletzt seit 2010 ein Gesetz, das FBI und US-Küstenwache erlaubt, nach dem plötzlichen Verschwinden eines amerikanischen Bürgers auch auf im Ausland registrierten Schiffen Ermittlungen anzustellen.

Schwere Vorwürfe gegen die Reedereien erhebt der auf solche Fälle spezialisierte Anwalt James Walker. „Sie nehmen die Sicherheit an Bord nicht ernst genug“, sagt der in der Kreuzfahrten-Hochburg Miami ansässige Experte. Vieles werde unter den Teppich gekehrt. Damit dies nicht mehr passieren kann, fordert ICV nun „eine Art Sky Marshals zur See“, die unabhängig von den Reedereien sind. Die Sicherheitsleute sollen vor allem auch das Schiffspersonal überprüfen, weil es vonseiten der Besatzung immer wieder zu sexuellen Übergriffen kommt, sei es untereinander oder auf Passagiere.

Eine jetzt in Neuseeland an der Auckland University of Technology abgeschlossene Studie, die auf Zahlen des FBI und der Reedereien Carnival Cruises Lines und Royal Caribbean International basiert, verdeutlicht den Handlungsbedarf. Auf Schiffen, so die federführende Wissenschaftlerin Jill Poulston, gebe es „fast 50 Prozent mehr Fälle von sexueller Belästigung als beispielsweise in einem Land wie Kanada.“

Die Kreuzfahrtbranche selbst bestätigte – mit dem Hinweis auf damals jährlich 16 Millionen Passagiere – zuletzt 2008 weltweit 178 solcher Fälle binnen zwei Jahren. Doch das sei nur „die Spitze des Eisberges“, vermutet Walker. „Die Dunkelziffer liegt weitaus höher.“ Carl Cattarius, tdt

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