Vom Strand zum Binnenland : So schön anders

Im Lieper Winkel am Achterwasser gibt sich Usedom gar nicht mondän, sondern überaus idyllisch. Ganz ohne Hotels und Bars.

von
Idyll pur bietet der Lieper Winkel, einer mitten auf der Insel Usedom an der Ostsee gelegenen Landschaft. Umgeben von Wasser, Peenestrom und Achterwasser.
Idyll pur bietet der Lieper Winkel, einer mitten auf der Insel Usedom an der Ostsee gelegenen Landschaft. Umgeben von Wasser,...Foto: Volkmar Heinz

Das also ist der Gipfel. Der Jungfernberg, der über alles verfügt, was einem Höhepunkt gebührt: einen ausgeschilderten Weg, eine Bank zum Verschnaufen und – natürlich – ein Gipfelbuch, verborgen in einer kleinen Blechkiste hinter der Rückenlehne. Dort kann jeder in den Eintragungen seiner Vorgänger schmökern. Die reichen vom knappen „Geile Sache! Super Aussicht“ bis zum Zitat „Geh aus, mein Herz, und suche Freud’…“ nebst diverser selbst gestrickter Lyrik. Und natürlich wird die eigene Aufstiegsleistung hervorgehoben: mit letzter Kraft und ohne Sauerstoffgerät. Der Jungfernberg also. Reichlich 18 Meter ragt er über den Meeresspiegel, die höchste Erhebung im Lieper Winkel. Dieser wiederum ist eine Halbinsel, die pilzförmig zwischen Achterwasser und Peenestrom in die Boddengewässer der Insel Usedom hineinwächst.

Wer das Binnenland auf der B 110 über die Zecheriner Brücke verlässt und schnurstracks in die Kaiserbäder fährt, lässt den Lieper Winkel sozusagen links liegen. Ob das richtig oder falsch ist, hängt davon ab, wie man sich seinen Küstenurlaub vorstellt. Faustregel: Wem der coole Cocktail in der Hotelbar besser schmeckt als das kühle Bier in der Dorfkneipe oder wer sich in hochhackigen Pumps wohler fühlt als in kopfsteinpflastertauglichen Wanderschuhen, der ist im Lieper Winkel verkehrt. Natürlich sind Ahlbeck, Heringsdorf oder Bansin nur einen Steinwurf entfernt. Doch zwischen dem Aufbruch im Hinterland und Platznehmen auf der Seebrücke kann – je nach Verkehr und Dauer der Parkplatzsuche – schon mal eine knappe Stunde liegen. Die Halbinsel taugt also nicht als (Not-)Lösung bei der Quartiersuche für den Urlaub am Ostseestrand. Solcherart Degradierung wäre zudem ungerecht.

Die Reize des Lieper Winkels überblickt man vom Jungfernberg aus: Ringsherum ist Wasser. Fast ringsherum, man ist ja auf einer Halbinsel. Zwar durfte ein breiter Schilfsaum wachsen, doch hier und da haben die Bewohner Breschen ins Grünzeug geschlagen. Zum Beispiel in Warthe, dort, wo Fischer Peter Wolf sein Boot liegen hat. Das heißt, eines seiner Boote, mit denen sich „Vadder“ Rudolf um die Reusen im Achterwasser kümmert. Peter selber fischt meistens im offenen Meer. Manchmal nimmt er sogar Gäste mit auf seinen Kutter. „Die gucke ich mir aber vorher genau an“, will er gesagt haben. „Nicht, dass sie unterwegs anfangen zu jammern.“ Unabhängig davon: Wer in einer von Wolfs beiden Ferienwohnungen wohnt, hat eine Art Fisch-Flatrate, garantiert fangfrisch.

Ein paar Buchten weiter findet sich in Warthe auch kleines Hafenbecken, in dem ein paar Boote und ein Wassertreter vor sich hindösen. Wer das Achterwasser erobern möchte, lockert einfach die Leine, steigt ein und schippert los. Neben den Namen des Gefährts ist der Preis an die Bordwand gepinselt. Fünf Euro die Stunde. Am Wassertreter ist über die Sechs irgendwann mal eine Acht gekritzelt worden. Die Miete steckt man am Ende des Törns in eine olle Kassette, die als „Kasse des Vertrauens“ am Tor festgeschraubt ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben