Reise : Warten ist geschenkte Zeit

„Orly“-Regisseurin Angela Schanelec über die Romantik am Flughafen

Foto: promo
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Zwei Stunden am Flughafen. Zwei Fremde, Mutter und Sohn, ein junges Paar, eine Frau allein – sie alle warten auf ihren Flug. Begegnungen, Trennungen, Gespräche. 16 Tage lang, bei laufendem Flughafenbetrieb, drehte Angela Schanelec ihren Film „Orly“, der seit Donnerstag in den Kinos läuft.

Der Architekt Norman Foster glaubt, dass Flughäfen heute zu den meistgehassten Orten der Welt gehören und eigentlich neu erfunden werden müssen. Orly in Ihrem Film wirkt geradezu romantisch, schön.

Es ist sicher kein Zufall, dass mir die Idee zu meinem Film nicht etwa in München oder auf einem der anderen neuen Flughäfen kam, die ja vordergründig für die Passagiere gebaut werden, so dass sie sich wohler fühlen und ja nicht langweilen – sondern an einem Flughafen, der seit Jahrzehnten existiert und offensichtlich aus einem ganz anderen Gedanken heraus gebaut worden ist: Da herrschen Großzügigkeit, Transparenz und Einfachheit. Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf die Menschen gezogen. Beim Warten habe ich Lust gekriegt, ihnen zuzuschauen, das ist sehr schön, wie sie sich durch den Raum bewegen.

Fast wie auf dem Laufsteg.

Ja, das kommt durch die Ausmaße dieser offenen, unverbauten Halle. Durch die Größe entsteht gar nicht so eine Unbehaustheit, die diese ganzen Nischenrestaurants in heutigen Flughäfen vermeiden sollen, sondern eher das Gegenteil: Entspannung. Man hält sich gern dort auf. Dieses Bühnenhafte, das sich einem in Orly fast aufdrängt – auch in Amsterdam und Zürich am Flughafen habe ich das gefunden, diese Blicke und Bewegungen. Das hat etwas mit dem Licht zu tun, damit, wie der Raum aufgebaut ist.

Keine der Figuren im Film scheint in Eile zu sein, sie lassen sich alle nieder.

Eile am Flughafen ist ja eher ein Versehen. Die entsteht, wenn man zu spät gekommen ist.

Das Fliegen selbst geht schnell – aber am Flughafen verplempert man seine Zeit mit Schlangestehen und Rumhängen und Warten.

Nur wenn man es als Unglück empfindet, sich dort aufhalten zu müssen, nimmt man das als geraubte Zeit wahr. Meist empfinde ich das Warten als geschenkte Zeit: Ich habe am Flughafen keine Verpflichtungen, keiner kann mir einen Vorwurf machen, wenn ich dort einfach nur sitze und nichts tue. Und in Orly habe ich das tatsächlich häufig beobachtet, dass Leute ziemlich friedlich dasitzen. Alle Vorbereitungen sind ja getroffen, man hat das Ticket, hat gepackt und die Anfahrt hinter sich – es ist schon alles passiert. Jetzt muss man halt ein bisschen warten.

Sie haben in Orly bei laufendem Betrieb gedreht – haben die Reisenden Sie denn gar nicht registriert?!

Doch, schon, aber die hatten einen großen Gleichmut uns gegenüber. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass es keine Ansagen gab, keine Absperrungen, und durch die langen Brennweiten der Kameras einen großen Abstand zu den Schauspielern. Und die Tatsache, dass wir zwei Kameras hatten, hat die Sache noch diffuser gemacht. Keiner wusste, was wir da machen. Wir haben die Leute nicht gebeten, schneller vorbeizugehen oder langsamer, wir haben überhaupt nicht eingegriffen. Dadurch lief einfach alles automatisch weiter. Auf der Straße ist das ganz anders, da bleiben immer viele stehen. Am Flughafen sind die Leute sehr für sich. Das hängt vielleicht zusammen mit dem, was ich mit der geschenkten Zeit meinte: Man kann eine gewisse Anspruchslosigkeit erkennen, einen Gleichmut, auch sich selbst gegenüber.

Der französische Ethnologe Marc Augé spricht vom Flughafen als einem „Nicht-Ort“ – für ihn ein Nährboden von Einsamkeit.

Einsamkeit, das ist so negativ besetzt, vielleicht kann man es auch Alleinsein, Fürsichsein nennen – das finde ich auch notwendig in bestimmtem Ausmaß.

Am Ende des Films wird der Flughafen evakuiert. Wie war das, als Sie die Halle plötzlich ganz leer gesehen haben?

Enttäuschend. Das war nur noch ein normaler Raum. Aber daran merkt man eben, dass er für die Menschen gebaut ist. Rein architektonisch betrachtet gibt es natürlich weitaus Interessanteres als den Terminal in Orly. Doch das sind unter Umständen Gebäude, die mit Menschen nicht mehr funktionieren. Hier ist es andersrum: Der Raum wird durch die Leute schön. Und da ist wirklich alles schön, das Licht, die Flächen, die Struktur. Als der Raum leer war, dachte ich: Ja – das ist einfach nur ein Raum. Da ist nichts weiter.

Angela Schanelec war bei den Dreharbeiten zu ihrem Film

vom Pariser Flughafen fasziniert. Mit ihr sprach Susanne

Kippenberger.

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