"Roncalli"-Gründer Bernhard Paul wird 70 : Ein Leben als Clown

Er hat noch lange nicht genug von seinem Zirkus „Roncalli“. Heute wird Bernhard Paul 70 – als Zippo ist er weiter mit in der Manege.

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Zirkusgründer und Clown Bernhard Paul
Zirkusgründer und Clown Bernhard PaulFoto: dpa/Oliver Berg

„Roncalli“ – das war in den 1980er Jahren zwischen New Wave und Kaltem Krieg, in Autostädten und staatlichen Kultureinrichtungen eine Mischung aus Seufzer und Hoffnung für alle, die kulturell und veranstalterisch von etwas anderem träumten: Nostalgie war da plötzlich nicht nur erlaubt, sondern leicht und witzig; Unterhaltung war nicht mehr oder weniger biedere Wort- und Bildwitze, sondern wurde artistisch, glitzernd und auch ein bisschen edel.

Im Zirkus Roncalli waren großartige Artisten zu sehen und ganz neue, poetische Clowns: Pic mit seinen Riesen-Seifenblasen wurde zum Star der „Reise zum Regenbogen“. Tiere wurden, wenn überhaupt, eher freundlich spielerisch vorgestellt als dressiert. Das Programm war nicht auf die Manege beschränkt – vom Kartenkauf über den Einlass, bei der gastronomischen Versorgung, mit auf die Zuschauerwangen geschminkten Herzchen und jeder Menge Glitzer wurde das Publikum in eine Zirkuswelt aufgenommen, die nie verleugnet hat, Fantasie zu sein. Bernhard Paul, bekennender Perfektionist, hat sie zu einer erlebbaren Realität gemacht. Sein „Roncalli“ gastierte monatelang mit ständig ausverkauften und immer wieder verlängerten Gastspielen in den Städten – Ankunft und Abschied wurden jeweils mit großen Paraden, Feuerwerken und Festen begangen. So knüpfte der Zirkus über Jahre emotionale Bande zu den Fans.

Pathos kann er

Über das Konzept hatte Paul sich zuvor mit André Heller zerstritten. Später, 1992, gründeten beide in Berlin das „Wintergarten“-Varieté an der Potsdamer Straße neu. Da war die Poesie von Roncalli schon ein Erfolgsrezept. Man kann sich vorstellen, wie exakt die Erwartungen des Direktors an sein Personal waren. „Mir müssen sie gefallen“, sagt Paul über die Auswahlkriterien für „seine“ Artisten – und das dürfte damals selbst für Popcornverkäuferinnen und Platzanweiser gegolten haben: jeder ein kleiner Clown oder Artist.

Auch die Orte waren wohlgewählt. Nicht die großen asphaltierten und mit Infrastruktur ausgestatteten Park- und Messeplätze sollten es sein, an denen alle Zirkusse gastierten. Roncalli entdeckte noch begrünte Nischen, richtete die Plätze sorgfältig her: vor dem Gastspiel und auch danach wieder – und hat damit vielleicht ein bisschen beigetragen zur Wiederentdeckung der Stadt als Raum für Kultur und öffentliches Leben. Diesen Anspruch hat Direktor Bernhard Paul beibehalten: In Hamburg hat er gerade die Politiker der Bezirksversammlung Eimsbüttel überzeugt, auf der dortigen „Moorweide“ die Zelte aufschlagen zu dürfen. Das war tabu, weil immer wieder Veranstalter eine Wüste dort hinterließen – zuletzt ein Volleyballturnier, vor 30 Jahren wohl auch schon mal Kollege André Heller.

Paul will jetzt wieder beweisen, dass es anders geht, und erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch: „All meine Wünsche sind längst in Erfüllung gegangen“, sagte er dem „Hamburger Abendblatt“. „Nur die Moorweide ist mir bisher versagt geblieben.“

Pathos kann er – und hartnäckig bleiben. „Wer keine Visionen hat, soll zum Arzt!“, hat Paul der „Bild“-Zeitung gesagt. Vielleicht wird in Hamburg nach der Abreise ein kleiner Junge auf jener Moorweide sitzen, dem Zirkus nachtrauern – und zwischen Sägemehl und traditionellem Roncalli-Konfetti eine einzelne rosa glitzernde Paillette finden. So hat Bernhard Pauls Traum vom Zirkus begonnen.

Verzicht auf Tiere ab 2018

Als Direktor – dichte blonde Haarmähne, dunkel getönte Sonnenbrille – hat er den Zirkus über Jahrzehnte zu einem Großunternehmen entwickelt. Schon Ende der 80er Jahre gab es eine Fernsehserie. Mehrere Shows gleichzeitig touren durch Deutschland und Europa, auch feste Hallen werden bespielt – es gibt den „Weihnachtscircus“ im Berliner Tempodrom und an anderen Orten. Ab 2018 will Paul auf Tiere im Zirkus ganz verzichten, zuletzt treten noch einige Ponys bei ihm auf. Aber die sind im Zirkus nicht mehr so gefragt – und man braucht Platz für die moderner gewordenen Shows, Konzentration auf die Artistik. Ohne großen Server für digitale Abläufe läuft der Zirkus auch nicht mehr. Als Clown Zippo – entlehnt eher der deutschen Hanswurst-Traditionslinie der Clowns als der französischen Poesie oder der italienischen Commedia – ist und bleibt Paul selbst aber in der Manege.

Sein Leben lang hat der Zirkusmensch Paul Zirkusrequisiten, -wagen und -kostüme, Karussells und historische Möbel, ganze Kaufmannsläden gesammelt. Seit Jahrzehnten träumt er von einem Museum. In Köln soll das in den nächsten Jahren endlich entstehen.

Den Zirkus will der Herr Direktor irgendwann an seine drei Kinder übergeben, die als Artisten in ihrem Zirkus auftreten – Twens, denen er das inzwischen zutraut. An diesem Samstag wird Bernhard Paul 70 Jahre alt. Sein Circus Roncalli gastiert gerade in Köln – da, wo er vorgestern vor 41 Jahren seine erste Premiere hatte.

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