"Rückkehr ins Leben" : Kindersoldaten - ein Ex-Killer berichtet

Weltweit kommen hunderttausende Kindersoldaten zum Einsatz - auf Befehl müssen sie töten und foltern. Ishmael Beah war einer von ihnen. Seine Geschichte erzählt von den Horrorerlebnissen eines minderjährigen Killers, der zurück ins Leben gefunden hat. Die kürzliche Kinder-Verschleppung im Kongo verleiht seinen Erlebnissen tragische Aktualität.

Daniel Wehner
Kindersoldaten
Junge Kämpfer der sogenannten Union Kongolesischer Patrioten (UPC) beim Schusstraining am Rande von Bunia. -Foto: dpa

Bereits mit zwölf hält Ishmael Beah seine erste Kalaschnikow in Händen. Und es dauert nicht lange, bis der junge Sierra Leoner zum ersten Mal den Abzug drückt. Er tötet auf Befehl - das war 1993. Kurz zuvor wird er auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg zwangsrekrutiert und zum Soldaten ausgebildet. Alkohol, Drogen und militärischer Drill machen ihn zu einem kaltblütigen Mörder. Fast zwei Jahre verbringt Ishmael im ständigen Drogen- und Blutrausch, tötet ohne Mitleid auf Befehl und genießt die Macht, die ihm seine Waffe gibt.

Als der Krieg aus dem Fernsehen näher kam

Wie es war, bevor er das Töten lernte, beschreibt der heute 26-Jährige Beah in seinem Buch "Rückkehr ins Leben. Ich war Kindersoldat": "Das Einzige, was ich über Kriege wusste, hatte ich in Büchern gelesen oder in Filmen wie Rambo gesehen, und dann war natürlich der Krieg im Nachbarland Liberia, von dem ich durch die Nachrichten auf BBC erfahren hatte."

Schrecken kündigte sich langsam an

Als er Jahre später zum Kindersoldaten rekrutiert wurde, sollte der Krieg auch für ihn bittere Realität werden. Dabei hatte sich der Schrecken erst langsam angekündigt: "Erst als Flüchtlinge durch unsere Stadt zogen, begriffen wir allmählich, dass sich das alles in unserem eigenen Land abspielte."

Unerwartete Gegenwehr

Kindersoldaten in Uganda
Der achtjährige Moses, Kämpfer in der National Resistance Army (NRA) von Uganda.Foto: dpa

Nachdem Ishmael bereits zwei Jahre Kindersoldat ist, schaffen es Mitarbeiter von Unicef, ihn und andere Minderjährige zu befreien. Allerdings stoßen die Mitarbeiter auf unerwartete Gegenwehr: "Als die Unicef kam, um uns herauszuholen, wollten wir es gar nicht. Wir glaubten, der Krieg ist der einzige mögliche Lebensweg", wie Beah heute sagt. Er hat es geschafft: die Horrorerlebnisse seiner Kindheit hinter sich gelassen und nach hartem Kampf zurück ins Leben gefunden. Mittlerweile kann er wieder einen "normalen" Alltag führen; er lebt in New York und hat mit seiner Biographie einen Bestseller geschrieben - Nummer eins der US-amerikanischen Verkaufscharts. Auch Mohammed, ein Freund aus der Zeit vor dem Krieg, konnte dem Leben als Kindersoldat entkommen. Er lebt inzwischen in Australien.

90 Kinder ins Militärlager verschleppt?

Doch noch immer kämpfen rund 250.000 Miderjährige weltweit in Bürgerkriegen und ­bewaffneten Konflikten mit. Erst vergangene Woche sind 90 Kinder, einige von ihnen im Grundschulalter, im Nordosten des Kongo verschleppt worden. Die ugandische Gruppe ist bekannt für den skrupellosen Einsatz von Kindersoldaten. Es wird vermutet, dass die Kinder in das nahe gelegene Militärlager der Rebellen verschleppt wurden, die sich seit längerem in den kongolesischen Dschungel zurückgezogen haben.

Rebellen schlugen in vergangenen Wochen mehrmals zu

"Unicef ist äußerst besorgt, dass sie nun zum Kämpfen gezwungen worden", sagte Julien Harneis, Einsatzleiter der Organisation im Ostkongo. Die LRA, die seit mehr als 20 Jahren einen blutigen Bürgerkrieg im Norden Ugandas führt, ist berüchtigt für den massiven Einsatz von Kindersoldaten. In der vergangenen Woche hatten die Rebellen bereits im Sudan drei Dörfer überfallen und Frauen und Kinder verschleppt.

Staatliche Armee gespickt mit Kindern

Kindersoldaten sind vor allem ein Problem in Afrika und Birma. Etwa wird geschätzt, dass jeder fünfte Soldat der fast 400.000 Mann starken staatlichen Armee von Birma ein Kind ist. Allerdings streitet die birmanische Regierung die Rekrutierung und den Einsatz von Minderjährigen ab.

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