Welt : Runtergefahren

Auch in deutschsprachigen Chaträumen wird diskutiert. Aber insgesamt ist die Szene hierzulande seit Monaten sehr still.

Burkhard Schröder

Sie nennen sich „browsergamer“, „antifant“, „zensursula“, „semperfidelis“ oder „The Dude“. Wer die deutschen Sympathisanten der amorphen Protestbewegung „Anonymous“ im Internet verstehen will, muss sich mit der Folklore des Netzes vertraut machen. Nur so kann man die subtilen Anspielungen und indirekten Zitate verstehen, die sich auch in den gewählten Pseudonymen widerspiegeln. Was aber bedeutet der erfundene Name „gurkenbaum“? Warum wählt jemand die real nicht existierende E-Mail- Adresse mycock@anonymous-austria.com? Verbirgt sich hinter „HailOdin“ aus Gerstetten ein Neonazi-Hacker oder ist es nur ein Forenbesucher mit schlechtem Humor?

Gesichts- und kopflos – so kann man die Masse von technisch versierten Internetnutzern beschreiben, die sich vor allem im Internet Relay Chat (IRC) versammeln, um sich über Aktionen auszutauschen. Anonymous sei ein „führungsloses Kollektiv von Menschen, die mit der derzeitigen Situation in gewissen Bereichen nicht einverstanden sind und daran etwas ändern möchten“. So heißt es auf der Website von Anonymous Österreich. Der Umgangston ähnelt dem im Cb-Funk, mit dem man IRC vergleichen kann; rau, aber irgendwie herzlich. Das Du ist selbstverständlich. „Wtf! gimble was laberst du?!“, fragt „spidy“. Unter WTF kann man „Weapons Task Force“ im Jargon der Onlinespieler verstehen, oder „wow, that’s fun!“ im englischen Slang oder ein erstauntes „what the …“ samt dem F-Wort.

Der Insiderjargon, meistens eine Mischung aus Deutsch und Englisch, stellt eine Gemeinsamkeit her, ähnlich wie bei bestimmten Berufsgruppen, die sich an der Wahl spezieller Begriffe erkennen. Klatsch und Tratsch sind auch im Milieu der Hacker, Geeks und Nerds nicht wegzudenken. Wer Informationen hat, wo man sich trifft und was „angesagt“ ist, erhöht sein Ansehen in der virtuellen Peergroup. „Kennt ihr diesen channel #s der soll voll gut sein!“ oder „mache grad ein bissi propaganda!“ inklusive der Adresse einer Website mit einem neuen Logo von Anonymous – das sind typische Inhalte. Man kennt sich nicht wirklich im Chat, und alle Teilnehmer tun ihr Möglichstes, um ihre wahre Identität zu verbergen: Die Rechneradresse, die jeder Internetsurfer zwangsweise bekommt, wird fast immer verschleiert, und Angaben über Privates sind tabu. Nach der jüngsten Aktion der amerikanischen Ermittler gegen die Anonymous-Abspaltung LulzSec sind Verschwörungstheorien und Verdächtigungen allgegenwärtig. Ein Chatter fragt: „was haltet man davon? war anonops stets ein honig in einem töpfli?“ Das spielt auf das englische „Honeypot“ an – ein Fachausdruck für einen Rechner, einen Dienst oder Programm im Internet, der das Verhalten anderer analysiert und protokolliert – eine Falle also. Anonops ist der Twitter-Account der bekanntesten Anonymous-Aktivisten, die vor kurzem die Website des Vatikan in Rom lahmgelegt haben.

In den vergangenen Tagen diskutierte man in der Szene vor allem über die technischen Hintergründe, die dazu geführt hatten, dass „Sabu“, der Kopf der LulzSec-Gruppe, seine Mitstreiter hatte verraten können. Dankbar griffen deutsche Sympathisanten die Diskussionen in US-Foren wie anonnews.org auf. Dort wird gewarnt, man könne Regierungen und den Medien nicht trauen und das FBI sei überall: „All fellow hackers out there be very carefull who you trust.“

Die deutsche Anonymous-Szene scheint sich zurzeit zurückgezogen zu haben. Anonymous Freiburg hat die Rechnung für die Website nicht bezahlt, sie ist jetzt gesperrt. Die Berliner Anonymous-Website ist ganz verschwunden. Die Düsseldorfer Gruppe schweigt. „Wie siehts eigentlich mit ner neuen Aktion aus? Wäre dieses mal gerne auch dabei“, schreibt der Nutzer F1r3st0rm. Das war vor sechs Monaten. Anonymous Düsseldorf antwortete nicht.

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