Russland : Lastwagen zu Limousinen

Dienstkarossen für die Moskauer Staatsführung sollen künftig wieder in Russland produziert werden. Experten bezweifeln aber, dass das nötige Know-how dafür vorhanden ist.

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Marke des Vertrauens. Russlands Präsident Wladimir Putin lässt sich in einem gepanzerten Mercedes-Benz chauffieren. Das soll sich ändern.
Marke des Vertrauens. Russlands Präsident Wladimir Putin lässt sich in einem gepanzerten Mercedes-Benz chauffieren. Das soll sich...Foto: AFP

Hypermoderne Waffen rollen alljährlich zum 9. Mai, dem Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, über den Roten Platz in Moskau. Nur die offenen Edelkarossen, in denen der Verteidigungsminister und der Chef der Moskauer Garnison stehend die Militärparade abnehmen, sind Relikte aus einem anderen Zeitalter: vierkantige, spritfressende und fast zehn Meter lange Ungetüme der Marke Zil. Das „jüngste“ Modell – der Zil 41047 – wurde in den Moskauer Lichatschow-Werken ab 1985 hergestellt, mit ihm und den Vorgängern ließen sich nicht nur KPdSU-Generalsekretäre, sondern lange auch Spitzengenossen in den anderen Ostblockstaaten durch die Gegend kutschieren.

Die Herrscher des postkommunistischen Russlands dagegen fahren die kugelsichere Luxusvariante der Stuttgarter Marke mit dem Stern. Doch das soll sich schon bald ändern. Dienstwagen für die Staatsführung – im Volksmund: Bonzenschleudern – sollen künftig wieder in Russland produziert werden, wie die Wirtschaftszeitung „Kommersant“ schreibt.

Das Projekt trägt den ambitionierten Arbeitstitel „Kortesh“, was übersetzt so viel bedeutet wie Limousinen-Kolonne. Die heimische Produktion soll den russischen Steuerzahler nach derzeitigem Planungsstand rund eine Milliarde Euro kosten. Mit der Herstellung sollen entweder die Lichatschow-Werke oder der Autokonzern GAZ in Nischni Nowgorod an der Wolga beauftragt werden.

Experten sind allerdings skeptisch. Russischen Konstrukteuren seien die für die Herstellung von Elitefahrzeugen erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten längst abhanden gekommen, warnte der Chefredakteur des Fachblattes „Autorevue“, Michail Podoroschanski.

Zweifel sind in der Tat angebracht. Der letzte Zil rollte 2009 vom Band, derzeit werden in den Lichatschow-Werken, die zu 90 Prozent dem russischen Staat gehören, vor allem Laster gebaut. Und Vorschläge für eine völlig neue Typenreihe von Nobelkarossen, wie sie schon Russlands damaliger Präsident Dmitri Medwedew von den Lichatschow-Konstrukteuren verlangte, trat die Kreml-Administration vor zwei Jahren als unbrauchbar in die Tonne.

Bei der Konkurrenz – den GAZ-Werken – sieht es derzeit kaum besser aus. Der Tschaika – zu Sowjetzeiten das Dienstfahrzeug für die Granden der zweiten Reihe und ähnlich monströs wie der Zil – ist längst Geschichte, der letzte Wolga, mit dem niedere Chargen der kommunistischen Hierarchie zwangsbeglückt wurden, rollte 2004 vom Band, der auf einer Crysler-Plattform gebaute Nachfolger Cyber floppte. Und während der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008 schrammte der Konzern nur knapp am Bankrott vorbei.

Igor Korowkin, der Direktor der Vereinigung russischer Automobilhersteller, denkt dennoch weiter in staatsmännisch-patriotischen Kategorien. Das politische Spitzenpersonal eines Landes, das selbst Autos herstellt, dürfe sich nicht in Importwagen setzen, rügte er im Radiosender „Echo Moskwy“. US-Präsidenten würden daher stur den einheimischen Cadillac fahren, deren französische Amtsbrüder den Renault Safrane Presidentielle, die Kollegen in Rom einen Lancia Flaminia 335. Und in der Remise des Buckingham-Palastes stünden für die Queen fünf britische Rolls Royce bereit.

Präsident Wladimir Putin dagegen gibt verbal zwar den strammen Patrioten und versucht, die Nation für russische Kleinwagen zu begeistern. Er selbst lässt sich indes in einem gepanzerten Mercedes-Benz, der laut „Kommersant“ für 1,5 Millionen Euro angeschafft wurde, chauffieren – auch in der Provinz. Bevor er selbst den Präsidenten-Jet besteigt, startet zusätzlich ein Transportflugzeug mit dem guten Stück an Bord.

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