Serienverbrecher : Die lange Spur der Polizistenmörder von Heilbronn

12.11.2011 19:45 UhrVon Frank Jansen
Die Polizei stieß in Zwickau auf die mutmaßlichen Täter. Foto: dpa
Die Polizei stieß in Zwickau auf die mutmaßlichen Täter. - Foto: dpa

Zwei Männer und eine Frau zogen jahrelang unerkannt durchs Land, raubten Banken aus und töteten eine Polizistin. Nur die Frau, Beate Z., hat überlebt. Wie ein Puzzle setzt sich das Bild einer bizarren Irrfahrt zusammen.

Es könnte der Stoff für ein blutiges Road-Movie sein, nach dem Muster des legendären Bankräuberpärchens Bonnie and Clyde, das während der Weltwirtschaftskrise in den USA raubte und schoss und tötete. Allein schon die Waffen, die Polizisten im sächsischen Zwickau aus dem Brandschutt der Ruine in der Frühlingsstraße 26 picken, hätten für ein opulentes Ballerdrama gereicht. Neun Pistolen, ein Repetiergewehr, und am Mittwochabend finden die Beamten in der Ruine eine Maschinenpistole. Und das ist nicht alles. Am anderen Tatort, im 180 Kilometer entfernten Eisenach in Thüringen, entdecken Polizeibeamte in einem brennenden Wohnmobil drei Langwaffen und vier Pistolen.

Und zwei erschossene Männer. Und bei zwei Waffen handelt es sich um Dienstpistolen der Polizei, Marke Heckler & Koch P 2000. Eine filmreife Geschichte. Aber, wie sich schnell zeigt, kein bisschen legendär. Sondern widerwärtig und wirr.

Seit vergangenen Freitag wird das Land mit einem Kriminalfall konfrontiert, der immer weitere Kreise zieht. Man weiß bislang von Schauplätzen in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg. „So etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt“, sagt ein hochrangiger Sicherheitsexperte. Mehr als 13 Jahre hat ein Trio aus drei Neonazis, zwei Männern und einer Frau, im Untergrund gelebt, die meiste Zeit vermutlich in Zwickau, mit falschen Namen, zuletzt als Untermieter in dem mutmaßlich von Beate Z. angezündeten Haus.

Die drei begingen eine Reihe schwerer Straftaten. Die Rede ist von Mord, von gefährlicher Körperverletzung, von Bankraub. Was der 38-jährige Uwe M., der 34 Jahre alte Uwe B. und die 36-jährige Beate Z. verbrochen haben und verbrochen haben sollen, wurde bislang nur linken Terroristen wie der Roten Armee Fraktion oder Profis aus den Milieus der organisierten Kriminalität zugetraut. Aber doch nicht Rechtsextremisten? Die können doch kaum mehr als Suff und Prügel? Ein Irrtum. Nicht erst seit vergangenen Freitag, aber jetzt erst recht. Und der Staat war ahnungslos? Oder war er sogar verstrickt?

Um die Dimension dieses Kriminalfalls zu begreifen, muss man weit zurückgehen. Ins Jahr 1998, als der Thüringer Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht einen „Rohrbombenfund in Jena“ preisgibt. Am 26. Januar des Jahres hatte die Polizei in einer Garage im thüringischen Jena vier funktionsfähige Rohrbomben entdeckt. Der Verfassungsschutz nennt, eher ungewöhnlich, die verdächtigen Bombenbastler mit vollem Namen, was er sonst nur bei Führungsfiguren tut. Es sind Uwe M., Uwe B. und Beate Z. Die Garage wurde von ihnen als Bombenwerkstatt genutzt. Das Trio soll bereits 1996 und 1997 Sprengkörper und Bombenattrappen gebastelt haben. Einige Attrappen sollen die drei an Rathaus und Polizei in Jena geschickt haben und an die „Thüringische Landeszeitung“. Daraufhin wurde im Januar 1997 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Verfassungsschutz und Polizei hatten die zwei Männer und die Frau lange im Blick. Doch als die Polizei am 26. Januar 1998 zugreifen will, ist das Trio weg. Und bleibt verschwunden – bis vergangenen Freitag, da finden Uwe M. und Uwe B. ihr bizarres Ende im Wohnmobil in Eisenach. Die Polizei findet die verbrannten Leichen der Männer. Die Köpfe sind von Schüssen deformiert. Beate Z. bleibt vorerst unauffindbar. Wenige Stunden später soll sie in dem Haus in Zwickau Feuer gelegt haben. Mit soviel Brandbeschleuniger, dass es zu einer Verpuffung kam. Am Dienstag hat sich Beate Z. in Jena der Polizei gestellt. Doch sie schweigt.

Was zwischen dem 26. Januar 1998 und dem 4. November 2011 geschehen ist, muss nun mühsam aus Puzzlestücken zusammengesetzt werden. Vieles scheint noch nicht zu passen. 13 Jahre und neun Monate lang konnte ein Gewalttrio durchs Land ziehen. Fast jedes Detail provoziert neue Fragen. Wie konnte soviel schief gehen?

Im Jahr 1999 beginnt die Serie von insgesamt 14 Banküberfällen, die Staatsanwälte dem Trio zuschreiben. Es sind meist Filialen der Sparkasse, die von zwei vermummten Personen angegriffen werden. Waren es immer Uwe M. und Uwe B.? Die Überwachungskameras zeigen oft Kapuzenmänner mit Tüchern über Mund und Nase. Wo war Beate Z.? Die Kapuzenmänner, sagt die Zwickauer Staatsanwältin Antje Dietsch, seien oft auf Fahrrädern geflüchtet.

Dietsch zählt auf: mutmaßlich drei Überfälle in Zwickau, sieben in der nahen Region Chemnitz, zwei in Mecklenburg-Vorpommern, in Stralsund. Im September 2011 trifft es die Sparkasse im thüringischen Arnstadt, vergangenen Freitag ist es die in Eisenach. Warum die mutmaßlichen Räuber Uwe M. und Uwe B. danach im Wohnmobil sterben, bleibt rätselhaft. Die Polizei spricht von Selbstmord. Einen Grund dafür weiß sie nicht.

Seite 2: Sind die thüringischen Sicherheitsbehörden womöglich mit Schuld am Verschwinden des Neonazi-Trios?

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