Absurde Grenzziehungen : Verteilungskrampf

In der Kolonialzeit wurden Grenzen oft willkürlich gezogen. Streit und Krieg waren die Folgen – von denen einige bis heute dauern. Vier Geschichten aus Absurdistan.

Marius Münstermann
Gambia entstand als Sicherheitsstreifen der Engländer - aus Angst vor den Franzosen.
Gambia entstand als Sicherheitsstreifen der Engländer - aus Angst vor den Franzosen.Grafik: Ulla Schilli

Gambia: Ein Land, so weit die Kanonenkugeln fliegen. Mit glühenden Eisen brennen Menschenhändler ihren Besitzanspruch in die Brust der Versklavten ein. Zehntausende Westafrikaner lässt Herzog James mit „DY“ brandmarken, den Initialen seines Adelstitels Duke of York. Anderen, die seinen Häschern in die Hände fallen, verpasst man die Buchstaben „RAC“, das Kürzel der Royal African Company. Als Leiter dieser Handelskompanie, mit deren Gründung er 1660 von der englischen Krone beauftragt wird, avanciert Herzog James zu einem der mächtigsten Akteure im kolonialen Welthandel des 17. Jahrhunderts – und ohne es zu wissen zum Begründer eines ganzen Landes.

Ursprünglich hat Englands Monarchie die RAC ins Leben gerufen, um Goldfelder erschließen zu lassen, die man kurz zuvor am Oberlauf des Gambia-Flusses entdeckt hatte. Doch mit dem wachsenden Bedarf an billigen Arbeitskräften auf den Plantagen Amerikas entwickelt sich der Menschenhandel zum lukrativeren Geschäft.

Was bleibt, ist das Interesse der Engländer am Gambia-Fluss, der sich durch französisches Kolonialgebiet schlängelt. England, das lediglich einzelne Stützpunkte entlang der westafrikanischen Atlantikküste kontrolliert, sieht den Gambia als Einfallstor ins Landesinnere. Auf dem trägen Gewässer, das kaum größere Stromschnellen aufweist, und somit für die Schifffahrt optimal geeignet ist, lässt sich die Menschenbeute unkompliziert an die Küste transportieren.

Doch immer wieder attackieren französische Truppen die englischen Handelskontore – bis beide Parteien im Pariser Frieden von 1763 eine seltsame Vereinbarung treffen. England beansprucht einen Streifen Land entlang des Flusses, der so breit ist, dass seine Schiffe nicht von französischem Territorium aus mit Kanonen beschossen werden können. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Um außer Reichweite der französischen Kanonen schippern zu können, muss der Grenzverlauf vom Fluss aus bemessen werden.

Und so feuern die Engländer mit ihren Kanonenbooten zu beiden Uferseiten. Wo die Kanonenkugeln einschlagen, soll die Grenze verlaufen. Über 15 Jahre streifen Kolonialbeamte in der Savannenlandschaft umher, ehe sie alle Kanonenkugeln gefunden haben und den Grenzverlauf bestimmen können.

Die Grenzen bleiben unverändert, auch als Gambia 1965 die Unabhängigkeit von England verkündet. An seiner schmalsten Stelle von Nord nach Süd misst das Land gerade mal zehn Kilometer, der breiteste Abstand beträgt 48,2 Kilometer. Damit bildet der sogenannte „Blinddarm Madame Großbritanniens“ den kleinsten Flächenstaat auf dem afrikanischen Festland. Der Fluss und die Landstriche zu seinen Ufern, einst Menschen verbindend, ist nun Grenze. Senegals südlicher Teil, die Region Casamance, ist durch Gambia vom Rest des Landes isoliert und wird von der Regierung bis heute vernachlässigt. Eine separatistische Bewegung strebt die Unabhängigkeit an.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben