Wie Namibia eine feuchte Nase bekam

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Absurde Grenzziehungen : Verteilungskrampf
Marius Münstermann
Der Caprivi-Zipfel sollte Teil einer Verbindungslinie zwischen Deutsch-Südwest (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika werden.
Der Caprivi-Zipfel sollte Teil einer Verbindungslinie zwischen Deutsch-Südwest (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika werden.Grafik: Ulla Schilli


Gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Kanzler des deutschen Kaiserreichs wittert Graf Georg Leo von Caprivi den großen Coup: Am 1. Juli 1890 schließt er mit den Engländern einen Handel ab, der fälschlicherweise als „Sansibar-Helgoland-Tausch“ in die Geschichtsbücher eingehen soll. Richtig ist, dass Deutschland durch den Vertrag Anspruch auf Helgoland erhält – ein strategisch kluger Zugewinn, da sich von der Nordseeinsel aus die Mündungen von Weser und Elbe militärisch sichern lassen. Sansibar aber war nie deutsches Territorium gewesen, von einem Tausch kann insofern keine Rede sein. Caprivi versichert den Engländern lediglich, ihnen nicht in die Quere zu kommen, sollten sie die Insel vor der Küste der Kolonie Deutsch-Ostafrika ihrem Empire einverleiben wollen.

Mit dem Handel kommt Caprivi seinem eigentlichen Ziel näher – einer Verbindung zwischen den Kolonien Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, und Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia. England gewährt dem Kaiserreich nämlich einen kuriosen Landgewinn: einen fast 400 Kilometer langen Landstreifen, der an seiner breitesten Stelle jedoch nur 32 Kilometer Breite misst.

Ausgehend vom Nordwesten des heutigen Namibias, ragt der „Caprivi-Zipfel“ weit ins Landesinnere bis an den Sambesi. Auf diesem Strom wollen die Deutschen weiter gen Osten gelangen. Doch der mächtige Sambesi erweist sich als untauglich für die Schifffahrt. Den Caprivi-Zipfel lassen die Deutschen daraufhin 18 Jahre lang brachliegen. Großwildjäger, Sklavenhändler und Abenteurer machen sich breit. 1908 versucht Kurt Streitwolf, ein Kolonialbeamter aus Holstein, die Region zu verwalten und exakt zu vermessen, nennt den Zipfel wegen des dortigen tropischen Klimas „die feuchte Nase“ des ansonsten trockenen Deutsch-Südwest. Schon bald klagt er über die Regenzeit, Moskitos und Malaria. Zu einer Besiedelung kommt es ohnehin nicht: Wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs kapitulieren die deutschen Truppen in Deutsch-Südwest. Der Caprivi-Zipfel jedoch ist bis heute erhalten geblieben. Weil die Region nie wirklich Anschluss an den Rest des Landes fand, begehren Unabhängigkeitsbewegungen gegen die Zentralregierung in Windhoek auf.

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