Air Zermatt : Die Retter vom Matterhorn

Die Air Zermatt gilt als beste Bergwacht der Welt, doch ihre Einsätze enden nicht immer glimpflich. 24 Stunden während der Hochsaison.

Marius Buhl
Gipfelstürmer. 1968 hatte der Apotheker Beat Perren die Idee, einen Hubschrauber in Zermatt zu stationieren, der Verletzte ausfliegen sollte.
Gipfelstürmer. 1968 hatte der Apotheker Beat Perren die Idee, einen Hubschrauber in Zermatt zu stationieren, der Verletzte...Foto: Marius Buhl

Der Kerl, den es erwischt hat, ist 32 Jahre alt. Er trägt eine blaue Jacke und graue Skistiefel, seine beiden Skier liegen verstreut in der Schlucht, in die er gestürzt ist. Mit dem Kopf voraus ist er auf einen Baum geprallt, jetzt klafft ein Riss in seinem Gesicht, übers rechte Augenlid bis tief in die Wange. Aus der Wunde quillt klumpiges Blut. Er ist bewusstlos, der Schnee um ihn herum ganz rot.

Axel Mann erfährt um 15.41 Uhr vom Unfall dieses Mannes, am Funkgerät, so wie er immer vom Unglück der Menschen erfährt. Zuerst ist es nur ein Knacken in seiner Jackentasche, dann räuspert sich eine Stimme und spricht. „Einsatz Sierra Uniform, Skipiste Börten, Zermatt, Verunfallter ist männlich, schwere Kopfverletzung.“ Da weiß Mann, dass es mal wieder um alles geht.

Der Tag, an dem Axel Mann um das Leben dieses Mannes kämpfen wird, beginnt für ihn schon viel früher, schon gegen Viertel nach acht, und er beginnt mit einem Goldstrich auf der Spitze des Matterhorns. Mann blickt dort hinauf, als er die Türe seines Chalets ins Schloss zieht. Er sieht, wie die Sonne langsam am berühmtesten Berg der Schweiz hinabklettert, sodass der Gipfel zu leuchten beginnt wie eine Fackel. Mit großen Schritten stapft er durch die Gassen von Zermatt, er trägt eine Daunenjacke, das Gesicht sonnengebräunt, mit kleinen Fältchen neben den Augen. Mann ist jetzt 63 Jahre alt, aber er könnte locker einer der Bergsteiger sein, die um diese Uhrzeit aus dem Zug steigen, mit Seilen und Kletterhaken behangen.

Axel Mann ist kein Bergsteiger, der das 4478 Meter hohe Wahrzeichen erklimmen will. Er ist der leitende Notarzt der Air Zermatt, der vermutlich erfahrensten Rettungsgesellschaft der Welt.

Keine fünf Minuten nach dem Notruf heben sie ab

Wann immer sich im Oberwallis ein Mensch bei einem Skiunfall, einem Klettertrip oder einer Gletscherquerung verletzt, springt Mann in einen Helikopter und fliegt mit einem Piloten und einem Sanitäter zur Unfallstelle. An guten Tagen verabreicht er dann Schmerztabletten, stillt blutende Wunden oder schient einen Arm. An schlechten Tagen fliegt Axel Mann Leichen vom Berg.

Als er an diesem Morgen in sein Büro kommt, startet Mann seinen Computer und lässt die Kaffeemaschine laufen.

„Was genau heute passieren wird, das weiß ich natürlich noch nicht“, sagt er. „Aber es passiert ganz sicher irgendwas.“

Dauerdienst. Die rot-weißen Helikopter gehören zum Zermatt wie das Matterhorn und die Edelboutiquen.
Dauerdienst. Die rot-weißen Helikopter gehören zum Zermatt wie das Matterhorn und die Edelboutiquen.Foto: Marius Buhl

Es ist schon spät am Vormittag, als Manns Funkgerät zum ersten Mal knackt. „Einsatz auf der Lauchernalp, Papa Bravo, 18-Jährige, bewegungsunfähig“, knarzt es aus dem Gerät. Mann legt die Daunenjacke ab und schlüpft in seine rote Rettungskluft. Auf den Kopf setzt er sich einen weißen Helm mit Kopfhörern, er soll ihn im Notfall gegen Steinschlag schützen. Gemeinsam mit seinem Sohn Michael, der bei der Air Zermatt als Rettungssanitäter arbeitet, sprintet er zum Helikopter. Routiniert senken sie die Köpfe, eine falsche Bewegung und ein Rotorblatt schneidet sie ihnen vom Leib. Füße auf die Kufen, rein in den Bauch der Maschine. Keine fünf Minuten nach dem Notruf hebt Pilot Gerold Biner ab, steigt über Baumwipfel steil in die Luft. Sessellifte, Bergsträßchen und Parkplätze schrumpfen im Nu zur Setzkastenlandschaft.

Die Einsätze enden nicht immer glimpflich

Die Lauchernalp ist eine kleine Siedlung hoch oben im Wallis, ein paar Ferienchalets stehen hier wie hingewürfelt, dazwischen Schneefelder und eine Seilbahnstation. Von oben beobachtet Mann das Dorf. Plötzlich erblickt er einen Mensch in schwarzer Jacke, der mit den Armen rudert. Der Pilot hat ihn auch gesehen, er startet den Sinkflug und setzt sanft den Heli ab. Mann springt heraus. „Guten Morgen!“, ruft er. „Was ist passiert?“ Der Herr erklärt, dass eine Frau in einem der Chalets sich nicht mehr bewegen könne, sie habe heftige Schmerzen im Rücken. Mann stöhnt, dann läuft er zum Haus. „Er mag es manchmal nicht, wegen Lappalien gerufen zu werden“, sagt Michael. „In der gleichen Zeit könnte irgendwo ein Schwerverletzter liegen und ihn wirklich brauchen.“

Die junge Frau, gerade 18 geworden, liegt in ihrem Bett, als Mann ins Zimmer tritt. Sie weint und stammelt, dass sie Angst habe. „Zuallererst“, sagt Mann, „bitte aufhören zu flennen. Du musst uns helfen, sonst geht das nicht!“

Dann verabreicht er Schmerzmittel und diagnostiziert einen verknacksten Wirbel. Zur weiteren Behandlung lässt er die Patientin ins Krankenhaus nach Visp fliegen.

Etwa 1600 Mal im Jahr sind die 65 Mitarbeiter gefordert.
Etwa 1600 Mal im Jahr sind die 65 Mitarbeiter gefordert.Foto: Marius Buhl

Nicht immer enden Manns Einsätze so glimpflich. Erst vor zwei Tagen, es war Silvesternachmittag, fand die Air Zermatt einen Jungen, der von der Piste abgekommen und heftig aufgeprallt war. Manns Kollege reanimierte ihn, sie flogen ihn ins Krankenhaus nach Sion. In der Nacht darauf verstarb der Junge, die Lokalzeitungen berichteten.

„Neun Jahre alt, ein Einheimischer, das ist für uns immer besonders tragisch“, sagt Mann. Nur wenige Stunden nach dem Unglück kam der nächste Anruf, und Mann flog zu einem älteren Herrn, der ganz in der Nähe des Heliports auf einem Wanderweg ausgerutscht war. Es war ziemlich eisig an der Stelle. „Normalerweise“, so Mann, „stirbt man von so einem Sturz nicht. Doch der Mann erlitt einen Herzinfarkt, wir konnten nichts mehr tun.“

Aus Angst vor Lärm wollten die Zermatter zuerst keinen Helikopter

Es war das Jahr 1968, als der Zermatter Apotheker Beat Perren eine Idee hatte. Er bat die Gemeinde, einen Helikopter nach Zermatt zu stellen, der Verunfallte schnell ausfliegen sollte, um Leben zu retten.

„Damals“, so erzählte es Perren neulich in einem Interview mit dem Lokalradio „rro“, „war Zermatt nur mit der Bahn erreichbar, eine Straße gab es noch nicht. Zwar übernachteten hier schon über eine Million Gäste jährlich, aber wenn sich einer verletzte, wurde er per Zug weggefahren. Das war natürlich keine Lösung.“

In einer Volksabstimmung votierten die Zermatter zuerst gegen den Helikopter, die Bürger hatten Angst vor dem Lärm. Erst nach einem von Perren organisierten Informationsabend stimmten sie in zweiter Runde zu.

Heute gehören die rot-weißen Helikopter zum Dorf wie das Matterhorn und die Edelboutiquen. Neun Maschinen fliegen mit dem Logo der Air Zermatt, das Unternehmen beschäftigt 65 Mitarbeiter. 1600 Mal im Jahr heben die Piloten ab zu Rettungsflügen, 150 Einsätze führen sie zu den Eisflanken des Matterhorns.

Die Piloten sammeln pro Jahr 500 bis 800 Flugstunden

„Das klingt imposant“, sagt Geschäftsführer und Pilot Gerold Biner. „Aber unser Rettungsgeschäft ist defizitär.“

Um die Löcher in der Kasse zu stopfen, fliegt die Air Zermatt seit Jahren auch Transportflüge. An der Seilwinde unter dem Helikopter schafft sie Liftstützen und Betonteile auf die Berge. 1979 half die Firma so entscheidend, die Luftseilbahn aufs kleine Matterhorn zu bauen. Und für 220 Franken pro Person lassen sich jährlich rund 8000 Gäste für 20 Minuten ums Matterhorn fliegen. „Geld, das wir gut gebrauchen können“, sagt Gerold Biner. Doch das ist nur einer der Vorteile.

Weil die Piloten durch die Lasten- und die Touristenflüge besonders trainiert sind, fliegen sie auch erfahrener und präziser als gewöhnliche Rettungspiloten. „Unsere Flieger sammeln pro Jahr 500 bis 800 Flugstunden. Ein gewöhnlicher Rettungspilot schafft vielleicht 120 im Jahr“, sagt Mann. Auch deshalb hat die Air Zermatt schon mehrfach den sogenannten „Heroism Award“ gewonnen, die weltweit höchste Auszeichnung für schwierige Rettungen in der Luftfahrt, der in Washington D.C. verliehen wird und als Oscar der Szene gilt.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben