Banditenkönigin : Die Rache der Phoolan Devi

1963 wurde sie in einem indischen Dorf geboren. Sie war elf, als sie das erste Mal vergewaltigt wurde, sie fiel in Unehre, Männer sahen sie als Freiwild. Als Banditenkönigin schlug Phoolan Devi zurück.

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Das Ende. Nach monatelanger Verfolgung stellte sich Phoolan Devi 1983 freiwillig der Polizei, zusammen mit ihrem Banden-Kompagnon Man Singh wurde sie festgenommen. Foto: Ludwig/Sipa
Das Ende. Nach monatelanger Verfolgung stellte sich Phoolan Devi 1983 freiwillig der Polizei, zusammen mit ihrem Banden-Kompagnon...Foto: AFP

Als Phoolan Devi zum ersten Mal zurückschlug, war sie 16 Jahre alt. Der Mann, den es traf, hatte ein graues, von Falten zerfurchtes Gesicht, er sprach Phoolan bei der Feldarbeit an, in der Mittagshitze von Uttar Pradesh, im Norden Indiens. „Weißt du, wo ich Phoolan Devi finden kann?“, fragte er.

„Was willst du von ihr?“, fragte Phoolan, die die Antwort erriet, bevor der alte Mann vielsagend lächelte. Was er von ihr wollte, war das, was alle Männer von ihr wollten, seit sie ihrem Ehemann davongelaufen war und in Unehre lebte, ein gefallenes Mädchen von niederer Herkunft, zu gebrauchen nur noch für schmutzige Arbeiten und schmutzige Gelüste. Für höhere Kasten wie die Thakur, zu denen der alte Mann gehörte, seine weiße Tracht verriet es, war sie sexuelles Freiwild. „Ich habe von Phoolan gehört“, sagte er, „und ich muss sie haben.“

Phoolan bat den Mann zu warten. Von einem nahen Baum schnitt sie einen dicken Ast ab, er lag gut in der Hand. Als sie zurückkehrte, schlug sie so lange auf den Alten ein, bis er blutend das Weite suchte. „Du wolltest Phoolan“, schrie sie ihm hinterher, „hier hast du Phoolan!“

Wie viele Demütigungen es brauchte, bis sie endlich zurückschlug, das konnte nicht einmal Phoolan Devi selbst sagen, als sie 15 Jahre später damit begann, ihre Lebensgeschichte aufzuzeichnen. Die „Banditenkönigin“, die „Rachegöttin“, wie man sie nannte, hatte das Zählen nie gelernt, so wenig wie das Lesen und das Schreiben. Ihre Erinnerungen vertraute sie einem Kassettenrekorder an, das Ergebnis tippten zwei Journalisten ab, die Autobiografie erschien 1996. Sie berichtet von Demütigungen ohne Zahl.

Vier Söhne und eine Tochter brauche es für eine glückliche Familie, hieß es in Gorha Ka Purwa, dem nordindischen Dorf, in dem Phoolan Devi vor 50 Jahren geboren wurde, 1963, am 10. August, als zweites Kind eines Bauernpaars, das das große Unglück hatte, vier Töchter und einen Sohn zur Welt zu bringen. Töchter waren nur gegen Geld zu verheiraten. Vier Töchter, das hätte selbst einer reicheren Familie als den Devis das Genick gebrochen. Phoolans Mutter klagte oft über ihr Schicksal: Womit habe ich sie verdient, rief sie, all diese Mädchen?

Das zweite große Unglück der Devis war ein Grundstücksstreit. Den kleinen Acker, der den Lebensunterhalt der Familie sicherte, hatte nach dem Tod der Großeltern Phoolans Onkel an sich gerissen. Seinem Bruder, Phoolans Vater, verweigerte er das Erbe. Beide Brüder gehörten zur Kaste der Mallahs, einer der niedrigsten in der indischen Sozialhierarchie. Doch während Phoolans Familie nach dem Verlust des Grundstücks in Armut lebte, verbrüderte sich der Onkel mit den reicheren Schichten des Dorfs. Alle Versuche, ihn gerichtlich zur Teilung des Grundstücks zu zwingen, wehrte er mithilfe einflussreicher Freunde ab. Phoolans Vater, ein stiller, gottergebener Mann, fügte sich in sein Schicksal. Seine Tochter, die das jähzornige Temperament der Mutter geerbt hatte, schwor sich als Kind, eines Tages Gott zur Rede zu stellen: „Ich wollte ihn fragen, warum das ganze Dorf uns quälen durfte, warum wir weniger wert waren als die Flöhe eines Hundes.“

Sie war elf, als die Familie sie an einen dreimal älteren Mann verheiratete. Weil er bereits verwitwet war, fiel die Aussteuer niedrig aus, die Devis zahlten eine Kuh, eine Ziege und 500 Rupien, damit der Mann ihnen die Tochter abnahm. Er versprach, seine Braut vorerst nur für Hausarbeiten einzusetzen, bis sie ins rechte Alter käme. Das Versprechen hielt wenige Tage, dann begann er, die Elfjährige zu vergewaltigen. Phoolan begriff nicht einmal, was der Mann mit ihr tat, sie begriff nur, dass die Schmerzen so unerträglich waren wie das Gefühl der Erniedrigung. Sie riss aus, wandte sich an Nachbarn, flehte um Hilfe. Die Nachbarn schleiften sie an den Haaren zurück zu ihrem Mann.

Als ihr erneut die Flucht gelang, schlug sie sich alleine ins Dorf ihrer Eltern durch. Der erboste Ehemann verfolgte sie, er drohte Phoolans Eltern, die verzweifelt versuchten, ihre Tochter zur Rückkehr zu bewegen – sie wussten, welche Schande es für sie bedeuten würde, als entlaufene Ehefrau im Dorf zu leben. Phoolan weigerte sich. Sie riss sich den Schmuck von den Armen, den sie seit der Hochzeit trug. Am Ende steckte ihr Mann die Armreifen ein und zog grollend ab.

Im Dorf beschimpfte sie danach jeder, dem sie über den Weg lief. Phoolan, immer noch ein Kind, wurde wie eine Verbrecherin behandelt, weil sie einem Vergewaltiger davongelaufen war. Wieder formulierte sie im Kopf Fragen an Gott: Warum? Warum bin ich nichts wert?

Unterdessen war der Streit um das Familiengrundstück neu entbrannt. Phoolan drängte ihren Vater, vor Gericht zu gehen. Als der Onkel davon erfuhr, hetzte er die Polizei gegen seine Nichte auf. Unter fingierten Vorwürfen wurde Phoolan, gerade 14 Jahre alt, in Untersuchungshaft genommen. Sie konnte die Polizisten, die sie in der Zelle vergewaltigten, nicht zählen.

Als sie freikam, hatte sich auch jenseits des Dorfs herumgesprochen, dass in Gorha Ka Purwa ein Mädchen lebte, das jede Ehre verwirkt hatte. Regelmäßig tauchten Angehörige höherer Kasten auf, die Phoolan am Flussufer auflauerten oder sie kurzerhand in ihrem Haus vergewaltigten, vor den Augen der Eltern, die nur ohnmächtig zusehen konnten.

Bis zu jenem Tag, an dem Phoolan zurückschlug.

Danach wartete sie lange auf die Rache des alten Mannes. Sie war sicher, dass seine Verwandten auftauchen und sie umbringen würden, sie hatte schon den Plan gefasst, die Eltern in Sicherheit zu bringen, das Haus in Brand zu setzen und ihre Verfolger mit in den Tod zu reißen. Doch niemand kam. Wochen vergingen, Phoolan lebte weiter. Fragen tauchten in ihrem Kopf auf: Hatte der Mann, den sie geschlagen hatte, womöglich Angst vor ihr? War Gewalt die Sprache, die ihre Peiniger verstanden?

Nach und nach begann Phoolan, sich gegen ihre Verfolger im Dorf zur Wehr zu setzen: Sie drohte ihnen mit Mord, behauptete, sie besitze ein Gewehr. „Es gab keine Erniedrigung mehr, die sie mir androhen konnten“, formuliert sie in ihrer Autobiografie. „Stattdessen bedrohte ich nun sie.“ Es funktionierte. Die Demütigungen wurden seltener. In den Augen der Dorfbewohner stand keine Verachtung mehr, sondern Furcht.

Es war der Wendepunkt in Phoolan Devis Leben.

Wenig später, sie war 17, tauchte nachts eine Gruppe bewaffneter Banditen im Dorf auf, sogenannte „Dacoits“, die sich in den Wäldern und Bergen der Region versteckten. Sie entführten Phoolan – wie sie später erfuhr, hatte ihr Onkel die Männer angeheuert, um seine Nichte endgültig loszuwerden. Phoolan wurde in den Urwald verschleppt, der Bandenchef machte keinen Hehl daraus, dass der Tod auf sie wartete. Doch bevor er seine Drohung wahrmachen konnte, wurde er von einem seiner Männer erschossen, einem Dacoit namens Vikram Mallah. Der Mann hatte sich in Phoolan verliebt. Das Unwahrscheinliche geschah: Die beiden wurden ein Paar. Phoolan Devi schloss sich den Banditen an.

Dass eine Frau mit einer bewaffneten Räubertruppe durch die Berge zog, war ungewöhnlich genug. Wenig später aber sollte Phoolans Schicksal eine noch ungewöhnlichere Wendung nehmen. Eines Nachts geriet ihre Bande in einen Hinterhalt. Ihr Geliebter wurde von einem rivalisierenden Bandenchef erschossen. Der Mann ließ Phoolan gefangen nehmen und in sein Heimatdorf bringen, wo er sie nackt von Haus zu Haus zerrte. Die Massenvergewaltigung dauerte drei Wochen lang, bis Phoolan die Flucht gelang. Danach scharte sie in den Wäldern ihre verbliebenen Männer um sich – und führte von nun an selbst eine Dacoit-Truppe.

In ganz Uttar Pradesh und halb Indien kannte man bald den Namen Phoolan Devis, der Banditenkönigin, von der gemunkelt wurde, sie halte sich für eine Wiedergeburt der Zerstörungsgöttin Durga. Es hieß, bei ihren spektakulären Raubzügen bereichere sie sich nicht selbst, stattdessen verteile sie ihre Beute unter den Ärmsten der Armen. Es hieß, sie mache Jagd auf Vergewaltiger, jede Frau in der Region stehe unter ihrem Schutz, es hieß, sie räche sich grausam an ihren Peinigern, die sie vor aller Augen entmanne.

Vieles von dem, was in den folgenden Jahren über Phoolan Devi geschrieben wurde, ist heute kaum noch zu verifizieren, so legendenumrankt ist die Zeit ihrer Bandenführerschaft. Gesichert aber ist das Massaker von Behmai. Das Dorf, in dem Phoolan nach dem Tod ihres Geliebten wochenlang vergewaltigt worden war, wurde 1981 Schauplatz eines brutalen Rachefeldzugs, bei dem Phoolans Bande 22 Männer hinrichtete. Weil alle Opfer Angehörige einer höhergestellten Kaste waren, die Täter aber wie Phoolan aus niederen Schichten stammten, befürchteten lokale Politiker Kastenausschreitungen. Ein Kopfgeld von 10 000 Dollar wurde auf Phoolan ausgesetzt, Premierministerin Indira Gandhi forderte persönlich ihre Ergreifung. Zeitweise machten mehr als 1000 Polizisten Jagd auf Phoolans Bande, ein ganzes Dorf wurde ausgelöscht, als Militärhubschrauber tagelang das mutmaßliche Versteck der Banditen bombardierten.

Am Ende stellte sich Phoolan Devi selbst der Polizei. In geheimen Verhandlungen hatte man ihr eine achtjährige Haftstrafe zugesichert. Im Februar 1983 legten sie und ihre Männer ihre Waffen nieder, vor mehreren tausend Zuschauern und – auf Phoolans Wunsch – einem großformatigen Porträt der Göttin Durga.

Entgegen der Abmachung verbrachte sie nicht acht, sondern elf Jahre hinter Gittern, ohne dass ihr je ein Prozess gemacht wurde. Als sie während ihrer Inhaftierung mit Unterleibsblutungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, operierte man ihr ohne ihr Einverständnis die Gebärmutter heraus. Die Journalistin Mala Sen, die später den behandelnden Arzt konfrontierte, bekam die Antwort: „Wir wollten nicht, dass sie noch mehr Phoolan Devis in die Welt setzt.“

Ihre Freilassung verdankte sie 1994 dem neu gewählten Premierminister von Uttar Pradesh, der wie Phoolan aus einer niedrigen Kaste stammte, er versprach sich von ihrer Begnadigung politischen Beifall. Die Rechnung ging auf, denn Phoolan war, nach zahlreichen Büchern und Filmen über ihr Leben, zu einer Art Volksheldin in Indien geworden. Nach ihrer Freilassung ging sie sogar selbst in die Politik: Für die Partei Samajwadi, ein Linksbündnis niederer Kasten, gewann sie zweimal, 1996 und 1999, einen Sitz im indischen Parlament.

Ihre Erfolge als Politikerin sind umstritten. Manche sehen in ihr eine Anwältin der Armen, die sich insbesondere um Frauenrechte verdient gemacht hat. Andere beschreiben sie als Opfer männlicher Machtinteressen, die sie nie ganz durchschaute. Über ihren letzten Ehemann, einen Politiker, heißt es, er habe sie in erster Linie aus beruflichem Ehrgeiz geheiratet, die Beziehung sei keine glückliche gewesen.

Phoolan Devi stirbt am 25. Juli 2001. Die 37-Jährige verblutet auf dem Bürgersteig vor ihrem Wohnhaus in Neu-Delhi, drei Kugeln haben sie in den Bauch getroffen, zwei in den Kopf. Geschossen hat vermutlich ein Mann, der Vergeltung für das Massaker von Behmai suchte, doch ganz aufgeklärt wird der Mord nie.

Zwölf Jahre sind seit Phoolan Devis Tod vergangen. Alle 21 Minuten wird heute in Indien eine Frau vergewaltigt.

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