Bendestorf : Hollywood in der Heide

Hier entstand der erste Nachkriegsskandal des deutschen Kinos: Hildegard Knef nackt. Bendestorf war jahrzehntelang wichtige Filmstadt. Heute wuchert Natur, wo Marika Rökk tanzte. Ein Rundgang auf dem Gelände der Studios.

Stefanie maeck
Marika Rökk und Johanes Heesters
Marika Rökk und Johanes HeestersFoto: Sammlung Richter/Cinetext

In der Garderobe Nummer zwölf sind die Jalousien runtergezogen. An den Enden sind sie zerknickt, die Scheiben dahinter zersprungen, das Garderobensofa zerrissen. Putz bröckelt von der Zimmerdecke und Schimmel greift einem die Lunge an. Den Gang hinunter, in der Kantine der Filmstudios, liegen noch eine Packung Hansaplast, Messer und Gabel in der Schublade, in den Studiohallen hängen riesige Autogrammbilder mit den Köpfen von Vico Torriani, Maria Schell und Caterina Valente in Schwarz-Weiß. So ähnlich muss die Titanic am Meeresgrund aussehen: als wären die Stars eben noch am Set gewesen, hätten geprobt, gelacht und sich in ihre Drehbücher vertieft. Und doch ist das Leben vor langer Zeit ausgezogen.

Eine Geisterstadt der Filmgeschichte liegt in Bendestorf am Rande eines dichten Eichen- und Birkenwaldes. Vergessen, melancholisch, voller Erinnerungen. Früher wurden hier Träume produziert. 30 Kilometer südlich von Hamburg, in der Heide. Heute hat die Natur eine geheimnisvolle Stille über alles gelegt.

Ein Schild stoppt den Besucher am Eingang der Filmstudios: Betreten verboten. Die monumentale Zufahrt mit Portal und Werksuhr liegt verlassen. Kein Pförtner, niemand hindert einen beim Betreten des Filmgeländes. Nur ein Hund aus der Nachbarschaft streunt herum. Auf dem Studiogelände wächst Moos auf den Dächern, Schafgarbe zwischen den Gehwegplatten, über die einst Limousinen rollten. Zum Hof liegen Toiletten: Eine Tür lässt sich quietschend aufstoßen. Auf der Damentoilette hängt ein Foto von Marika Rökk, auf der Herrentoilette eines von Hans Albers.

Was hier einmal los war! Bendestorf mit seinen gut 2000 Einwohnern, Luftkurort im Landkreis Harburg. Vor 60 Jahren gaben sich die Filmstars in den Studios der Junge Film Union die Klinke in die Hand: Hildegard Knef, Zarah Leander, die Diven stöckelten über die gepflasterte Dorfstraße unterhalb des Filmgeländes, gekleidet in Haute Couture aus Paris. Die Dorfbewohner schauten und staunten.

Bendestorfs Weg zur Filmstadt beginnt kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, als Rolf Meyer, ehemaliger Ufa-Volontär, mit zwei Palminkartons und einem Fahrrad auf der Flucht hier landet. Die englischen Besatzer ernennen ihn zum Bürgermeister des Dorfes, doch Meyer hat Höheres vor. Im Gasthof „Zum Schlangenbaum“, wo er wohnt, beginnt er im großen Tanzsaal zu drehen, seine Kontakte zu den Ufa-Stars nutzen ihm. Aus der Not dreht er an Schauplätzen in der Natur, doch schon 1948 beginnt Meyer, ein Überzeugungskünstler, mithilfe des Architekten Carlos Dudek Studios zu bauen. Das Gelände misst 13 000 Quadratmeter. Bald wird Bendestorf in einem Atemzug mit München, Berlin und Göttingen genannt, den Städten mit großen Filmstudios.

Vom Gasthof „Zum Schlangenbaum“ steht gerade noch eine Mauer. Wirt Schubbert wohnt heute in Buchholz in der Nordheide, gleich um die Ecke. Er erinnert sich, wie die Stars durch Bendestorf flanierten: „Kurzer Anruf: Wir kommen mit zehn Personen, hieß es.“ Dann wusste Schubbert, dass Zarah Leander und ihr Team in seinem Schankraum anrauschten. Die Diva nahm die Erbsensuppe.

In Bendestorf halten sich die Legenden. Auf dem Feuerwehrball soll Marika Rökk getanzt haben, und zwar auf dem Tisch. Der in diesem Jahr verstorbene Dorffriseur Weißbrich erzählte gerne von seinen Statisteneinsätzen, zu denen er vom Feld geholt wurde: Er durfte einen Friseur spielen. Später habe er den Filmstars in seinem Dorfsalon „Haarstudio Weißbrich“ tatsächlich die Haare geschnitten, zum Beispiel dem Gustav Fröhlich, Filmpartner von Hildegard Knef.

Die Hamburger fuhren in den 50er Jahren zur Autogrammjagd raus, wo Meyer Film um Film drehte. Die jungen Mädchen aus dem Dorf saßen derweil auf der Terrasse des Café Kuhrt und beobachteten die Knef in den Drehpausen. Sie staunten, wie sie Kette rauchte und vor sich hin murmelnd ihren Text durchging. Anschließend mussten sie selbst wieder zur Ernte aufs Feld, nach Kartoffeln graben.

Und dann kam der Skandal. Im August 1950 stand Hildegard Knef in grüner Seide, mit einer amerikanisch geschnittenen Sonnenbrille und blonden Haaren, die seidig auf die Schulter fielen, neben Regiestar Willi Forst in Bendestorf. So ungemein zierlich, nicht so wie die Dorfmädels mit ihren kräftigen Muskeln. Soeben war Hilde vom Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel von einer Delegation aus Bendestorf abgeholt worden. Kam direkt aus Amerika. Über die von Panzerketten verknitterte Autobahn ging es nach Bendestorf. Der Chefdramaturg hatte seinem Star einen Heideschinken und eine Flasche Korn überreicht. Gemeinsam führte sie nun die Journalisten mit Forst, im legeren Poloshirt, angereist im grauen Lincoln, Kennzeichen W6666, durch die Studiostadt, in der der erste Skandal der deutschen Filmgeschichte produziert werden sollte: „Die Sünderin.“

Hildegard Knef ist darin für zwei Sekunden nackt zu sehen. Sie spielte eine Prostituierte, die sich in einen kranken Künstler verliebt. Als die Szene im eigenen Vorführkino des Studios gezeigt wurde, sei es seltsam leer auf dem Gelände gewesen, erinnert sich eine Anwohnerin. Im Vorführkino auf dem Studiogelände drängelten sich rund 200 Mitarbeiter, alle wollten die Szene sehen, die einen Skandal auslösen sollte. Ein Skandal made in Bendestorf.

Auf dem maroden Filmgelände ist inzwischen Walfried Malleskat eingetroffen. Malleskat, 52, gelernter Grafikdesigner, wohnt in Bendestorf. Durch ein Ferienhaus ist er hier draußen gelandet. Er kümmert sich seit 2005 um die archivarische Erinnerung an jene Zeit, arbeitet für das Filmmuseum, das in einem Bauernhaus unterhalb des Filmgeländes liegt. Malleskat will heute das Filmgelände zeigen. Er selbst entdeckt hier noch für ihn Neues: In einer Küche stehen auf der Anrichte Tassen, ein Aschenbecher, im Schrank ein komplettes Service. „Die Tasse, aus der die Knef getrunken hat“, murmelt er. Seine Verehrung hat freilich einen ironischen Unterton.

Malleskat möchte die vom Abriss bedrohten Filmhallen mithilfe eines Fördervereines erhalten. Ursprünglich sollte das Ganze einer Wohnbebauung weichen. Familienidylle, wo die Knef sich auszog? Das wollte er nicht zulassen. Doch einige lokale Politiker fürchteten Kosten, die auf die Gemeinde zukommen könnten.

Malleskat schaut sich um. Ein Filmplakat hängt an der Wand: „Das Freudenhaus.“ Er setzt zu einem kleinen Vortrag an. „,Das Freudenhaus’ wurde ja auch hier gedreht.“ Malleskat plant, mit seinem Filmmuseum in die Halle A1 zu ziehen und ein kleines Kino zu eröffnen, warum nicht auch eine Gastronomie einziehen lassen, überlegt er. Wie schön wäre es, hier zu sitzen und an die Zeit des Nachkriegsfilms zu erinnern.

In den 50ern drehte Meyer in Bendestorf Filme mit Titeln wie „Melodie des Schicksals“, „Taxi Kitty“, „Professor Nachtfalter“, „Sensation in San Remo“. Er schickte seine Stars nach Hamburg zum Amüsement, sie kamen gut gelaunt und mit horrenden Rechnungen zurück. Doch auf den Aufstieg und den Luxus des Filmlebens folgte der Abstieg. Es war in der Kantine mit den grün gestrichenen Wänden, in der Malleskat jetzt steht und sich umguckt, in der Regisseur Willi Forst eines Drehtages missmutig in seinem Mittagessen stocherte. Rolf Meyer gesellte sich zu ihm. Sie hatten gemeinsam „Die Sünderin“ als Kassenschlager produziert. Nun drehten sie „Es geschehen noch Wunder“, ebenfalls mit der Knef, die großartig und emotional spielte. Aber bei der Fahrt ins Atelier hatte sie jedes Mal Magenkrämpfe, schrieb sie in ihren Memoiren, anders könne man „die seelische Selbstentblößung“ als Schauspielerin gar nicht aushalten.

Meyer will an diesem Tag in der Kantine gespürt haben, dass in dem bisherigen Ergebnis für „Es geschehen noch Wunder“ der Wurm drin war. Er sollte recht behalten, der Film fiel in den Kinos durch, der Beginn einer Pechsträhne. Knef schadete es nicht, sie erhielt anschließend einen Vertrag in Hollywood.

Meyers Pechsträhne setzte sich fort. Auf der Fahrt nach München hatte er 1951 einen Unfall, konnte sich mehrere Monate nicht um seine Junge Film Union kümmern. Ein Konkursverfahren wurde gegen ihn eröffnet. Horst R. Fink von der „Fink-Film“ kaufte die Hallen schließlich.

Nach Meyers Tod lief die Produktion in den Bendestorfer Studios weiter. Fink holte internationale Produktionen. Die Stars kamen wieder und die Heidebauern traten als findige Vermieter ihrer Bauernhäuser auf, die sie komfortabel aufgerüstet hatten. Doch die Preise hatten sie Hamburger Verhältnissen angeglichen. Ende der Sechziger waren die Hallen nur noch zu 15 Prozent ausgelastet. Gute Gewinne brachte kurzfristig die Sex-Film-Welle: „Das gelbe Haus am Pinnasberg“ von 1969 wurde hier gedreht.

In den Achtzigern kamen die Produzenten von Werbefilmen raus. Ariel, Kukident und Mon-Chérie-Werbestreifen entstanden in den Hallen sowie Synchronisationen für alte Edgar-Wallace-Filme mit Joachim Fuchsberger. Doch die Blüte des Nachkriegsfilms und damit die Zeit von Bendestorf als Heide-Hollywood war vorbei.

Anfang der Neunziger gelang es Fink als letzten Coup, Anthony Perkins und die Produktion „Der Mann nebenan“ in die Heide zu holen. Auch Mira Sorvino und Heike Makatsch saßen in den Garderoben, bevor die Natur selbst Regie übernahm und alles überwucherte. Malleskat zeigt auf eine Remise vor der Kantine, jemand hat einen Schrank mit alten Filmbändern rausgestellt. Das völlig veraltete Format Betamax Mastertape aus den Siebzigern liegt achtlos im Dreck. Im Fundus warten noch Kulissen, Türen, Fenster und Gemälde für Sets, von Dreck überzogen. In der Werksküche steht eine Knetmaschine, als wäre der Koch nur kurz rauchen gegangen. Im Büro liegt ein Kalender von 1992.

Vergangenes Jahr sah es so aus, als ob noch einmal Betrieb aufgenommen würde. Die Halle sei mit Sand aufgeschüttet worden, sagt Malleskat, „um Wüstenaufnahmen im Studio zu drehen“. Dabei blieb es. Nun hofft er, die Halle mit den Erinnerungen retten zu können.

Doch in Bendestorf hat das Projekt nicht nur Befürworter. Die Gegner fürchten, dass ein richtiges Filmmuseum auf dem Gelände zu viele Besucher in den betulichen Ort bringen würde. Walfried Malleskat lässt sich davon nicht irritieren. Wenn es nach ihm geht, sollen am Rande des dichten Eichenwaldes wieder Träume über die Leinwand flimmern.

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