Chongqing : Die größte Stadt der Welt

Chongqing ist so groß wie Österreich und so bevölkerungsstark wie vier europäische Länder. Ach ja: Es liegt in China. Und sonst? Hitze, Berge, scharfes Essen. Porträt einer unbekannten Stadt.

von
Zwischen zwei Flüssen. Wo der Jialing und der Jangtse ineinanderfließen, liegt Chongqing. Foto: Ignacio Polo Sainz
Zwischen zwei Flüssen. Wo der Jialing und der Jangtse ineinanderfließen, liegt Chongqing. Foto: Ignacio Polo Sainz

Als Jia Congcai sein Dorf verließ, um das Glück in der Stadt zu suchen, glich Chongqing, die Stadt, noch einem Dorf. Kaum ein Haus war höher als ein Stockwerk, in den Gassen pickten Hühner, Autos waren so selten, dass sie angegafft wurden wie Raumschiffe. Jia Congcai, der jung war, fand Arbeit und ein Bett, er schlief und plagte sich und sah der Stadt beim Wachsen zu. Die Häuser wurden höher und höher, die Hühner verschwanden zusammen mit den Gassen, den Autos sah bald kein Mensch mehr hinterher, es waren zu viele geworden. Irgendwann, Jia Congcai merkte es nicht, obwohl er selbst dazu beigetragen hatte, irgendwann war Chongqing, gelegen am Ufer des Jangtse und mitten in China, zur größten Stadt der Welt herangewachsen.

Fläche: 82 000 Quadratkilometer, so viel wie Österreich.

Bevölkerung: 32 Millionen Menschen, so viel wie Österreich, die Schweiz, die Slowakei und Tschechien zusammen.

1956 schwamm ein alter Mann durch den Jangtse, damit beginnt die Geschichte von Chongqings Wachstum. Als der Mann den Fluten entstieg, schrieb er ein Gedicht, es heißt „Schwimmen“.

Große Pläne sind im Gange / Steinmauern werden stromaufwärts stehen / Ein stiller See entsteht in den engen Schluchten ...

Der alte Mann hieß Mao Tse-tung, und sein Gedicht war das Startsignal für den Drei-Schluchten-Staudamm. Als vier Jahrzehnte später, 1993, mit dem Bau dieser weltgrößten Talsperre begonnen wurde, schuf die Partei an den Ufern des Jangtse eine Sonderwirtschaftszone. Aus Chinas bevölkerungsreichster Provinz Sichuan schnitt man ein sattes Stück heraus und nannte es Chongqing, nach der größten Stadt des neu geformten Gebiets. Als der Pegel des Jangtse zu steigen begann, stieg Chongqing zum Wirtschaftszentrum des chinesischen Hinterlands auf, und Wanderarbeiter wie Jia Congcai strömten zu Hunderttausenden in die Stadt.

Im chinesischen Verwaltungsjargon trägt Chongqing seitdem den Titel „Regierungsunmittelbare Stadt“. Man kann darüber streiten, ob „Stadt“ das richtige Wort ist für dieses Riesengebilde. Die Gebietsgrenzen umfassen weite, dünn besiedelte Agrarregionen, und die Ballungsräume dazwischen gehören nicht zu einer, sondern zu mehreren Großstädten, deren größte, die Kernstadt Chongqing, um die zehn Millionen Einwohner hat. Geht man jedoch nach der Bevölkerungszahl der gesamten Munizipalität, dann ist Chongqing weit größer als Tokio, Mexiko-Stadt oder Schanghai.

Vielleicht kann man es so zusammenfassen: Chongqing ist theoretisch die größte Stadt der Welt – und definitiv die größte Stadt, von der die Welt nie gehört hat.

„Tschung-Tching“ wird der Name gesprochen, die erste Silbe steigt an, die zweite fällt ab, es klingt wie eine Frage, gefolgt von einer Antwort: Tschung? Tching! „Doppeltes Fest“ bedeutet das, so taufte die Stadt ein Herrscher, der im 12. Jahrhundert zweifach Grund zum Feiern hatte, erst stieg er zum König, dann zum Kaiser der Song-Dynastie auf. Das klangliche Steigen und Fallen des Namens ähnelt den Bergen, von denen Chongqing umgeben und durchzogen ist, jeder Weg durch die Stadt führt auf und ab, auf und ab.

Es waren die Berge, die Jia Congcai in die Stadt zogen, sie verhießen Arbeit. Jia ist ein „Bang-Bang-Mann“, so heißen hier die, die zum Geldverdienen keine weitere Qualifikation mitbringen als ihre Schultern. Man erkennt sie am namensgebenden „Bang“, dem Bambusstab über ihren Schultern, mit dem sie links und rechts vertäute Waren zu Fuß durch Chongqings unebene Straßen schleppen, auf und ab, auf und ab. Im vorgerückten Alter erkennt man Bang-Bang-Männer auch an ihren auffällig unebenen Schultern.

Jia Congcai, dessen Schultern noch gerade sind, kann 100 Kilo tragen, er selbst wiegt 70 Kilo. Damit zählt er nicht zu den kräftigsten Bang-Bang-Männern, es gibt in Chongqing welche, die das Dreifache ihres Körpergewichts stemmen. Vor Märkten und Einkaufszentren trifft man sie, da stehen sie, auf ihre Stäbe gestützt, und warten auf Kunden. Jia Congcais Revier ist die große Shopping-Mall am Platz der Drei Schluchten, sieben Stockwerke voller Waren, die darauf warten, durch die Stadt geschleppt zu werden, auf und ab, auf und ab. Bang-Bang-Mann!, rufen die Kunden, zwei Kartons, wie viel? Prüfend hebt Jia Congcai dann die Waren, fragt nach der Länge des Wegs, nennt einen Preis. Für fünf Yuan trägt er Gemüsekörbe bis zum Parkplatz, für 50 schleppt er Kühlschränke in Dachgeschosswohnungen ohne Fahrstuhl. Wenn es einigermaßen läuft, hat er am Ende des Monats 1500 Yuan verdient, 190 Euro.

Knapp 30 Bang-Bang-Männer teilen sich den Platz vor dem Einkaufszentrum, sie stehen Schlange, nach jedem Auftrag reihen sie sich hinten wieder ein. Früher, erzählen sie, haben sie sich hier regelmäßig um Kunden geprügelt, bis zu jener epischen Schlägerei, bei der diverse Bambusstangen zu Bruch gingen, bevor die Polizei einschritt. Am Tag danach führten die Bang-Bang-Männer zerknirscht die Warteschlange ein.

Die meisten von ihnen, auch Jia Congcai, kommen aus derselben ärmlichen Ecke der Nachbarprovinz Sichuan, aus der auch Deng Xiaoping stammt, der Parteichef, der nach Mao das Ruder übernahm. Sie halten hier große Stücke auf ihren berühmten Landsmann. Deng war es, dessen „Politik der Reform und Öffnung“ Chongqing von Grund auf veränderte, ohne ihn, glauben die Bang-Bang-Männer, wäre der Platz der Drei Schluchten noch immer die hügelige Kuhweide, an die sich die älteren unter ihnen erinnern können. Heute, keine drei Jahrzehnte später, stehen hier fünfzigstöckige Bürotürme, aus denen abends die Angestellten in die Einkaufszentren strömen, um sich von den Bang-Bang-Männern deutsche Mikrowellen, japanische Lautsprecher und Kochtöpfe aus Italien in die Wohnungen tragen zu lassen.

Auch in die umgekehrte Richtung ist der Warenstrom in Gang gekommen, Chongqings Auto- und Motorradwerke exportieren seit ein paar Jahren ins Ausland, der letzte Gebietsgouverneur brüstete sich damit, dass ein Drittel aller weltweit verkauften Laptops in seinem Herrschaftsbereich montiert werde. Er brüstete sich offenbar ein bisschen zu laut, denn wenig später wurde er verhaftet, man wirft ihm Wirtschaftskorruption in massivem Ausmaß vor.

Für das Bang-Bang-Gewerbe ist Chongqings neuer Wohlstand zugleich Segen und Fluch. Es gibt mehr zu schleppen, doch seit die Menschen in Chongqing Autos haben und ihre Häuser Fahrstühle, schleppen sie ihre Einkäufe zunehmend selbst. Am Platz der Drei Schluchten gehen die Meinungen über die Zukunft des Gewerbes etwas auseinander. Jia Congcai, der Anfang 40 ist, sagt: „Wir sind eine aussterbende Art.“ Der 60-jährige Herr Hu, den sie hier „Großauge“ nennen, weil er beim Sprechen immer die Augen aufreißt, sagt: „Bang-Bang-Männer wird es geben, solange es Treppen gibt.“

Und Treppen gibt es wahrlich genug. Chongqings allgegenwärtige Wolkenkratzer wurden in solcher Hast in die Berghänge gesetzt, dass vielerorts die Straßenführung schlecht hinterherkommt, oft sind Hauseingänge besser über Fußwege zu erreichen, die sich auf Stelzen zwischen den Fassaden entlangschlängeln, auf und ab, auf und ab. Der Stadt gibt das ein dschungelartiges Gepräge, das am besten zur Geltung kommt, wenn wieder einmal Nebel über Chongqing liegt – für ihr heiß-feuchtes Klima ist die Stadt in ganz China berüchtigt, ebenso für die Schärfe ihrer Küche und die Schönheit ihrer Frauen.

Abends, wenn hysterische Lichtkaskaden über die Hochhausfassaden flackern, hat man manchmal das Gefühl, das schwindelerregende Wachstum der Stadt fast spüren zu können. Es gibt kaum ein Gebäude, das älter als 30 Jahre ist, die ursprüngliche Bebauung wurde komplett abgeräumt. An das alte Chongqing mit seinen Stelzenhäusern aus Bambus erinnert nur noch ein Themenpark fern des Stadtzentrums, der überwiegend aus Nachbauten besteht. Die Bang-Bang-Männer aber lachen nur, als sie gefragt werden, ob ihnen das frühere Chongqing fehle, der alte Herr Hu reißt die Augen noch ein bisschen weiter auf als sonst: „Niemandem fehlt das alte Chongqing! Es war arm und hässlich und grau, wem sollte es fehlen?“

Man findet kaum jemanden hier, der das anders sähe. Allein Xu Xiaobo, Dozent für Stadtplanung an der Chongqing-Universität, lässt am Ende eines langen Gesprächs sehr vorsichtig durchklingen, dass eines Tages der Stadt ihre Wurzeln fehlen könnten. Xu ist ein diplomatischer Formulierer, er schiebt gleich hinterher, dass Chinas Bevölkerungsdruck nun einmal wenig Raum für denkmalpflegerische Sentimentalitäten lasse. Immerhin, fährt er fort, stelle er in letzter Zeit einen gewissen Wandel in der Chongqinger Stadtplanung fest, beispielsweise würden öffentliche Bauten inzwischen mit Flusswasser gekühlt statt mit stromfressenden Klimaanlagen. Das aber, fügt Xu eilig hinzu, sei ein Mentalitätswandel, der in China nicht früher hätte einsetzen können. „Man muss etwas zu essen haben, bevor man entscheiden kann, was man isst.“

Zukunftsvorhersagen hält Xu für ein schwieriges Feld. Den Bevölkerungsprognosen etwa, die das Museum für Stadtplanung präsentiert, nach denen in den nächsten zehn Jahren weitere fünf Millionen Menschen aus Chongqings ländlichen Gebieten in die Stadt umsiedeln sollen, misst Xu nicht viel Gewicht bei. „Es könnten weniger sein, es könnten mehr werden. In China weiß man nie, was passiert.“ Xu ist sich nicht einmal sicher, welches Gebäude in Chongqing derzeit das höchste ist. Definitiv hat eines 80 Stockwerke, aber war da nicht noch irgendwo ein 400-Meter-Turm in Planung?

Kurz vorm Abschied fragt Xu, als falle ihm das spontan ein, ob es in Berlin eigentlich viele Wolkenkratzer gebe. Nein? Interessant, sagt Xu, dem dies sicher nicht neu ist. Vielleicht bedeute das ja, dass Berlin keine Wolkenkratzer brauche. Weil die Stadt ein Selbstbewusstsein habe, das Chongqing fehle. Nur eine Idee, sagt Xu.

Jia Congcai wohnt ganz unten. Für 100 Yuan im Monat, knapp 13 Euro, mietet er ein fensterloses Kellerzimmer, das er mit seiner Frau teilt, einer Schuhputzerin. Eine nackte Glühbirne hängt zwischen Betonboden und Wellblechdecke, es riecht nach Brennholz, im Nebenzimmer steht der Küchenherd, den sich 40 Wanderarbeiterfamilien im Haus teilen.

Nachts, wenn er seine Schultern entlastet hat, widmet sich Jia Congcai, der Bang-Bang-Mann, der Literatur. Er mag Geschichtliches und Biografisches, gerade liest er, was Henry Kissinger über China geschrieben hat, das sei, findet Jia, „ein Spiegel für unsere Gesellschaft“.

Er schreibt auch selbst, Geschichten über sein Leben, die manchmal in Zeitschriften gedruckt werden. Eines Tages will Jia Congcai ein ganzes Buch schreiben, das ist sein Traum. Ein Buch über Wanderarbeiter wie ihn selbst, über die kleinen Menschen, die Chongqing groß gemacht haben. Arbeitstitel: Auf und ab.

2 Kommentare

Neuester Kommentar