Christine Prayon aus der "heute-Show" : „Ich muss den Mächtigen die Hosen runterziehen“

Nicht die Islamisierung, die Prekarisierung des Abendlandes ist das Problem – sagt Christine Prayon und findet, Satire muss nicht alles, was sie darf.

Interview: Sebastian Grundke
Die Kabarettistin Christine Prayon
Die Kabarettistin Christine PrayonFoto: picture alliance / dpa

Christine Prayon, 41, hat Schauspiel in München studiert. Als Kabarettistin ist sie unter anderem in der Rolle der Birte Schneider aus der „heute-Show“ bekannt. Für ihr aktuelles Programm „Die Diplom-Animatöse“ bekam sie den Deutschen Kabarett-Preis.

Frau Prayon, wenn Sie im ZDF als Birte Schneider auftreten, werden Sie dort als Kabarettistin oder Comedienne bezahlt?

Das ist eine gute Frage. Genau weiß ich es nicht, ich denke, dass ich als Kabarettistin geführt werde.

Wenn die Verwertungsgemeinschaft-Wort Tantiemen ausschüttet, vergütet sie Kabarett doppelt so hoch wie Comedy.
Ach so. Dann verdient der Mario Barth wahrscheinlich gar nicht so viel, der Arme. Auf welchem Planeten leben Sie? Wenn man Kabarett und Comedy zusammenschmeißt, werden Bülent Ceylan, Mario Barth und Dieter Nuhr sicher am besten bezahlt. Und nun können Sie sich überlegen, ob die eher Kabarettisten sind oder eher Comedy machen. Abgesehen davon, versuchen Sie mal, all das, worauf Sie Anspruch haben, bei der Verwertungsgemeinschaft oder der GEMA anzumelden. Das wird ähnlich unmöglich gemacht wie das Ausfüllen eines Hartz-IV- oder eines Elterngeldantrags. Die meisten Künstler kapitulieren beim Versuch, ihre Ansprüche wahrzunehmen. Das war auch bei mir bisher der Fall.

Und Sie sind nicht neidisch auf Kollegen?
Ich verdiene mit diesem Beruf genug, um damit über die Runden zu kommen. Ich brauche nicht die Säle zu füllen und mache nicht das, was Mario Barth macht. Insofern habe ich auch kein Neidproblem, wenn andere das Olympiastadion voll kriegen. Ein Kabarettist, der seinen Beruf so versteht, wie man ihn vielleicht idealistischerweise sieht, der möchte sein Publikum erreichen, und das wächst nicht grenzenlos. So ein Programm findet an einem Abend vielleicht 300 Leute. Das hat was mit dem Anliegen zu tun, was man an so einem Abend hat. Außerdem braucht Kabarett einen vergleichsweise intimen Rahmen.

Sie sagten einmal: „Comedy bedient Klischees, Kabarett bekämpft sie.“ Dieter Nuhr entgegnete darauf, das sei nur „ein untauglicher Versuch der Heroisierung des eigenen Geschäftsmodells.“
Gibt es gutes und schlechtes Kabarett, gute und schlechte Comedy? Das sind Fragen, die tauchen in meiner Branche immer wieder auf, und ich finde: Comedy dient in Deutschland eher der reinen Unterhaltung und setzt auf Werte, die in den Köpfen der Leute schon verankert sind. Kabarett rüttelt an dem Bestehenden und stellt es infrage. Das ist ein großer Unterschied, und den finde ich wichtig. Wer den nicht macht, der versucht, dem Kabarett die Schärfe zu nehmen.

Noch einmal Dieter Nuhr: Das Kabarett setze oft „primitive Frontlinien zwischen Gut und Böse voraus, die Wirtschaft ist böse, die Bevölkerung gut, die Industrie schlecht, der Kleinbetrieb gut“ und so weiter. Befindet sich das Kabarett noch in einer Zeit vor der Jahrtausendwende?
Man kann das Kabarett durchaus kritisieren. Mitunter geht es nicht weit genug, bleibt in reiner Anklage derer „da oben“ stecken und fühlt sich gemeinsam mit seinen Zuschauern wohl, anstatt sie und sich selber mit in die Verantwortung zu nehmen. In diesem Fall haben wir es aber vielleicht mit nicht so besonders gutem Kabarett zu tun.

Was ist gutes Kabarett?

Es, ich nenne mit Volker Pispers und Hagen Rether nur mal zwei Beispiele, benennt Ross und Reiter. Und zwar nicht, um sich auf simplen Binsenwahrheiten auszuruhen, sondern um mit fassungslosem Staunen auf die tatsächlich bestehenden Schweinereien zu verweisen. Und manche Dinge sind nun mal einfach: Der Kapitalismus zeigt sich zwar immer wieder in neuem Gewand, aber am Prinzip der Ausbeutung hat sich doch durch die Jahrtausende nichts geändert. Im Gegenteil: Wir scheinen sogar in eine Art Mittelalter 2.0 zurückzufallen. Damit wäre das heutige Kabarett seiner Zeit dann wohl eher um 300 Jahre voraus.

Hat eigentlich die Einschaltquote der „heute-Show“Einfluss auf Ihre Arbeit?
Nein. Der Einfluss ist gleich null. Wenn ich danach gehen würde, ob Leute um- oder einschalten, dann würde ich keinen Satz aufs Papier bringen. Das lenkt mich als Kabarettistin und als Schauspielerin von meiner eigentlichen Arbeit ab. Das Thema Einschaltquote ist etwas für Fernsehredakteure.