Countertenor Philippe Jaroussky : „Beim Bügeln vergesse ich das Singen“

Er ist reisesüchtig, träumt von seiner Auszeit in Südamerika. Warum Philippe Jaroussky, begnadeter Countertenor, kein Sklave seiner Stimme sein möchte. Unser Sonntags-Interview in voller Länge.

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Philippe Jaroussky, 39.
Philippe Jaroussky, 39.Foto: Simon Fowler

Monsieur Jaroussky, Sie haben bei der Eröffnungsfeier der Elbphilharmonie gesungen, waren im letzten Jahr Artist in Residence im Berliner Konzerthaus, wurden schon zweimal zum Echo Klassik Sänger des Jahres gekürt ...

… manchmal habe ich fast das Gefühl, dass die Deutschen mich adoptiert haben. Nach Frankreich ist es das Land, wo ich am häufigsten auftrete.

In der Berliner Philharmonie geben Sie jetzt ein Konzert mit Arien von Georg Friedrich Händel. Was fasziniert Sie so an ihm?

Er ist der Beste! Seine Harmonien sind viel reicher als die aller Opernkomponisten seiner Zeit, es gibt einen richtigen Dialog zwischen Stimme und Orchester. Und was ich sehr berührend finde: dass ich manchmal ganz tief die Bewunderung spüre, die er für bestimmte Sänger empfand. Mir gefällt auch seine Widersprüchlichkeit. Händel war als schwieriger Charakter bekannt, galt als cholerisch, aber seine Musik hat etwas sehr Sensibles, Sinnliches, Süßes.

Auf einer Tournee wie dieser ziehen Sie von einer Stadt zur nächsten. Ganz schön anstrengend.

Ich habe eine wichtige Fähigkeit: Ich kann gut schlafen. Zehn, zwölf Stunden lang. Im Schlaf erholen sich die Stimmbänder. Vor einem Konzert stehe ich erst mittags auf, spreche nach dem Aufwachen zwei Stunden lang mit niemandem, wecke den Körper langsam auf und singe nur ein paar Übungen. Am Tag des Konzerts ist es mein Job, nichts zu tun. Perfekt! Ich bin nämlich faul. Ich weiß, was für ein Luxus das ist, du kannst machen, was du willst, niemand sitzt neben dir und macht Druck. Viele Menschen kennen das überhaupt nicht, haben Familie, rennen herum.

Das mit der Faulheit muss ein Scherz sein. Sie haben allein 30 CDs aufgenommen!

Ich bin neugierig! Dauernd habe ich neue Projekte im Kopf, die ich unbedingt machen möchte. Wir reden ja immer davon, dass die CD stirbt, nehmen aber gleichzeitig ganz viele auf. Vielleicht gerade deshalb – bevor es vorbei ist.

Sie zu Hause in Paris anzutreffen, ist Glückssache.

Ich bin gerade von einer zweiwöchigen Konzertreise zurückgekehrt. Da musste ich erst mal

was kochen. Ich hatte genug von Restaurants und Room Service.

Und, was gab’s?

Pot-au-feu, das dauert schön lange. Kochen ist eine gute Methode, um den Kopf frei zu kriegen, da denkst du an nichts anderes. Deswegen bitte ich auf Konzertreisen auch immer um ein Bügeleisen in der Garderobe. Ich will mein Hemd selber glätten. Dabei vergesse ich das Singen, höre auf, meine Stimme zu prüfen – ich bügle mein Hirn.

Sie sind bekannt für Ihr Outfit: schwarzes Hemd, schwarzer Schlips, schwarzes Jackett.

In Barockorchestern tragen die meisten Musiker schwarz. Wenn ich mich kleide wie sie, werde ich Teil von ihnen. Ich betrachte meine Stimme als eine Art Instrument zwischen den anderen. Man sieht auch stärker Hände und Gesicht. Schwarz hat was Nüchternes, der Fokus liegt dann noch mehr auf der Musik.

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