Magazin : Der gute Menschenhändler

Diese Geheimoperation lief mehr als 20 Jahre: Für eine Milliarde D-Mark kaufte die Bonner Regierung deutschstämmige Rumänen frei. Die Geldkoffer trug immer derselbe Mann.

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Peter Maffay verließ Rumänien 1963 als 14-Jähriger. In seinem Fall hatte die Großmutter 17000 Dollar für die Ausreise der Familie bezahlt.
Peter Maffay verließ Rumänien 1963 als 14-Jähriger. In seinem Fall hatte die Großmutter 17000 Dollar für die Ausreise der Familie...Foto: picture-alliance / dpa

Es ist ein handtellergroßer Zettel, den Alexandru Martinescu dem Deutschen Heinz-Günther Hüsch im Jahr 1968 auf dem Bukarester Flughafen Baneasa in die Hand drückt. Kurz vor Abflug steht Hüsch in der Warteschlange, seine Reise war bis hierhin nicht sonderlich erfolgreich. Er schaut auf den Zettel. Als Hüsch die Zahl 200 000 liest, weiß er, dass er gewonnen hat: Martinescu gibt Rabatt.

200 000 DM – das ist der Vorschuss, den der rumänische Rechtsanwalt von Hüsch verlangt. Denn Martinescu ist gleichzeitig Agent des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Und er hat etwas anzubieten. Martinescu handelt mit Menschen, sein Zettel ist eine Preisliste für Rumäniendeutsche.

Auch Heinz-Günther Hüsch, damals 39 Jahre alt, ist Rechtsanwalt. Außerdem CDU-Landtagsabgeordneter. Er kauft Menschen, kauft sie frei im Auftrag der Bundesregierung. Der Handel beginnt im Jahr 1968 und endet, als mehr als 20 Jahre später das Ceausescu-Regime untergeht. Bis dahin wird Hüsch über 220 000 Menschen gekauft haben, unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Rückblende, Rumänien, August 1944: Als das Land kapituliert, leben dort noch etwa 400 000 deutschstämmige Rumänen. Zehntausende von ihnen hatten freiwillig in Wehrmacht und Waffen-SS gekämpft, mit der Entmachtung der alten Eliten gerät auch die deutschstämmige Minderheit in Bedrängnis. Viele werden bereits während der letzten Kriegsmonate als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion geschickt, andere fliehen nach Deutschland.

Wer zurückbleibt, ist Repressalien ausgesetzt – und viele setzen ihre Hoffnung auf eine Ausreise zu den nach Deutschland geflohenen Angehörigen. „Hochverehrter Herr Bundeskanzler“, beginnt einer der Bittbriefe, die in den 50er Jahren an Konrad Adenauer geschrieben werden und sich heute in den Archiven des Auswärtigen Amtes befinden. Ob sich der Herr Bundeskanzler nicht für das Schicksal der Rumäniendeutschen einsetzen könne, auch wenn „die schwierigen Amtsgeschäfte Sie vollends in Anspruch nehmen“. Zur gleichen Zeit eröffnet der 28-jährige Rechtsanwalt Hüsch eine Kanzlei in Neuss am Rhein, Schwerpunkt Vertragsrecht.

Einen Bezug zu Rumänien hat der Jurist nur mittelbar, einer seiner Mandanten hatte rumänisches Toilettenpapier importiert, das sich nun – im rheinischen Klima – als ungeeignet erweist: steif und grisselig wird es, nicht zu verkaufen auf dem deutschen Markt – ein Fall für den jungen Rechtsanwalt. Das politische Klima in Neuss ist hingegen für Hüsch ideal: konservativ, katholisch, antikommunistisch. „Ich bin so schwarz, ich werfe Schatten im Keller“, sagt er über seine politische Haltung. Das kommt an, in Bonn wird man bald aufmerksam auf den jungen Abgeordneten.

Und während in Berlin im Jahr 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen und die Kommune 1 gegründet wird, sucht im Rheinland Gerd Ludwig Lemmer (CDU), Staatssekretär im Ministerium für Vertriebene, das Gespräch mit Hüsch. Er fragt ihn, ob Hüsch sich vorstellen könne, einmal nach Rumänien zu fliegen, es gäbe da eine Angelegenheit, bei der Diskretion und die politische Haltung eines überzeugten CDUlers erforderlich seien.

Man habe, so der Staatssekretär, Signale erhalten, die einen Freikauf der deutschstämmigen Bevölkerung in Aussicht stellten, mit wem man es jedoch auf rumänischer Seite zu tun habe, sei völlig unklar. Diplomatischen Schutz könne Lemmer keinen anbieten, sollte das Treffen an die Öffentlichkeit dringen, müsste der Staatssekretär seine Initiative leugnen. Zehn Minuten habe Hüsch überlegt, dann zugestimmt.

So weit die Vorgeschichte, die dazu führt, dass er ein Jahr später auf einem Bukarester Flughafen steht. Zumindest, so weit sie Hüsch betrifft.

Tatsächlich gibt es ein Dokument aus dem Jahr 1954, in dem eine deutsche Delegation von einem Treffen in Stockholm berichtet. Danach hätten da schon Vertreter der rumänischen Regierung „deutlich erklärt, dass sie Volksdeutsche aus dem Land nur herauslassen würden, wenn pro Kopf 1000 Dollar gezahlt würden“.

Auch Einzelpersonen versuchen immer wieder, Landsleute aus Rumänien freizukaufen. So beklagt sich der Bundesvorsitzende einer Landsmannschaft in einem vertraulichen Schreiben an das Auswärtige Amt über das Treiben eines Stuttgarter Ingenieurs, der angeblich pro Kopf 2000 DM für den Freikauf verlange, dessen Bemühungen allerdings „noch in keinem einzigen Fall zu einer Auswanderung geführt“ hätten. In anderen Fällen fließt Geld – und die Menschen können tatsächlich ausreisen.

So steigt im August 1963 der damals 14-jährige Peter Maffay gemeinsam mit seiner deutschstämmigen Mutter und seinem ungarischen Vater in ein Flugzeug auf demselben Bukarester Flughafen, auf dem einige Jahre später auch Hüsch landen wird. 17 000 Dollar habe seine Großmutter in den USA damals für die Ausreise der Familie bezahlen müssen, sagte Maffay vor einem Jahr in einem Fernsehinterview. Der genaue Ablauf blieb im Verborgenen: „Wir wussten nicht, was da ausgehandelt worden war hinter verschlossenen Türen.“

Erst mit Hüsch wurde der Freikauf von Menschen systematisiert – und zwar für Jahrzehnte. Die Kanzler kamen und gingen – Hüsch blieb. Mehr als tausend Mal traf er bis zum Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes seine rumänischen Verhandlungspartner, schloss insgesamt sechs schriftliche Vereinbarungen, die erste Anfang des Jahres 1969 in Schweden. Darin verpflichtete sich die rumänische Seite, im Laufe eines Jahres mindestens 3000 Rumäniendeutsche ausreisen zu lassen.

Es war der Beginn eines Geschäftsmodells, bei dem die Preise stetig stiegen. Am teuersten waren Akademiker, für sie zahlte die Bundesrepublik bis zu 11 000 DM, preiswerter waren Kinder oder ältere Menschen, für sie waren 1700 DM fällig. Erst 1978 änderte sich der Bezahlmodus: weg von Preisen nach Kategorie hin zu Pauschalbeträgen. Aber auch dieser Preis stieg, auf schließlich knapp 9000 DM pro Person ab dem Jahr 1988.

Während der Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR ebenso bekannt war wie jener deutschstämmiger Polen, legte die rumänische Seite gesteigerten Wert auf größte Geheimhaltung. Sie drohte mit Abbruch, sollten Details bekannt werden. Aber auch auf deutscher Seite schien das Vorgehen nicht geeignet, in der Öffentlichkeit beworben zu werden, zu sehr klang es nach Menschenhandel.

Die Rumänen verlangen Diskretion – sie bekommen sie: „Selbst engste politische Freunde habe ich nicht informiert“, sagt Hüsch. So entwickelt sich der Freikauf im Laufe der Zeit immer stärker zu einem Familienunternehmen. Kiloweise schleppt Hüsch 1000-DM-Scheine in Koffern durch Europa. Erst aus einer Neusser Bank, die von einem ihm aus der Kirche vertrauten Mann geleitet wurde, in den Safe seiner Kanzlei. Und von dort aus zu Treffen in verschiedenen europäischen Städten. Begleitet wurde er dabei von seinem Sohn oder seinem Schwiegersohn, beide ausgebildet bei der Bundeswehr.

Außerdem im Handgepäck des Vaters eine PPK, „die James-Bond-Pistole“, später dann ersetzt durch eine Sig Sauer. Was man halt so dabeihat, wenn man regelmäßig gut 6,5 Millionen DM in einem Koffer durch die Lande trägt. Angst will er keine gehabt haben, sagt er heute, erzählt stattdessen von seiner Jugend im Krieg, die Westfront, Luftangriffe auf Neuss. Mit anderen Worten: Hüsch ist Härteres gewohnt. Später als Abgeordneter habe er mal bei einer Geiselnahme vermittelt. „In Situationen der Gefahr bin ich immer eiskalt gewesen.“ Ebenso wenig will er je gezweifelt haben. Wenn intern überlegt wurde, den Freikauf zu stoppen, dann widersprach er. „Das wäre vor der Geschichte nicht zu verantworten gewesen“, so seine Ansicht.

Was bleibt, sind Anekdoten, mitunter Grotesken aus dem Kalten Krieg. Zum Beispiel der Tag, an dem die Rumänen ihm in Bukarest zum ersten Mal Prostituierte hinterherschicken – ein allzu billiger Versuch, den mehrfachen Familienvater erpressbar zu machen. Ein andermal trifft man sich in Rom, die Verhandlungen laufen schlecht, sehr schlecht. Und die rumänischen Kommunisten schlagen dem deutschen Katholiken vor, man könne doch jetzt gemeinsam in den Vatikan gehen, Kerzen anzünden, ein wenig beten, was man halt so tue, um die Stimmung zu bessern. Oder dieser Tag in Köln, an dem Hüschs Verhandlungspartner Martinescu ein paar Jagdgewehre für Staatschef Ceausescu von Bonn nach Paris transportieren will und nun auf dem Kölner Flughafen festsitzt, ohne Geld, ohne reserviertes Hotel. Also ruft er bei Hüsch an, der ihn vom Flughafen abholt, bei sich zu Hause übernachten lässt und am nächsten Tag gemeinsam mit ihm nach Paris fährt, im Kofferraum die Jagdwaffen. „Ich hatte das Gefühl, er empfand eine gewisse Wärme für uns“, sagt Hüsch über Martinescu, der in einem rumänischen Heim aufwuchs und in den folgenden Jahren öfter bei Hüschs zu Hause ist. Diese ganze Freikauf-Sache bekommt fast etwas Familiäres, als rumänische Geheimagenten auch noch Hüschs Söhnen im häuslichen Swimmingpool den Schmetterlingsstil beibringen.

Wie viel Geld am Ende geflossen ist, bleibt ein Rätsel, zu dessen Lösung auch Hüsch nicht beitragen mag. Experten schätzen, dass er im Laufe der Zeit etwa eine Milliarde DM nach Rumänien transferiert hat. Die Gelder kamen anfangs aus dem Haushalt des Bundesministeriums für Vertriebene und Flüchtlinge. Nach dessen Auflösung 1969 ging der Etat ins Bundesinnenministerium, ein Sonderposten, möglichst schwer auffindbar. Auf etwa 150 Personen schätzt Hüsch, der von 1976 bis 1990 Neusser Bundestagsabgeordneter war, den Kreis derjenigen, die auf deutscher Seite etwas genauer wussten, was da eigentlich passiert – und das über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren und vier verschiedenen Bundesregierungen.

Regelmäßig setzen sich deutsche Spitzenpolitiker auch direkt für einzelne Personen ein. Allein für 1976 lautet die Bilanz in einem vertraulichen Schreiben ans Auswärtige Amt: Bundeskanzler Helmut Schmidt holt eine Person „auf direktem Kanal“, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl 68 Personen und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher setzt sich dafür ein, dass 52 Menschen das Land verlassen dürfen.

Genscher war es auch, der Hüsch anwies, in einem besonderen Fall eine Ausreise zu erwirken: bei den Eltern des Sportlers Hans-Günther „Hansi“ Schmidt, der in den sechziger und siebziger Jahren als einer der weltbesten Handballer galt. Dass Schmidt eines Tages aus Rumänien fliehen würde, war von dem heute über 70-Jährigen von langer Hand geplant. „Ich habe früh begriffen, dass gute Sportler zu Wettkämpfen ins Ausland reisen dürfen. Also habe ich akribisch daran gearbeitet, mich zu verbessern.“ Schmidt spielt bereits mit 17 bei einem rumänischen Erstligisten, genießt Privilegien. Vier Jahre später verschwindet er am letzten Tag einer Tournee der rumänischen Jugendnationalmannschaft in Köln.

Da er Sportsoldat ist, wird Schmidt von den Rumänen als Deserteur betrachtet. Schlechte Voraussetzungen, um einen Antrag auf Familienzusammenführung für die immer noch in Rumänien lebenden Angehörigen zu stellen. „Der Schmidt soll doch nach Hause kommen, dann ist die Familie wieder zusammen“, habe man ihm mitgeteilt. „Nach Hause“ zurückzukehren hielt Schmidt, den man in Abwesenheit wegen Fahnenflucht zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt hatte, für keine gute Idee.

Also wendet sich Schmidt an Hans-Dietrich Genscher, der delegiert an Klaus Kinkel, der delegiert an den handballbegeisterten Hüsch, dieser verhandelt bei über 20 Terminen die Modalitäten der Ausreise. Bei Härtefällen wie Schmidt ging die deutsche Seite irgendwann dazu über, zusätzlich Schmiergeld zu zahlen. Oder Hüsch beglich die Rechnungen für Hightech-Produkte, die seine Verhandlungspartner gerne hätten. Auf diese Weise gerät ein Zahnlabor von Deutschland nach Rumänien, nach demselben Muster gelangt ein Gerät zur Analyse von Blutproben für gut 65 000 DM in den Osten – und Hansi Schmidts fünfköpfige Familie in den Westen.

Ein Großteil der Ausreisewilligen musste mit eigenen Devisen daheim zusätzlich schmieren – und zwar in DM. Der Preis: Ab Anfang der 80er Jahre zwischen 8000 und 16 000 DM. Der Besitz ausländischer Währungen war Rumänen aber nicht erlaubt, schon gar nicht in diesen Mengen. Und so konnten immer öfter nur diejenigen das Land verlassen, die von der reichen Westverwandtschaft das nötige Geld zugesteckt bekamen. Die Schmiergeldzahlungen sind ein Tabu – zu deutlich haben sie die oft dörflichen Gemeinschaften in Gewinner und Verlierer geteilt, zu Neid und Misstrauen geführt.

Das gilt bis heute. Etwa 35 000 deutschstämmige Rumänen leben noch in dem Land, sie werden aussterben. Wer konnte, hat das Land verlassen. Wer blieb, blieb übrig.

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