Der Hype ums Papier : Die neue Schreibkultur

Notizbuch statt Notebook! Selbst Neuköllns digital vernetzte Hipster lieben Papier – wenn es denn edel und handgemacht ist. In Berlin boomen die Papeterien.

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Aus dem Alltag verschwunden, sind Karten zu etwas Besonderem geworden.
Aus dem Alltag verschwunden, sind Karten zu etwas Besonderem geworden.Foto: Thilo Rückeis

Wer leuchtende Kinderaugen sehen will, geht in einen Spielzeugladen. Wer leuchtende Erwachsenenaugen sehen möchte, marschiert am besten in eine Papeterie. Da stehen die Großen und betasten vorsichtig farbiges Briefpapier, zupfen an Zetteln, blättern in Notizbüchern, vor und zurück. Selig streicheln sie handbedruckte Karten, bewundern Geschenkpapier, probieren Füllfederhalter aus, drehen und wenden Fotoalben, die ganz ohne Faden und Leim auskommen – das ist Handwerkskunst! Ein Fest, nicht nur fürs Auge und die Hand: Es wird auch gern geschnuppert am Material. Und wenn die Fans lange genug um die Regale gestrichen sind – soll ich, soll ich nicht? Wie gut, dass Weihnachten ist, da darf man hemmungslos kaufen, ist ja für einen guten Zweck –, bekommen sie ihre Kostbarkeiten in knisternde Pergamenttüten verpackt.

Papeterien boomen in Berlin. R.S.V.P., Papier Tigre, Luiban, inkwell, Paper & Tea, Two and Two … Der pure Anachronismus, könnte man meinen, hat das Smartphone doch längst Hefte, Kalender und Kugelschreiber ersetzt. Aber wer den ganzen Tag im digitalen Universum verbringt, sehnt sich nach analogem Dasein. Wer ständig übers glatte Tablet wischt, nimmt liebend gern Handgemachtes in die Hand.

Kalender gehen wieder gut

Natürlich wird niemand sein Notebook gegen ein Notizbuch tauschen. Wobei es durchaus Sachen gibt, die sich analog vielleicht doch besser bewältigen lassen. So gehen Kalender in der Papeterie R.S.V.P. seit ein paar Jahren wieder richtig gut, erzählt Besitzerin Meike Wander: Viele haben das Gefühl, da einen besseren Überblick zu bewahren. Auch der gemeinsame Einkaufsblock am Kühlschrank ist keine schlechte Idee. Und einem Tagebuch vertraut man seine intimsten Gedanken vielleicht doch lieber an als dem Computer. Schon weil dann niemand mitlesen kann.

Aber es geht nicht ums Entweder-oder, sondern ums Sowohl-als-auch. Je weniger Karten im alltäglichen Leben verschickt werden, hat Meike Wander beobachtet, desto mehr werden sie zu etwas Besonderem, wofür die Leute dann auch bereit sind, vier, fünf Euro auszugeben: für kleine Lithografien, handgedruckte Bilder auf edlem Papier, das dann mit der Hand beschrieben wird.

Kein Mädchenkram

Eine Sentimentalität ewig gestriger Oldies? Von wegen. Die Papeterien ballen sich dort, wo der Hipster zu Hause ist, in Mitte und Neukölln. Und auch, wer das Ganze für Mädchenkram hält, irrt. An einem frühen Freitagabend gucken sich im Luiban am Rosa-Luxemburg-Platz drei junge Männer um. Der Laden, klein und fein, wird auch von zwei Männern betrieben, so wie der neue Papier Tigre in der Mulackstraße: Jérôme Cubizolles berät dort in Sachen Papier, Henri Baudon braut den Kaffee. Der Laden fällt ein bisschen aus dem Rahmen, verkauft er doch vor allem Produkte des eigenen Pariser Labels, bekannt für seine farbigen geometrischen Muster. Was das Geschäft, in dem vorher Adidas saß, mit den anderen verbindet: dass man etwas Schönes verkaufen will, was zugleich funktional ist.

Das funktioniert nach dem Amazon-Prinzip: Wer X mag, dem gefällt auch Y. Wer Wert auf hohe Qualität und ästhetische Gestaltung legt, tut das nicht nur in einem Bereich. Bei Paper & Tea etwa gibt es Tee de luxe in schöner Verpackung – und edle Papierwaren.

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