Diagnose: Leukämie : „Ich sterbe nicht früher, wenn ich über das mögliche Sterben spreche“

Sie ist 26 Jahre alt. Auf ihrer To-do-Liste steht: paddeln auf der Spree, im Casino zocken – und lernen, eine Bierflasche mit dem Feuerzeug zu öffnen. Wie viel Zeit ihr dafür bleibt, weiß die Krebskranke nicht.

von und
Foto: Mike Wolff
Ihre Diagnose lautet Leukämie, sie spricht darüber, möchte aber nicht erkannt werdenFoto: Mike Wolff

Liebe Leserinnen und Leser,

am 12. April erschien das unten stehende Gespräch mit einer jungen Frau, es ging dabei um ihre Erkrankung an Leukämie, die Sterbebegleitung durch ein Berliner Hospiz und den Umgang mit dem Tod. Nun räumt die Frau ein, sie habe jahrelang alle mit ihr in Kontakt stehenden Personen getäuscht, Freunde, Kollegen, Sterbenskranke im Hospiz sowie dessen ehrenamtliche und professionelle Mitarbeiter, auch unsere Redaktion. Sie habe keinen Krebs. Wir werden versuchen, die Hintergründe dieses Falles aufzuklären. Die Sonntag-Redaktion (9. Juli 2015)

Der große Report mit der Rekonstruktion des Falls erschien am 13.Dezember 2015 im Tagesspiegel, er ist hier nachzulesen.

Sie haben kürzlich im Hospiz den Vortrag „Sterben für Anfänger“ gehalten, es ging um Ihre Leukämie und die akute Bedrohung durch den Tod. Trotzdem möchten Sie nicht erkannt werden und Ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Warum?

Es ist ein sehr, sehr intimes Thema, bei dem ich viel Persönliches von mir preisgebe. Da ist es nur gut, wenn ich mich ein wenig schütze, auch vor den Reaktionen, die kommen würden. Mit meinem vollen Namen fände jeder im Internet schnell meine E-Mail-Adresse.

Wovor fürchten Sie sich denn?

Vor allem vor den gut gemeinten Ratschlägen. Das kann schnell übergriffig werden. Ich möchte nicht hören: Wenn du dich richtig ernährst, wird schon alles wieder, mit Büchern wie „Brokkoli gegen Krebs“. Das impliziert, ich hätte es selbst in der Hand oder eine Mitschuld. Ich unterziehe mich echt schmerzhaften und unangenehmen Behandlungen, ich tue schon so viel – da liegt es mit Sicherheit nicht am falschen Mineralwasser, das ich trinke, ob die Chemotherapie anschlägt oder nicht.

Sie waren gerade wieder im Krankenhaus. Wie geht es Ihnen heute?

Ganz okay. Das waren nur drei Tage, ein kleiner operativer Eingriff. Meine Grenze für die Aussage „Es geht mir nicht gut“ liegt allerdings auch relativ weit oben. Sobald ich aufstehen kann und halbwegs mobil bin, empfinde ich das als gut.

Haben Sie gezählt, der wievielte Aufenthalt im Krankenhaus das war?

Oh Gott, es gab so viele in den vergangenen vier Jahren. Etwa 30, schätze ich.

Was hatten Sie denn alles?

Die Frage ist eher: Was hatte ich noch nicht? Es gab Gallenkoliken, eine Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung, die Gallenblase ist raus, schwere Pilzinfektionen in der Lunge, Lungenlappen weggeschnitten, Rippenfellentzündungen. Im Herbst hatte ich einen Eingriff am Knie, da musste Schleimhautgewebe entfernt werden, das sich ganz stark entzündet hatte, mit bakteriellen Infektionen, MRSA-Keime. Eine Meningitis hatte ich zwischendurch mal, Hirnhautentzündung, auch sehr unschön. Man ist eben für solche Sachen viel anfälliger.

Auch wegen der vielen Chemotherapien?

Ja. Ich hatte bislang 25 Zyklen von unterschiedlicher Länge. Im Moment habe ich keine, deswegen fühle ich mich recht fit.

Sie sind Psychologin. Hilft das, mit Ihrer Situation besser zurechtzukommen?

Ich glaube nicht. Ich hatte selbst diese Erwartung und denke oft, ich müsste doch eigentlich wissen, wie ich mit all dem umgehen sollte, um es gut auszuhalten. Meine Erfahrung ist: All die Erkenntnisse und das Wissen über Gefühlsmanagement und Emotionsregulation, das funktioniert bei einem selbst nicht. Die Theorie ist im Kopf, der Anspruch ist da, das macht es sogar noch schwieriger.

„Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen“, spotteten die Soldaten über Jesus, als er am Kreuz hing.

Genau so. Anfangs hat mich das total kirre gemacht. Wenn ich mir nicht helfen kann, bin ich dann überhaupt eine gute Psychologin? Nach und nach habe ich gelernt, dass ich mir gar nicht helfen muss, dass es völlig in Ordnung ist, wenn das mal andere übernehmen.

Lassen Sie sich helfen?

Ich habe eine Psycho-Onkologin, das ist total wichtig. Sie arbeitet vorwiegend mit Krebspatienten, kennt sich gut damit aus. Normalerweise haben Psychologen mit Menschen ... also, darf ich mal kurz ausholen?

Gern.

Zu mir als Psychologin kommen Patienten, die in ihrem Verhalten oder in ihren Gefühlen gestört sind. Sie haben Ängste, ihre Beziehungen scheitern immer wieder, so in der Art. Dann arbeitet man an Interaktionsmustern, am Verhalten in der Kommunikation, sehr problemfokussiert. Ein Krebspatient ist ja meist psychisch gesund, der hat nur mit schweren Belastungen zu kämpfen. Bei der Psycho-Onkologie geht es um Entlastung. Es gibt keine Lösung für das Problem an sich, ein Psycho-Onkologe kann den Krebs nicht wegmachen. Er kann nur vermitteln, dass es schon so in Ordnung ist, wie man sich fühlt. Ich dachte zum Beispiel, so ein Aufenthalt im Krankenhaus, x-mal erlebt, das kenne ich doch, das darf mich nicht mehr mitnehmen. Trotzdem erschüttert es mich jedes Mal aufs Neue.

Was genau ist so belastend am Krankenhaus?

Da hat sich bei mir mit den Jahren etwas verändert. Nach der Diagnose konzentriert sich alles auf die Behandlung, man liegt flach und weiß, das muss jetzt einfach sein. Und danach kann ich ja wieder voll ins Leben preschen. Nur ist meine Situation inzwischen so unklar. Keiner weiß, werde ich das überleben? Wie lange werde ich noch leben? Mein Gefühl ist: Das Krankenhaus beraubt mich. Ich kann nicht entscheiden, wann ich aufstehe, wie ich den Tagesablauf strukturiere, wann und was ich esse. Wenn ich nun noch begrenzte Zeit habe, möchte ich sie so selbstbestimmt verbringen wie möglich, in meiner eigenen Wohnung.

17 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben