Magazin : Die Erfindung der Weihnachtsgeschichte

Viel spricht dafür, dass im Jahr vier vor der Zeitenwende Jesus geboren wurde. Aber wo genau? Wer war alles dabei? Und was hat das mit dem 25. Dezember zu tun? Der Mythos und die Fakten – eine Rekonstruktion.

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Die Geschichte mit den heiligen drei Königen geht auf Matthäus zurück, die Herbergssuche, die Maria und Josef in Bethlehem in den Stall führt, auf den Evangelisten Lukas. Fotos: culture-images/fai, imago, pa/dpa, pudelek/public domain
Die Geschichte mit den heiligen drei Königen geht auf Matthäus zurück, die Herbergssuche, die Maria und Josef in Bethlehem in den...Foto: IMAGO

Der Mann hatte eine frohe Botschaft zu verkünden, ein Evangelium, wie man in seiner griechisch sprechenden Heimat irgendwo in Syrien sagte, und die Botschaft kam auch gut an. Im Mittelpunkt stand Jesus, Erlöser und Messias. Doch was, wenn seine Zuhörer wissen wollten, wo dieser Jesus herstammte? Ein wunder Punkt, denn darüber wusste der Mann, den sie den Evangelisten Matthäus nannten, nicht viel.

Es bedurfte einer überzeugenden Geschichte, und die schrieb er um 90 nach Christus. Jesus war da schon beinahe 60 Jahre tot. Matthäus war also auch nicht identisch mit dem Jünger gleichen Namens, den die Nachwelt lange für den Autor hielt.

Jener Jünger war Zöllner von Beruf. Der Matthäus, um den es hier geht, wahrscheinlich Lehrer in einer Gemeinde von Judenchristen. So nannte man Gemeindemitglieder, die sich zwar im neuen Glauben hatten taufen lassen, aber immer noch jüdische Gebote befolgten, wie etwa die Sabbatruhe. Die Judenchristen sahen sich sowohl als Anhänger Jesu als auch als Teil des auserwählten jüdischen Volkes. Eine heikle Position, denn das Judentum befand sich in einer katastrophalen Lage.

Etwa 20 Jahre zuvor hatte die antike Weltmacht Rom einen jüdischen Aufstand brutal niedergeschlagen. 600 000 Menschen sollen dabei umgekommen sein, die Stadt Jerusalem und ihr Tempel wurden von den Römern zerstört. Seitdem forderten die pharisäischen Schriftgelehrten erst recht die unbedingte Einhaltung aller jüdischen Gebote. Für getaufte Abweichler hatte man da nicht viel Verständnis. Was auch einige Judenchristen zweifeln ließ, ob sie sich denn auf dem richtigen Weg befanden.

In dieser Situation schrieb Matthäus sein Evangelium, und sein Ziel war es, den Zweiflern in den eigenen Reihen zu zeigen, dass Jesus der erwartete Messias war. Matthäus war überzeugt, dass Jesus ganz in der jüdischen Tradition stand und sich in ihm die Weissagungen des Alten Testaments erfüllten. Zu diesem Zweck wollte er auch von Jesu Geburt erzählen und damit zugleich die Neugier der Gläubigen befriedigen, die an mehr Details aus dem Leben ihres Heilands interessiert waren.

Allerdings stand in keinem der beiden Texte, anhand derer er das Leben Jesu rekonstruieren wollte, auch nur ein Wort über die Geburt. Heute weiß man, dass Matthäus das 20 Jahre ältere Markus-Evangelium und eine Sammlung von Aussprüchen und Gleichnissen Jesu, die man wissenschaftlich die Logien- oder Spruchquelle „Q“ nennt (entstanden zw. 40 und 70), als Hauptquellen benutzte.

Jesus musste in Nazareth geboren worden sein, denn schließlich sprachen alle Christen und das Markus-Evangelium von ihm als Nazarener. Daneben existierten weitere, mündliche Überlieferungen, oft kaum mehr als Gerüchte – doch scheint Matthäus an eines geglaubt zu haben: Marias Empfängnis vom heiligen Geist. Damit ließ er seine Geburtsgeschichte beginnen:

„Maria war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des heiligen Geistes.“

Für das antike Publikum war eine göttliche Vaterschaft nichts Außergewöhnliches. Der Biograf Plutarch berichtet etwa, dass Zeus eines Nachts einer Königstochter namens Olympias „in Gestalt einer Schlange beigewohnt“ haben sollte. Neun Monate später kam Alexander der Große zur Welt. Plutarchs dramaturgischer Kniff bedeutete vor allem eines: Alexander war ein Auserwählter. Bei Matthäus handelte es sich immerhin um den Sohn Gottes. Wie sollte also ein solches Wunder anders erklärt werden?

Matthäus konnte sich auf eine alttestamentliche Weissagung berufen: Jesaja hatte prophezeit, dass der Messias von einer Jungfrau geboren werden sollte. Andere Autoren schlossen sich dieser Version an, schmückten sie noch aus, schon um Gerüchten den Boden zu entziehen, die im zweiten Jahrhundert auftauchten. Danach sollte Maria eine Affäre mit einem Soldaten namens Pantera gehabt haben, der auch Vater Jesu sei.

Tatsächlich ist ausgerechnet in Deutschland, in Bad Kreuznach, der Grabstein eines Bogenschützen römischer Hilfstruppen zu besichtigen, dessen Einheit einige Jahre nach der Zeitenwende an den Rhein versetzt wurde. Sein Name ist Tiberius Julius Abdes Pantera, und sein Grabstein klärt darüber auf, dass er aus Sidon im heutigen Libanon stammt, also nicht allzu weit von Nazareth entfernt. Zudem gibt es einen Hinweis, dass der Truppenteil des Schützen Pantera, der im Jahr 40 mit 62 Jahren in Germanien starb, bis zum Jahr 6 in Syrien stationiert gewesen war. Dennoch ist unwahrscheinlich, dass dieser Pantera der Vater Jesu war. Zum einen war da noch Josef als leiblicher Vater. Zum anderen war Pantera kein seltener Name.

Matthäus brauchte nun eine Idee, wie er Jesu Geburt in Bethlehem stattfinden, Jesus selbst aber später in Nazareth aufwachsen lassen konnte. Denn der erwartete Messias sollte nach den Weissagungen des alttestamentlichen Propheten Micha in Bethlehem, der Stadt Davids, geboren werden. Und was für Elemente gehörten in die Kindheitsgeschichte eines Heilands? Matthäus war ein gebildeter Mann, der sowohl die antiken Mythen als auch die Ereignisse seiner Zeit kannte. Und ein Ereignis des Jahres 66 n. Chr. hinterließ einen gewaltigen Eindruck im Osten des römischen Reiches.

Tiridates, König von Armenien, reiste in diesem Jahr nach Rom, um dort das Diadem aus den Händen Kaiser Neros zu empfangen – ein Akt, der die Unterwerfung unter römische Oberhoheit demonstrierte. Tiridates und einige Mitglieder seines Gefolges wurden von ihren Zeitgenossen auch als Magier bezeichnet, das heißt, sie waren Priester einer iranischen Religion, die sich auf den Religionsstifter Zarathustra berief. Das Wort kann aber auch allgemeiner Sterndeuter und Astrologen bezeichnen. Es ist gut möglich, dass sich Matthäus dadurch zu folgender Episode inspirieren ließ:

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem geboren worden war, kamen Magier aus dem Osten nach Jerusalem. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her, bis zu dem Ort wo das Kind war.“

In Luthers Übersetzung werden aus den Magiern die Weisen aus dem Morgenland. Sie huldigen in Bethlehem dem neugeborenen König der Juden und schenken ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe – in der Antike typische Geschenke für einen König. Im Jahre 205 v. Chr. erhielt ein König namens Antiochos Silber, Weihrauch und ein Öl geschenkt, das man aus dem Harz der Myrrhe gepresst hatte. Myrrhe war teuer, begehrt und wurde als Räuchermittel, als Medizin und als Mittel zum Würzen von Wein und Likör verwendet.

Die Magier verwandelten sich erst im Laufe der Zeit in die heiligen drei Könige. Es fing damit an, dass der Kirchenlehrer Tertullian um das Jahr 200 erklärte, die Magier wären Könige gewesen, um die Bedeutung der Huldigung zu steigern; und ein weiterer Kirchenlehrer, Origenes, hatte im dritten Jahrhundert aus den drei Gaben geschlossen, dass sie zu dritt gewesen sein müssten, denn Matthäus sagt nichts über ihre Anzahl. Die Magier werden im Allgemeinen als Vertreter der heidnischen Welt gedeutet, die die Bedeutung Jesu erkannten – anders als die Juden.

Es gibt auch die Interpretation, der Weihnachtsstern sei die Beschreibung eines astronomischen Ereignisses, das sich zu Zeiten von Jesu Geburt tatsächlich ereignet haben soll. Wissenschaftler haben immer wieder neue Theorien vorgelegt, die die Erscheinung erklären sollten, etwa durch den Halleyschen Komet oder eine Supernova. Der Astronom Dieter B. Herrmann hat jedoch überzeugend dargelegt, dass sämtliche Erklärungsversuche gescheitert sind und es fast sicher keine Himmelserscheinung gegeben hat, die durch den Weihnachtsstern beschrieben wird. Die bekannteste Theorie, eine Konjunktion von Jupiter und Saturn, die sich im Jahre 7 v. Chr. ereignete, ignoriert zum Beispiel, dass Jupiter und Saturn in dieser Konjunktion immer noch als zwei Objekte zu erkennen sind. Matthäus hatte jedoch von einem einzelnen Stern gesprochen.

Im Altertum wurde anlässlich der Geburt oder auch des Todes eines Königs oder Heilands oft von ungewöhnlichen Himmelserscheinungen berichtet. So soll es bei der Geburt des Königs Mithridates von Pontos – eines Reiches in Kleinasien – im Jahr 146 v. Chr. gewesen sein, als nach Angaben eines Chronisten „ein Komet 70 Tage lang so leuchtend am Himmel stand, dass dieser ganz und gar in Flammen zu stehen schien“. Am ersten Todestag Julius Caesars strahlte ein Komet angeblich sieben Tage lang am Himmel und „man glaubte, es sei die Seele des in den Himmel aufgenommenen Caesar“, wie der antike Biograf Sueton notierte.

In Matthäus’ Geschichte brechen die Magier nach der Huldigung auf, um König Herodes, der als Stellvertreter Roms über Judäa herrschte, über den genauen Geburtsort Jesu zu informieren. Doch im Traum werden sie gewarnt, auf keinen Fall zu Herodes zurückzukehren. Denn der fürchtet die Konkurrenz des neugeborenen Königs der Juden. Schließlich gibt Herodes sogar Befehl, alle Jungen im Alter von bis zu zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung zu töten. Doch Gott lässt Josef warnen und der Familie gelingt die Flucht nach Ägypten.

Auch dies ist ein bekanntes Motiv. Als Inspiration diente Matthäus vermutlich die Geschichte von Moses: Der ägyptische Pharao gab den Befehl, alle männlichen Neugeborenen der Hebräer zu töten, Moses aber wurde von seiner Mutter in einem Binsenkästchen im Nil ausgesetzt und gerettet. Eine ähnliche Geschichte wird über Romulus erzählt, den Gründer Roms und Sohn des Gottes Mars: Er wurde aus dem Tiber gefischt und angeblich von einer Wölfin gesäugt.

Der Kindermord selbst ist nicht historisch, keine andere Quelle berichtet über ihn. Die Geschichte passt aber hervorragend in das Bild, das man bereits in der Antike von Herodes zeichnete. Er galt als Schlächter, der nicht nur seine Frau und deren Mutter, sondern auch drei seiner Söhne hatte hinrichten lassen. Dies geschah aus Angst um seine Herrschaft, Herodes fürchtete eine Verschwörung seiner Söhne. Ein Mordmotiv, das Matthäus für seine Erzählung übernimmt.

Nach dem Tod des Herodes schickt Gott erneut einen Engel, der Josef, Maria und Jesus aus Ägypten zurückruft. Damit erfüllt sich eine weitere alttestamentarische Weissagung. Doch noch immer braucht Matthäus einen Grund für die Familie, sich in Nazareth niederzulassen. Er findet ihn schließlich im Sohn des Herodes, Archelaos, der nun über Judäa herrscht, jene Provinz, in der Bethlehem liegt. Archelaos führte in Judäa ein Schreckensregime, dem erst Roms Kaiser Augustus ein Ende machen lässt.

Josef und seine Familie fürchten diesen Tyrannen. „Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa und ließ sich in einer Stadt namens Nazareth nieder.“ Galiläa unterstand einem anderen Sohn des Herodes, der als weit humanerer Regent galt.

Damit endet die Geburtsgeschichte des Matthäus, doch fehlt hier nicht noch etwas? Bisher war keine Rede von der überfüllten Herberge, die Josef und Maria zwang, in einen Stall auszuweichen, und wo sind Ochs und Esel?

Die Episode mit der Herbergssuche entstammt dem Evangelium des Lukas, der zur gleichen Zeit, aber unabhängig von Matthäus eine Geburtsgeschichte schrieb. Inhaltlich hatte sie wenig mit der des Matthäus gemeinsam. Lukas schrieb von einem Zensus, der verlangte, dass sich alle Bewohner des römischen Reichs in die Steuerlisten eintragen ließen, und zwar jeder in seiner Geburtsstadt. So zogen Maria und Josef in Josefs Geburtsstadt Bethlehem; dort kam Jesus auf die Welt und wurde in eine Krippe gelegt. Engel und Hirten, die von einem nahen Feld herbeigelaufen waren, priesen das Kind als Messias; schließlich kehrte die Familie nach Nazareth zurück.

Auch diese Geschichte ist nicht historisch, denn es gab im römischen Kaiserreich nie einen reichsweiten Zensus. Bei einem lokalen Zensus hätte sich Josef im Hauptort von Galiläa, Sepphoris, eintragen lassen müssen. Marias Anwesenheit wäre dabei nicht nötig gewesen. Ochs und Esel schließlich wurden von den frühen Christen hinzugedacht, denn sie fanden bei Jesaja den Vers: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn“.

Matthäus hatte es geschafft. Er hatte eine Geschichte voller Dramatik geschrieben, die überdies jedem zeigte, dass Jesus von Anfang an dazu bestimmt war, Messias der Erlöser der Menschen zu sein. Er hatte sich dazu seiner Fantasie bedient und klassischer Erzählmotive.

Die Geburt Jesu hingegen ist ein historisches Ereignis. Die Tatsache, dass er gelebt hat, bezeugt, neben den Evangelien, der römische Historiker Tacitus. Eine gewisse historische Glaubwürdigkeit kann auch der Zeitpunkt der Geburt beanspruchen, den Matthäus nennt: die letzten Lebensjahre des Herodes. Dies könnte auf eine echte Erinnerung zurückgehen, die der Evangelist transportiert hat, denn der Tod eines Herrschers diente seinen Untertanen schon immer als chronologischer Fixpunkt, an dem sie sich orientierten. Herodes starb im Jahr vier vor der Zeitwende. Jesus war vermutlich kurz vor dessen Tod geboren worden. Sein Geburtsort war Nazareth, seine leiblichen Eltern Maria und der Bauhandwerker Josef.

Im vierten Jahrhundert wurde das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember gelegt, erstmals ist das durch einen Eintrag im römischen Kalender für das Jahr 336 bezeugt. Möglicherweise, um mit der Feier ein heidnisches Fest zu verdrängen. Bis dahin war der Feiertag Sol Invictus gewidmet gewesen, ein Staatskult zu Ehren des unbesiegbaren Sonnengottes.

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