Antike Wohnungsnot : Mietwucher im alten Rom

Berlin ist attraktiv, Wohnungen werden knapp und teuer. Mit diesem Problem plagten sich die Römer schon vor 2000 Jahren. Da verfügte Cäsar 47 vor Christus eine Mietpreisgrenze. Doch auch der große Feldherr scheiterte auf dem Schlachtfeld der Immobilienspekulanten.

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Fließend Wasser gab es in der römischen Mietskaserne nur im Erdgeschoss.
Fließend Wasser gab es in der römischen Mietskaserne nur im Erdgeschoss.Foto: akg-images / Peter Connolly

Er war gerade 22 und zu Hause ein König. Doch nun saß der junge Ägypter fern der Heimat in einer winzigen Wohnung. Und obwohl der Vorgang sich bereits im Jahr 164 vor Christi Geburt abspielte, fällt es nicht schwer, sich die Misere des Ptolemaios VI. vorzustellen. Wie ein Student von heute hauste der von seinem Bruder vertriebene Pharao „wegen der hohen Mieten in Rom jetzt in einem engen und gänzlich schlechteren oberen Stockwerk“. So notierte es ein antiker Geschichtsschreiber.

Dabei hatte Ptolemaios noch Glück. Er fand Unterkunft bei einem gewissen Demetrios, den er aus seiner Heimat kannte. Demetrios war übrigens erfolgreicher Geograf. Doch Rom war eben nicht irgendeine Stadt, sondern die aufregendste Metropole jener Zeit. Und weder der gestürzte König noch der Gelehrte konnten sich dort etwas Besseres leisten als eine Wohnung im Obergeschoss einer römischen Mietskaserne.

Diese Insulae genannten Mehrgeschosser konnten einen ganzen Block umfassen, in Roms besten Zeiten gab es mehr als 46 000 davon. Schwer zu bestimmen, wie viele Einwohner das antike Rom hatte. Die Wissenschaftler sind sich heute in ihrer Mehrheit jedoch einig, es müssen schon zu Zeiten des Ptolemaios mehrere Hunderttausend, zur Kaiserzeit, also um Christi Geburt, sogar eine Million gewesen sein. Die meisten Römer lebten zur Miete. Den über 40 000 Mietskasernen standen nur 1797 Domus gegenüber, Einfamilienhäuser, die allerdings palastartige Ausmaße erreichen konnten.

Eine Million Menschen sind eine Menge, wenn man bedenkt, dass es in dieser Großstadt weder U- noch S-Bahn gab, noch irgendein anderes vernünftiges Verkehrsmittel. Immerhin wurde nur eine Minderheit gezwungen, nach Rom zu ziehen, Sklaven nämlich, die sich ihren Wohnsitz nicht aussuchen konnten – aber in weit größerer Zahl auf dem Land arbeiteten. Auf Roms Mietwohnungsmarkt spielten sie erst eine Rolle, wenn sie freigelassen wurden.

Die meisten kamen, weil sie es wollten. Weil sie auf einen besseren Job hofften – Rom war die Verwaltungszentrale eines Riesenreichs. Weil sie auf einflussreiche Gönner warteten, wie der gestürzte König Ptolemaios, der sein Reich am Nil gern wiedergehabt hätte und tatsächlich auch als König von Roms Gnaden zurückkehren sollte. Weil sie auf eine anständige Orgie eingeladen werden wollten oder wenigstens ins Theater. Denn, wie der Schriftsteller Decimus Iunius Iuvenalis, genannt Juvenal, in einer seiner Satiren schrieb: In der Provinz mag das Leben zwar beschaulicher sein, dafür gibt es dort auch nur einen Anlass, sich einmal gut zu kleiden. Nämlich bei der eigenen Beerdigung.

Und weil so viele frei nach Juvenal in der Provinz nicht einmal tot überm Zaun hängen wollten, drängte es sie aus allen Ecken des Imperiums, zog es Juden, Daker und Germanen, Iberer, Kappadokier und Äthiopier nach Rom. Schon die antiken Stadtplaner erkannten, dass dies Probleme bereiten würde. Denn wenn jedes Haus nur eine Etage hätte, würde die Stadt zwangsläufig schon im Jahr 100 bis an die Adria reichen, wie ein zeitgenössischer Mathematiker errechnete.

„Bei der gewaltigen Ausdehnung Roms und einer unendlich zahlreichen Bevölkerung musste für die Herstellung unzähliger Wohnungen Sorge getragen werden“, schrieb Marcus Vitruvius Pollio, besser bekannt als Vitruv, vor 2000 Jahren in seinen „Zehn Büchern über Architektur“. Vitruv fuhr fort: „Da nun bei einer solchen Masse von Einwohnern das vorhandene Bauterrain den Wohnzwecken nicht mehr genügen konnte, so zwang die Not, die Errichtung mehrstöckiger Bauten einzuführen“.

Vordergründig war Vitruv sehr angetan vom römischen Immobilienmarkt. Er behauptete, dass die Einwohnerschaft in ihren Mietskasernen „zweckmäßige Wohnverhältnisse“ vorfand. Doch er schrieb auch, dass „sehr reichliche Einkünfte“ mit mehrfach abgeteilten oberen Dachwohnungen zu erzielen seien.

Das ist nicht der einzige Hinweis, der verrät: Die Römer haben vor über 2000 Jahren nicht nur den Mietwohnungsbau im großen Stil erfunden, sie haben daraus auch ein Geschäft gemacht.

Die Szenemetropole am Tiber litt unter den Folgen galoppierender Immobilienspekulation. Denn wenn sich schon Könige in Dachkammern stecken lassen, ist klar: Das ist ein Markt, der verspricht Profit. Sehr viel Profit sogar, 30 Mal so viel wie die Viehzucht, rechnet der antike Schriftsteller Marcus Valerius Martialis, genannt Martial, an einem Beispiel vor.

Der erste berühmte Miethai, der aktenkundig wurden, ist Marcus Licinius Crassus. Ein Mann, dessen Beinamen so viel wie „fett“ bedeutet, auf den heute noch das Wörtchen „krass“ zurückgeht. Crassus war es, der mit seinem Heer den von Spartacus geführten Sklavenaufstand blutig beendete: Die gefangenen Sklaven wurden entlang der Via Appia an Kreuze genagelt. Extrem war auch der Reichtum des Crassus. Dabei soll er zu Beginn seiner Karriere nur ein überschaubares Vermögen von 8400 Sesterzen besessen haben. Er machte 200 Millionen daraus. Zum Vergleich: Ein antiker römischer Arbeiter verdiente 1000 Sesterzen im Jahr. Für 200 Millionen hätte er demnach 200 000 Jahre arbeiten müssen.

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