Digitale Nomaden : Sieht so die Zukunft der Arbeit aus?

Sie ziehen mit dem Laptop um die Welt und arbeiten, wo es ihnen gerade gefällt. Sie besitzen nur das Nötigste, den Rest organisieren sie sich online. Seine letzten Möbel hat Thorsten Kolsch schon im Sommer verkauft.

Isabel Stettin
Arbeitsplatz: überall. Sebastian Canaves lebt seit zwei Jahre unterwegs.
Arbeitsplatz: überall. Sebastian Canaves lebt seit zwei Jahre unterwegs.Foto: privat

Während seine gute Freundin ein Jahr um die Welt reiste, zog Thorsten Kolsch in ihre Wohnung im schicken Hamburger Viertel Blankenese und goss Blumen. Als er vom Fenster aus die Dampfer auf der Elbe beobachtete, erwachte sein Fernweh. Was wäre, wenn er jetzt einfach den Rucksack packen und wegfahren könnte?

Der 34-Jährige arbeitet im Online-Marketing, ist selbstständig. Viel lieber als am immer selben Schreibtisch arbeitet er im Café, in der Bahn, am Wasser. Reisen ist seine Leidenschaft. Wie viele in seiner Generation ist er ständig umgezogen für den Job. Kolsch fühlt sich an vielen Orten schnell heimisch. „Ich bin nicht der Typ für Urlaubsfotos an den Wänden“, sagt er.

Wo wohne ich morgen? Diese Frage beschäftigte ihn. Darum begann er vor einem Jahr, Menschen zu suchen, die ortsunabhängig leben, und drehte die Dokumentation „Digitale Nomaden – Deutschland zieht aus“. Darin erzählt er von den modernen Wanderarbeitern, die nicht mehr von 9 bis 18 Uhr im Büro verbringen, sondern ihren Rhythmus selbst bestimmen, Reisen mit Arbeit verbinden. Ohne Zelt, aber mit Notebook und Smartphone, ziehen sie von Ort zu Ort, bleiben, wo es ihnen gefällt, Weltenbummler und Unternehmer zugleich.

„Was uns verbindet, ist dieser Freiheitsdrang“, sagt Sebastian Canaves, einer dieser Umherziehenden. „Für mich geht es darum, mich selbst zu verwirklichen.“ Sein Job als Marketingberater hat ihm Spaß gemacht, doch er wollte „keine Marionette für jemand anderen sein“. Es war ein fließender Übergang vom Vielreisenden zum digitalen Nomaden. Seit Mitte 2013 ist er unterwegs. „Ich kann tun, was ich will, bin nicht gebunden.“

Sein Zuhause, sagt er, befindet sich dort, wo er sich gerade aufhält. Fast 100 Länder in fünf Kontinenten hat der 26-Jährige bereist, in Bulgarien, Thailand und den Niederlanden gelebt. „Grundsätzlich bin ich heimatlos“, sagt der Halbspanier, der auf Mallorca aufwuchs, mit 14 in die Nähe von Salzburg zog, dann nach Osnabrück. „In Spanien war ich der Deutsche, in Deutschland der Spanier.“

Nach dem Abitur ging er nach Australien. 2012 kehrte er zurück, machte sich als Online-Unternehmer und Blogger selbstständig. Heute führt er zwei Blogs, „TravelWorkLive“ und „Off The Path“, und leitet mit „Nomaden-Kollegin“ Conni Biesalski die Agentur Transit Media, in der sie eine Bloggerschule anschlossen. „Off the Path“ ist einer der größten Reiseblogs im deutschsprachigen Raum, derzeit hat er rund 70 000 monatliche Besucher. 2014 erwirtschaftete Canaves einen Gesamtumsatz von 200 000 Euro. Selbstdarstellung und ständige Online-Präsenz gehören zum Geschäftsmodell. Regelmäßige Beiträge darüber schreiben, wie man beispielsweise Einsamkeit in fremden Ländern bekämpft, Fragen beantworten, twittern, Facebook und Instagram füttern.

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