• „Ein Boykott von Sotschi wäre nicht hilfreich“ In Pjöngjang soll er mit Blumen posieren, in Brasilien vermittelt er in Favelas.

Magazin : „Ein Boykott von Sotschi wäre nicht hilfreich“ In Pjöngjang soll er mit Blumen posieren, in Brasilien vermittelt er in Favelas.

Willi Lemke über Diplomatie im Sport und Stinkefinger bei Auswärtsspielen.

von und Interview: Christian Hönicke

Herr Lemke, heute schon die Welt verbessert?

Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe mit einem Regierungsvertreter aus Seoul über den Vorsitz der Arbeitsgruppe „Sport und Behinderung“ unserer internationalen Arbeitsgruppe zu Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden gesprochen. Wenn Südkorea den Vorsitz übernimmt, wäre das großartig.

Wofür setzen Sie sich als „UN-Sonderberater Sport für Entwicklung und Frieden“ noch ein?

Jugend, Afrika, Entwicklungszusammenarbeit. Ich stehe dafür jeden Morgen auf und bin glücklich. Ich bin ja, wie Sie wissen, unbezahlt. Ich kriege zwar alle Kosten erstattet, habe aber keinen Rentenanspruch. Sie wollten mich wohl auf den Arm nehmen: der Weltverbesserer, der Spinner …

Eher locken.

Sie locken mich nicht in die Falle, mein Job macht die Welt wirklich ein bisschen besser. Schauen Sie mal hier, meine Handyfotos: das Projekt in Kigali für Frauen, die mit HIV infiziert sind. Oder „Fight for Peace“, eine Initiative in der noch nicht befriedeten Favela Maré in Rio.

Solche Probleme können Sie mit der Kraft des Sports lösen?

Ich bemühe mich, doch den Sport in Israel und Palästina für Dialoge zu nutzen, ist zum jetzigen Zeitpunkt fast unmöglich. Nordkorea und Südkorea – das ist beinahe genauso schwer.

Kim Jong un hat Sie noch nicht empfangen.

Nein, aber ich wurde in Pjöngjang von den verantwortlichen Sportvertretern freundlich und respektvoll begrüßt.

Der frühere Basketballstar Dennis Rodman hat sich gern zusammen mit Nordkoreas Machthaber gezeigt.

Auch Bad Guys sind auf Popularität angewiesen. Mein Ziel ist, Süd- und Nordkorea zu bilateralen Sportgesprächen zu bewegen. Es gibt die Idee, dass es vielleicht mal wieder eine vereinte Mannschaft gibt. Allerdings habe ich selbst in Nordkorea ganz neue, unerwartete Erfahrungen gemacht.

Erzählen Sie mal.

Es geht los mit dem Flieger, der ist etwa 40 Jahre alt. Da springt der Pilot vor Ihnen direkt mit einem Schraubenzieher in den Laderaum. An der chinesisch-nordkoreanischen Grenze spielen sie auf einmal die Nationalhymne im Flugzeug. Und als ich ankam, stand auf dem Rollfeld in Pjöngjang kein einziges Flugzeug, stattdessen ein riesiges Empfangskomitee, um mich willkommen zu heißen. Und auf den Straßen, es ist kaum zu glauben, laufen Hunderte von Menschen, alle einheitlich gekleidet, die Straße runter. Das Bedrückendste ist jedoch das Gefühl, dass es kaum offene Meinungsäußerungen gibt. Die Bevölkerung steht zu Tausenden andächtig vor den Denkmälern des großen Führers.

2000 sind Nord- und Südkorea bei Olympia gemeinsam ins Stadion eingelaufen. Sport ist immer für Symbole gut. Welche Langzeitwirkung hatte das?

Das sind kleine Schritte. Unterschätzen Sie die nicht! Wir hatten jetzt vier Nordkoreaner bei unserem „Youth Leadership Camp“ in Gwangju in Südkorea. Das war ein großer Erfolg. Denn es ist wunderbar für diese Menschen, zurückzugehen und zu erzählen, wie es ihnen da ergangen ist.

IOC-Präsident Thomas Bach sagt: Der Sport muss autonom sein.

Sage ich auch.

Muss man nicht gerade politisch sein, um dem Missbrauch zu entkommen?

Der Sport ist ja in sich politisch. Wie die Religion, die Wissenschaft, die Kunst. Natürlich wird er auch missbraucht. Ich wurde zu einem Museumsbesuch im Geburtshaus des Großen Führers eingeladen, da sollte ich dann mit Blumen abgelichtet werden. Den Strauß habe ich schnell meiner Assistentin in die Hand gedrückt, um diesem Foto zu entgehen. Du musst eben höllisch aufpassen als Politiker, dass der Sport nicht instrumentalisiert wird. Ich habe das damals abgewendet, weil ich gut vorbereitet war. Wer nun sagt, man darf bei Olympia in Sotschi nicht antreten, weil es in Russland ein Gesetz gegen Menschen mit homosexueller Orientierung gibt, den frage ich: Habt ihr nichts gelernt aus dem misslungenen Olympiaboykott gegen Moskau und der Revanche in Los Angeles?

Zumindest Bundespräsident Joachim Gauck wird nicht zu den Winterspielen nach Sotschi fahren. Viele interpretieren das als Boykott aufgrund der umstrittenen Gesetze.

Bundespräsident Gauck hat für sich persönlich entschieden, nicht nach Sotschi zu fahren. Das ist eine Absage, aber noch nicht mit einem Boykott gleichzusetzen, denn er rief nicht öffentlich dazu auf, seinem Beispiel zu folgen. Außerdem gibt es keine Regel, dass der Bundespräsident immer zu allen Sportveranstaltungen fahren muss. Bundespräsident Köhler hat zum Beispiel auch nicht die Olympischen Winterspiele in Vancouver besucht.

Glauben Sie denn, dass ein Boykott von Sotschi etwas bringen würde?

Ein Boykott wäre nicht hilfreich. Man kann nicht zulasten des Sports politische Konflikte austragen. Es ist doch viel besser, wenn Obama mit Putin redet. Ich finde: Das sind Olympische Spiele, die sollten nicht für politische Demonstrationen missbraucht werden, auch wenn Letztere für sich noch so legitim sind.

Und wie sollte sich das IOC verhalten? Es hat ja eine Macht, den Glanz des Sports.

Das IOC kann zu einem Dialog verhelfen. Aber es überschreitet sein Mandat, Stellung zu innen- und außenpolitischen Konflikten zu beziehen. Wenn man zulässt, dass jeder politische Protest vorgetragen werden kann, dann öffnet man ein Tor, das du nicht mehr schließen kannst. Ich habe schon öfter von Guantanamo gesprochen …

… dieses Beispiel hat IOC-Präsident Thomas Bach auch genannt.

In jedem Land werden Sie irgendwas finden, das Ihnen überhaupt nicht gefällt.

In der Charta des IOC steht: „Ziel des Olympismus ist es, den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung des Menschen zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist.“ Auf der anderen Seite betonen die Funktionäre, sie könnten nicht die Politik von Staaten verändern.

Natürlich. Es gibt so viele Konflikte, und es ist nicht Aufgabe des IOC, sich dazu zu positionieren.

Müssen Sportverbände eine Vorauswahl treffen nach Ländern, in denen sie ihre Großereignisse geben können, und anderen, die es nicht verdient haben?

Nein. Deutschland hat viel Nutzen aus der Fußball-WM 2006 geschöpft. Wir haben das freundlichste Gesicht, das beste Sonnenwetter gezeigt. Das war eine politische Veranstaltung par excellence. Und jetzt sollen wir sagen: Das lassen wir nicht mehr zu, weil das eine Zurschaustellung der ökonomischen Macht Deutschlands war?

Die Qualität eines Regimes sollte kein Kriterium für die Vergabe von Sportereignissen sein?

So brutal würde ich es nicht sagen. Ich wollte Sie nur eben kontern in der Argumentation, wohin man gehen darf. Unsere WM ist ein gutes Beispiel, denn die Welt schwärmt heute immer noch davon.

Fifa-Chef Joseph Blatter hat sich nicht damit beschäftigen müssen, dass in Deutschland ganze Menschengruppen diskriminiert werden, wie in Sotschi.

Dann sagen Sie, wir lassen die Spiele in Sotschi ausfallen. Was wäre die Konsequenz? Zieh’ die deutsche Mannschaft zurück, lieber DOSB.

Oder Willi Lemke macht einen Termin mit Wladimir Putin und überzeugt ihn.

Ich bin ja nur der Berater des UN-Generalsekretärs. Wenn Ban Ki-moon mit Putin spricht, dann könnte er das auch ansprechen.

Raten Sie ihm das?

Ich habe mit ihm über Konflikte in der Welt geredet, in denen der Sport aus meiner Sicht besser, proaktiver und direkter genutzt werden kann als in diesem Fall. Wo es langlebige Spannungen in ethnischen Konflikten gibt. Oder wo die Kriegsgefahr wie bei Nord- und Südkorea so groß ist. Das Gesetz in Russland, das Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen verbietet ...

… das ist dagegen nicht so wichtig?

Doch, ich bedauere es, finde es schlecht und würde das jedem sagen, auch meinen russischen Freunden sage ich das. Ich erzähle ihnen schon, wie wir das zum Beispiel in Deutschland handhaben und wie wichtig Toleranz ist. Aber es ist noch gar nicht so lange her, da haben wir in Deutschland noch Frauenfußball verboten und an den §175 kann ich mich noch erinnern. Da hätte man auch damals sagen können, solange die hier keine Frauen Fußball spielen lassen, boykottieren wir die mal. Da hätte es 1972 kein Olympia in München gegeben. Sport baut Brücken, Boykotte schaffen Gräben.

Gibt es Ausschlusskriterien für Sie?

Natürlich gibt es die. Man muss es aber andersherum machen und sagen: Was ist wichtig, wenn Spiele vergeben werden? Du musst die Umwelt berücksichtigen, dass kein Kahlschlag gemacht wird – und die Stadien anschließend nicht mehr genutzt werden. Oder Stadtteile abgerissen werden. Natürlich ist die Frage der Menschenrechte eine wichtige. Wenn ein Land wirklich massiv gegen die Menschenrechte verstößt, kann dorthin keine Sportveranstaltung gegeben werden.

Die Eishockey-WM 2014 ist in Weißrussland.

Da werde ich nicht hinfahren. Doch die Sportlerinnen und Sportler und die Menschen in Weißrussland, die sich jetzt darauf freuen, unsere Gastgeber zu sein, die triffst du natürlich auch damit. Das muss jeder so machen, wie er es denkt.

Herr Lemke, kürzlich sind Sie in den Iran gereist. War das ähnlich surreal für Sie wie in Nordkorea?

Das war ganz anders! Ich wollte mir ja nach der Wahl von Rohani einen Blick auf das Land erlauben. Wir sind da nicht nur in der Staatskarosse herumgefahren, sondern auch in der Metro, das war unglaublich interessant, weil du da natürlich die Menschen kennenlernst. Ich habe nicht gewusst, dass eine U-Bahn auch ein Kaufhaus sein kann. Im ganzen Zug liefen die Leute auf und ab und haben Markt gehalten und Schnürsenkel, Handtaschen und Kaugummis verkauft. Weil das Klima da so gut ist, draußen sind 35 Grad.

Was haben Sie Ban Ki-moon außerdem berichtet?

Ich habe ihn informiert, dass mit Rohani ein neues Zeitalter anzubrechen scheint. Iran hat eine offene, sehr gut entwickelte Gesellschaft mit einer Mittelschicht, die den Mullahs nicht hinterherrennt. Es gab zwei Riesenfeten in den letzten Monaten in Teheran. Die erste war die Rohani-Wahl, da waren Hunderttausende auf den Straßen, Moderate, Reformer, und haben sich gefreut. Die zweite Fete war, als die Iraner sich für die Fußball-WM qualifiziert haben. Die war noch ein bisschen größer.

Konnten Sie im Atomstreit vermitteln?

Nein, das ist doch überhaupt nicht meine Aufgabe. Aber glauben Sie mir, man kann durchaus sportpolitische Gespräche sinnvoll nutzen, um Spannungen abzubauen. Eines habe ich dem Sportminister persönlich geraten: Der Iran möge in Zukunft bei internationalen Wettkämpfen seine Athleten gegen Sportler aus Israel antreten lassen.

Haben Sie jemanden überzeugen können?

Den 15 Leuten, die mir da vom Sportministerium gegenübersaßen, konnte ich das vermitteln. Passen Sie mal auf, was vielleicht in den nächsten Monaten passiert!

Ist es wegen der Hemdsärmeligkeit von Sportlern einfacher als in der politischen Diplomatie?

Es ist total leicht für mich, zu kommunizieren – ohne Protokoll. Ich bin zuerst Sportler.

Jeder Sportler hat Vorbilder. Ist Ihres die Pingpong-Diplomatie, mit der sich einst China und die USA am Tischtennistisch annäherten?

Das ist ein wichtiges Ereignis, mit dem eine weltpolitische Bewegung eingeleitet wurde, nur weil ein amerikanischer Sportler den Bus verpasst hatte.

Ein Zufall. Das lässt sich kaum inszenieren.

Nein, aber ich möchte Menschen zusammenbringen. Israelis haben Angst vor Palästinensern, die Palästinenser haben Angst vor den Israelis. Die muss man zusammenbringen und sagen: Es gibt eine Möglichkeit, dass ihr miteinander redet.

Fürchten Sie Unruhen bei der Fußball-WM in Brasilien wie beim Confed-Cup, als die Bevölkerung gegen erhöhte Preise für Bustickets demonstriert hat?

Ich war in Belo Horizonte als Beobachter auf einer Demo. Ich habe dort mit Hochschullehrern gesprochen, mit Studenten und Ärzten. Die haben gesagt: Wir sind nicht gegen die WM, aber wir finden es inakzeptabel, dass so teure Stadien gebaut wurden. Und es gibt massive Korruptionsvorwürfe gegen den brasilianischen Fußballverband. Insofern habe ich da ein wenig Angst, ja.

Wird die Polizei während der WM für Ruhe sorgen?

Das kriegst du nicht hin. Ich war sehr betroffen von der Militärpolizei. Da waren hunderte bewaffnete Kräfte in den Stadien, das sah furchtbar aus. Wenn die die Stadien so sichern, wie ich es da gesehen habe, wäre es eine schwere Imagebeschädigung dieser WM. Das bringt keinen Spaß. Ich komme als Gast in dieses Land und möchte das auch gewertschätzt wissen. Wie in Südafrika, wo die Leute mit uns bis zum Abwinken gefeiert haben.

Sprechen Sie darüber mit der Präsidentin Dilma Roussef?

Nein, aber mit dem UN-Generalsekretär. Auch mit dem brasilianischen Sportminister habe ich über die sozialen Unruhen gesprochen. Ich war in einer Favela, die umgesiedelt werden soll. Weil alle Vermittlungsversuche gescheitert waren, haben sie mich gefragt, ob ich es noch mal versuchen kann, weil diese Menschen keinem brasilianischen Politiker mehr trauen. Ich habe gefragt: „Glaubt ihr mir, wenn ich euch den Schlüssel für eure neue Wohnung in die Hand drücke?“ Da sagten sie: „Ja.“

Ist das die schönste Seite des Sports nach vielen Seiten im Profisport bei Werder Bremen?

Wenn Sie in Lissabon den Europapokal gewinnen und die ganze Nacht durchfeiern oder 1999 im Elfmeterschießen hier in Berlin gegen die Bayern gewinnen, das vergisst man sein Leben nicht. Aber ich kann Ihnen auch von den vielen Stinkefingern in den auswärtigen Stadien berichten. Das ist heute eben anders. Ob in Seoul, Pjöngjang oder Kuwait: Ich bin willkommen. Ich sehe überall etwas, wo ich helfen kann.

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