Ein Partnerbörsen-Abzocker packt aus : Ich war zwölf Frauen

Die große Liebe suchen viele im Internet. Stundenlang chatten Männer mit Frauen in der Hoffnung auf eine reale Begegnung – und ahnen nicht, dass sie dabei nur ihr Geld verlieren. Hier erklärt ein Abzocker die Methode.

Michelle Apate
Ein Mann gibt vor, zwölf Frauen zu sein - und andere Männer beißen an.
Ein Mann gibt vor, zwölf Frauen zu sein - und andere Männer beißen an.Foto: Tagesspiegel

Meinen echten Namen darf ich nicht nennen, denn vor Beginn meiner Arbeit musste ich ein Non-Disclosure-Agreement unterschreiben, eine Geheimhaltungsvereinbarung. Wenn ich Interna preisgebe, muss ich 10 000 Euro zahlen.

Die Internetseite, für die ich gearbeitet habe, ist offiziell eine „Kennenlernplattform“. Männer und Frauen können sich dort anmelden und miteinander chatten, bei wechselseitigem Gefallen können sie sich zu einem Treffen in der realen Welt verabreden. 800 Frauen sind aktuell auf dieser Seite unterwegs.

Das Problem: Keine von denen existiert wirklich. Hinter jeder Frau verbirgt sich ein sogenannter IKM- Schreiber. Die Abkürzung steht für „Internet-Kontaktmarkt“. Sollte sich doch mal eine echte Frau auf der Plattform verirren und versuchen, sich anzumelden, wird ihr so lange ein technisches Problem vorgegaukelt, bis sie aufgibt.

Die Frauen, die wir IKM-Schreiber vorgaben zu sein, hatten jeweils einen Namen, eine Biografie und mehrere Fotos, die wir uns aus dem Internet zusammengeklaut hatten. Klischeenamen wie „HeißeBiene123“ mochte ich nicht, ich nannte meine Frauen schlicht Barbara, Tanja, Sarah, Michaela.

Vier Monate habe ich das gemacht, dann wurden meine Skrupel doch zu groß. Weil es ja nur darum ging, Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die zahlen pro Minute, in denen sie online sind. 30 Minuten kosten 60 Euro, wer ein größeres Zeitpaket kauft, erhält Rabatt.

Natürlich durfte ich unmöglich je einem Treffen oder auch nur einem Telefonat zustimmen. Genau das ist die größte Herausforderung jedes IKM-Schreibers: Männern die Hoffnung zu geben, bei uns könnten sie echte Beziehungen oder Affären finden, und sie gleichzeitig auf Abstand zu halten, ohne sie zu frustrieren.

Schweizer am zurückhaltendsten

Wir hatten Kunden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, und ich muss sagen: Die Schweizer waren eindeutig die nettesten, stets zurückhaltend. Von den Deutschen und Österreichern kann ich das nicht behaupten, die wurden im Chat rasch aufdringlich, breiteten erotische Fantasien aus, verrieten mir ihre Sexvorlieben. Also nicht mir persönlich, sondern meinen fiktiven Frauen.

Wir hatten die Anweisung, Sexchats konsequent zu unterbinden. Nicht weil die Chefs uns Mitarbeitern den Schweinkram ersparen wollten. 

Nein, es geht um etwas ganz anderes: Wenn sich ein Kunde in seine Sexfantasie reinsteigert und während des Chattens onaniert, hat er früher oder später einen Orgasmus. Dann ist sein Bedürfnis befriedigt, er wird höchstwahrscheinlich offline gehen und bringt kein Geld mehr ein.

Irgendwie auch Seelsorge

Was wir da gemacht haben, ist Abzocke, klar. Doch ich behaupte: nur zu 95 Prozent. Zu fünf Prozent ist es auch eine Dienstleistung. Ich habe in meinen Chats teilweise Seelsorge geleistet, wir hatten zum Beispiel einen Mann, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte und jetzt seine Tochter nicht mehr sehen durfte.

Dessen Kummer habe ich mir vier Mal die Woche angehört, ihn auch ernst genommen und getröstet. Das ist dann schon eine gewisse Hilfe, glaube ich.

Davon abgesehen handelt es sich bei den meisten Kunden um verheiratete Typen, die ihre Ehefrauen betrügen wollen. Die sind moralisch also auch nicht sauber, das half mir, eigene Bedenken kleinzuhalten.

Anfangs fand ich den Job sogar witzig. Wie naiv muss denn einer sein, im Internet Geld dafür zu bezahlen, fremden Frauen zu schreiben, die er nie kennenlernt – und trotzdem monatelang auf der Plattform auszuharren? Es scheint immer noch eine große Anzahl von Menschen zu geben, die sich mit dem Netz derart wenig auskennen, dass sie so etwas für normal halten.

Nach 20 Sekunden der nächste Kunde

Unter meinen Kunden waren Manager, Juristen, Ärzte, Verbandsvorsitzende. Jedenfalls gaben sie sich als solche aus. Manchmal habe ich mit mehr als zehn Männern simultan kommuniziert, das heißt, mir blieben höchstens 20 Sekunden, um einem Kunden zu antworten, dann war schon der nächste dran.

Dabei half uns die Software. Sobald ich eine Nachricht geschrieben hatte und Enter drückte, sprang das Chatfenster meines Programms zum nächsten Kunden – also demjenigen, der zu diesem Zeitpunkt am längsten gewartet hatte.

Damit ich nicht durcheinandergeriet, zeigte mir das Fenster jeweils das komplette Gespräch an, das ich an diesem Tag mit der jeweiligen Person geführt hatte.

Mithilfe des Programms sah ich auch, welche Erfahrungen meine Kollegen mit dem speziellen Kunden bereits gemacht hatten. Die entsprechende Liste wurde laufend erweitert.

Wenn mir also ein Kunde erzählte, er fahre nächste Woche nach Spanien in Urlaub, dann trug ich das ein, und alle anderen Mitarbeiter wussten ab sofort, wie sie ihn in Gespräche verwickeln konnten: indem sie zum Beispiel beiläufig erwähnten, dass sie dringend mal wieder Urlaub im Süden bräuchten.

Da hatte der Kunde gleich wieder was zu erzählen – und blieb online. Oder wenn jemand einen bestimmten Fetisch hatte, falls er sich zum Beispiel danach sehnte, verhauen zu werden, dann trugen wir auch das ein. Und schwupps lernte der Kunde in den folgenden Tagen auffällig viele Frauen kennen, die alle von sich behaupteten, gerne Männer zu schlagen.

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