Elektronische Zigarette : Lieber Dampf als Rauch

In einer perfekten Welt gibt es keine Sucht. In unserer schon - und in ihr ist Dampfen das weitaus geringere Übel als Rauchen.

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Nebulös. In elektronischen Zigaretten wird kein Tabak verbrannt, sondern eine nikotinhaltige Flüssigkeit verdampft.
Nebulös. In elektronischen Zigaretten wird kein Tabak verbrannt, sondern eine nikotinhaltige Flüssigkeit verdampft.Foto: picture alliance/dpa

Schon ziemlich lange her, dass ich mit dem Rauchen aufgehört habe, es war einer meiner besten Entschlüsse. Deshalb würde ich auch niemals mit dem „Dampfen“ anfangen, also dem Konsum elektronischer (E-)Zigaretten. Vielleicht hätte ich damals versucht, mit Hilfe der E-Zigaretten auszusteigen, wenn es sie schon gegeben hätte. Das ist eine Möglichkeit, die heute viele Raucher ausprobieren, mit mehr oder weniger Erfolg. Immerhin, einigen kann das „Dampfen“ helfen, vom Tabak loszukommen.

Das zeigt eine Studie amerikanischer Wissenschaftler, die systematisch alle Untersuchungen zum Dampfen auswerteten. Der größte Teil der Dampfer sind denn auch ehemalige Raucher, stellten die Forscher um Andrea Villanti von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore im Fachblatt „American Journal of Preventive Medicine“ fest. Täglich dampfen tun dabei nur wenige.

Inzwischen ist auch die traditionelle Tabakindustrie in den Markt der E-Zigaretten eingestiegen. Das hinterlässt einen zweifelhaften Beigeschmack. Andererseits werden E-Zigaretten vom Gesetzgeber ohnehin weitgehend wie herkömmliche Zigaretten behandelt, obwohl sie gar keinen Tabak enthalten, sondern lediglich eine nikotinhaltige Flüssigkeit, die verdampft und eingeatmet wird. Es gibt in Deutschland viele, denen die Gleichstellung von E- und Tabak-Zigarette nicht weit genug geht, und die so tun, als ob es eigentlich keinen Unterschied zwischen beiden Produkten gibt. Aber das ist Schwarz-Weiß-Denken und ein großer und womöglich verhängnisvoller Irrtum.

Aufkärung statt Verbote

Mir ist die Position der britischen Gesundheitshüter viel sympathischer als das deutsche Verbotsdenken. Auf der Insel verfolgt man den Ansatz der Schadensverringerung. Kondome vermindern die Gefahr von Geschlechtskrankheiten um 99 Prozent, Airbags und Sicherheitsgurte das Risiko tödlicher Verkehrsunfälle, E-Zigaretten sind zu 95 Prozent weniger schädlich als Tabak – also alles gute, wenn auch nicht 100-prozentige Ansätze. Wir leben nicht in einer perfekten Welt, und es gibt auch keine perfekten Lösungen. Wohl aber bessere und schlechtere. Deshalb ermuntern englische Gesundheitsexperten Raucher zum Umsteigen auf die E-Zigarette und werden nicht müde, ihre Vorteile zu betonen. Sie ist das bei weitem geringere Übel.

Viele denken, Nikotin sei das Hauptproblem am Tabak. Irrtum. Nikotin stimuliert und macht abhängig, doch die Substanz ist für Erwachsene kein großes Gesundheitsrisiko. „Die Leute rauchen wegen des Nikotins, aber sie sterben durch den Teer“, erkannte der britische Mediziner Michael Russell schon 1976. Herzinfarkt und Krebs gehen auf das Konto des Tabakrauchs, nicht des Nikotins.

Das alles heißt selbstverständlich nicht, dass man der E-Zigarette einfach grünes Licht geben kann. Man sollte weiter erforschen, welche Folgen ihr Konsum hat. Die Befürchtung, sie könnte junge Leute zum Rauchen verführen, ist übrigens nicht belegt. Rauchen ist bei Jugendlichen unbeliebter denn je. Gut so.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels und schreibt an dieser Stelle alle vier Wochen. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: sonntag@tagesspiegel.de

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