Zwillinge : Vier Fäustchen für ein Hallelujah

Sie sind so süüüüß. Aber sie sind zwei. Und was nun? Eltern von Zwillingen lernen die Welt ganz anders kennen. Hier berichtet ein Vater von seinen Erfahrungen.

Ralph Gerstenberg
Unser Autor mit seinen Kindern am Strand.
Unser Autor mit seinen Kindern am Strand.Foto: Privat

Wir sind auf einem Zwillingsbasar in Steglitz, um einen Zwillingswagen zu verkaufen. Auf den ersten Blick sieht alles aus wie auf einem ganz normalen Flohmarkt. Erst nach und nach fällt mir auf, dass es viele Sachen im Doppelpack gibt: Kindersitze, Laufräder, Nachthemden. Die Plüschfiguren von Ernie und Bert kosten zusammen zehn Euro. Wir platzieren unseren Zwillingswagen im Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes und schauen uns um – eine Tochter quetscht Ernie im Arm, die andere Bert.

Wenn wir heute die Babyfotos unserer Zwillingsmädchen betrachten, fällt es uns manchmal schwer, die beiden auseinanderzuhalten. Zu frappierend waren die Ähnlichkeiten in den ersten Lebensmonaten. Oft musste das Blutschwämmchen am Ellenbogen des einen Babys als Unterscheidungsmerkmal dienen. Manchmal kam es uns vor, als wäre es absichtlich dort platziert worden, damit wir die beiden nicht verwechseln. Heute ist der rote Fleck fast verblasst. Unsere Töchter sind drei Jahre alt, und es bedarf längst keiner Markierung mehr, um sie unterscheiden zu können.

Die Überraschung war groß, als die Ärztin beim Ultraschall feststellte, dass zwei Herzen im Bauch meiner schwangeren Frau schlugen. Strahlend starrte sie auf den Bildschirm. Meinen Mund beschrieb sie später als eine Art Wellenlinie, die sie mit dem Finger in die Luft malte. Es stimmt, meine Freude mischte sich mit Befürchtungen: Würden wir als unerfahrene Eltern der doppelten Belastung gewachsen sein? Was würde es heißen, zwei Kinder von Anfang an gleichzeitig aufzuziehen?

Zunächst glich der Alltag nach der Geburt einem Sprung ins kalte Wasser bei stürmischer See. Oft hatten beide Babys gleichzeitig Hunger oder schrien vor Müdigkeit. Oft kamen wir erst gegen Mitternacht dazu, uns etwas zu essen zuzubereiten, weil wir bis dahin pausenlos mit den Kindern beschäftigt waren.

Die täglichen Fahrten mit dem Zwillingswagen durch die Stadt führten schnell zu Bekanntschaften. In der Apotheke, im Park, im Supermarkt, überall begegneten wir anderen Zwillingseltern, die uns zunickten und lächelten – irgendwie wissend, so schien es. Auf einer Seite im Internet stieß ich auf Theresa. Sie ist 27 und hat eine Zwillingsschwester. In einer Anzeige suchte sie Zwillinge als Interviewpartner für ihre Diplomarbeit. Als ich mich mit ihr und ihrer Schwester Lisa treffe, erzählt Theresa, wie nah sich beide Geschwister stehen. Sie sind beispielsweise zum Studieren nach Bamberg gegangen. Heute sehen sie sich nicht mehr jeden Tag. Dennoch scheint zwischen ihnen eine untrennbare Verbindung zu bestehen. Die Eine ist im Denken der Anderen immer präsent. „Das ist schon komisch“, sagt Theresa. „Wenn wir uns eine Woche lang nicht sehen, dann habe ich das Gefühl, die Welt dreht sich bei meiner Schwester weiter, und ich krieg überhaupt nichts davon mit.“

Obwohl sich die Gesichter von Lisa und Theresa sehr ähneln, sind sie nicht sofort als Zwillinge zu erkennen. Lisa trägt einen Pony, Theresa nicht. „Meiner Schwester steht der Pony sehr gut“, erklärt Theresa. „Trotzdem würde ich lange darüber nachdenken, bevor ich eine solche Frisur ausprobieren würde. Denn es könnte sein, dass sie mir im Nachhinein gar nicht gefällt, weil ich Lisa dann zu ähnlich sähe.“

Wenn ich unseren Töchtern beim Spielen zusehe, wird mir klar, dass die beiden Erfahrungen machen werden, auf die wir sie zwar vorbereiten können. Wir wissen jedoch nicht, was es bedeutet, mit jemandem aufzuwachsen, der einem so unglaublich ähnlich sieht, mit dem man vom ersten Tag seines Lebens an so viel teilt oder teilen muss, der einen stärkt, und mit dem man konkurriert. Und was ist dran an diesem unsichtbaren Band, das Zwillingsgeschwister miteinander verbinden soll? Oft habe ich gehört, dass Zwillinge es spüren, wenn es dem Bruder oder der Schwester schlecht geht.

Andreas Busjahn neigt dazu, das für selektive Wahrnehmung zu halten. Der promovierte Psychologe ist Zwillingsforscher. „Zwillinge haben oft ein komisches Gefühl und rufen dann den Bruder oder die Schwester an“, schildert er seine Erfahrung. „Der oder die sagt neunmal, alles in Ordnung. Beim zehnten Mal aber hatte der Zwilling gerade Streit mit seiner Frau oder seinem Mann. Und dann denkt der Zwilling: Ich hab’s gewusst, ich hatte dieses komische Gefühl. Und er ist überzeugt: Es gibt dieses innere Band!“

Die Firma von Andreas Busjahn heißt Health Twist und sitzt in Berlin-Buch. Der 54-jährige Wissenschaftler widmet sich seit über einem Jahrzehnt der Frage, welchen Einfluss Umweltfaktoren und das Erbgut auf unsere Gesundheit haben. Dafür hat er ein Register angelegt, in das inzwischen rund 2000 Zwillinge eingetragen sind. Seine Erfahrung: Kein Zwilling gleicht exakt dem andern. „Eltern können ihre Zwillingskinder unterscheiden, auch Ehepartner wissen genau, ob sie jetzt gerade ihren Mann oder den Bruder vor sich haben. Es gibt einfach diese Unterschiede. Eineiige Zwillinge sind nicht identisch.“

Unsere Töchter hatten zwei Fruchtblasen und zwei Plazenten. Deshalb waren wir während der Schwangerschaft davon überzeugt, dass es sich um zweieiige Zwillinge handeln müsse. Als sie dann zur Welt kamen und sich so sehr ähnelten, erfuhren wir, dass auch im Mutterleib getrennte Zwillinge eineiig sein können. Andreas Busjahn zuckt mit den Achseln. Gewissheit, ob die beiden eineiig oder zweieiig seien, schaffe nur ein DNA-Test. Wir haben uns dagegen entschieden. Wenn sie wollen, können unsere Töchter später selbst herausfinden, ob sie eineiig oder zweieiig sind.

Uns beschäftigen ganz andere Fragen: Wann schläft man, wenn die Schlafphasen der Kinder so verschoben sind, dass immer eins wach liegt? Wie kommt man mit dem Zwillingswagen durch zu enge Kassenschleusen im Supermarkt? Wie schleppt man den Einkauf zusammen mit den Kindern hoch in die Wohnung, macht das Essen, wechselt Windeln und bewahrt die Ruhe im synchronen oder sich abwechselnden Geschrei?

Eins und eins macht drei. Für Fiona, eine in Berlin lebende schottische Übersetzerin, stimmt diese Rechnung. Sie und meine Frau haben sich beim Schwangerenyoga kennengelernt. Als sie feststellten, dass sie in Kürze jeweils zwei Mädchen zur Welt bringen würden, beschlossen sie, in Kontakt zu bleiben. Regelmäßig tauschen beide Mütter ihre Erfahrungen aus. Zum Beispiel, wie man zwei Mädchen auf der Straße bändigen soll, wenn das eine in die entgegengesetzte Richtung als das andere geht. Oder wenn sich die Mutter um das Kind kümmert, das gerade schreit. „Da gibt es schnell Streit um Aufmerksamkeit“, sagt Fiona.

Daraus resultiert ein Gefühl der Überforderung. Jedes Elternteil von Zwillingen steht vor einem Problem: Wie werde ich beiden Kindern gleichermaßen gerecht? Aufmerksamkeit und Zuwendung lassen sich nicht verdoppeln. So entsteht eine innere Zerrissenheit und das Gefühl, ständig zu scheitern. Das kennt auch Fiona. „Ich brauche zwei Fionas“, sagt sie. „Ich würde mir nie wünschen, nur ein Kind zu haben. Aber zwei Fionas, das wäre super.“

Um das Problem der geteilten Aufmerksamkeit zu lösen, haben Fiona und ihr Mann einen One-Parent-One-Child-Day eingerichtet – ein Tag, an dem jeder von ihnen sich nur mit einem der beiden Kinder beschäftigt. Eine sinnvolle Sache, meint Andreas Busjahn, denn das Gefühl für Individualität und die eigene Identität sei bei Zwillingen starken Verunsicherungen ausgesetzt. „Für sie ist es schwieriger, das Ich bewusst zu erleben, vor allem wenn die Eltern das Zwillingsdasein betonen. Wenn es immer heißt: Was wollt ihr anziehen, was wollt ihr machen? Wenn sie stets als Paar angesprochen werden, ist es schwer für die Kinder zu lernen, dass sie auch mal ich sagen können.“

Am Anfang haben wir unseren Töchtern dasselbe geschenkt, um Streits zu vermeiden – bis wir feststellten, dass die Geschenke bald achtlos in der Ecke lagen. Abgesehen von gemeinsamen Spielzeugen wollen sie Dinge, von denen sie wissen, zu wem sie gehören. Unterschiedliche Geschenke werden akzeptiert und geliebt. Können sie selbst zwischen zwei verschiedenen Teddys oder Bällen entscheiden, fallen diese Entscheidungen erstaunlich rasch. Sie wählen den Unterschied. Die Eine liebt Ernie, die Andere Bert. Sie benehmen sich auch unterschiedlich. Die Eine betritt einen fremden Raum rascher als ihre Schwester, die lieber erst abwartet und beobachtet, was passiert, bevor sie den Schritt wagt.

Eineiige Zwillinge, die zusammen aufwachsen, sind oft unterschiedlicher in ihrem Verhalten als getrennt aufwachsende. Zu diesem überraschenden Ergebnis kam eine Studie, die Thomas Bouchard in den USA durchgeführt hat. Andreas Busjahn nennt das ein Kontrastphänomen. „Wenn der Eine sagt: Ich will Klavier lernen. Und der Andere wollte das auch, war nur nicht schnell genug, sagt der: Okay, ich mach’ jetzt was anderes, Sport oder so, ich will nicht schon wieder was mit meinem Bruder zusammen machen.“ Oder wenn beide nach der Schule Hausaufgaben machen, fängt der eine mit Bio an, der andere mit Mathe. So entstünden Unterschiede.

Nicht bei allen ist das so. Im Internet stoße ich auf die Website eines männlichen Zwillingspaares, das zusammen lebt, im selben Betrieb arbeitet, sich ein Auto teilt und die gesamte Freizeit miteinander verbringt. Die Mittdreißiger können sich eine Partnerschaft nur mit einem anderen Zwillingspaar vorstellen.

Lisa und Theresa, die beiden 27-Jährigen, sind in getrennten Klassen eingeschult worden. So hatte jedes Mädchen während der Schulzeit einen eigenen Freundeskreis. Ihrer Mutter war es wichtig, dass jede von ihnen herausfindet, was in ihr steckt – auch ohne die andere. Lisa ist mittlerweile verheiratet. Theresa hat einen Freund. Ihre Diplomarbeit über Partnerschaft und Freundschaft bei Zwillingen hat sie inzwischen abgeschlossen. Bei ihren Interviews hat sie festgestellt, dass Zwillinge nicht leichtfertig Beziehungen eingehen. „Die sind mit ganzem Herzen dabei. Mit Partnern, die der andere Zwilling nicht leiden kann, würde die Beziehung nicht funktionieren, weil man auf den Rat des anderen vertraut, weil man weiß, wie der funktioniert und womit das zusammenpassen könnte.“

Der Besuch des Steglitzer Basars war ein Erfolg. Unseren Kinderwagen konnten wir zwar nicht verkaufen, dafür haben wir neue Kinderbücher im Gepäck, und die Haare von Ernie und Bert sind bereits auf dem Heimweg speichelfeucht. Unsere Töchter sind hochzufrieden.

Einen One-Parent-One-Child-Day haben wir noch nicht eingeführt. Der bislang einzige Versuch ist gescheitert. Irgendwann wurde der einen Tochter klar, was es bedeutet, den Nachmittag ohne die andere zu verbringen. Nach anderthalb Stunden waren wir alle wieder zusammen. Kleinere Ausflüge funktionieren inzwischen jedoch mit einem Kind. Im Kindergarten spielen die beiden nun öfter in verschiedenen Ecken. Wenn man sie fragt, weiß jede ganz genau, wo ihre Schwester zu finden ist. Ob wir sie in getrennten Klassen einschulen, wissen wir noch nicht. Wir haben ja noch etwas Zeit.

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