Geheimdienst-Skandal 1954 : Die Affäre Otto John

1954 verschwindet der Verfassungsschutz-Chef – und taucht in Ost-Berlin auf. Flucht eines Verräters? Entführung durch den KGB? Einer der spektakulärsten Nachkriegsskandale lässt sich erst heute beurteilen.

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Eine Rekonstruktion des Grenzübertritts von Otto John. 
Eine Rekonstruktion des Grenzübertritts von Otto John. Foto: ullstein bild

Das Taxi hält in der Uhlandstraße, einer Seitenstraße des Ku’damms. Otto John bezahlt, schält sich aus dem Auto und verschwindet im Haus mit der Nummer 175. Eine Minute später steht er im Wartezimmer einer Praxis. Die Sprechstundenhilfe reicht ihm eine Tasse Kaffee. John ist mit Wolfgang Wohlgemuth verabredet, Berliner Prominentenarzt und langjähriger Freund. Aber der behandelt im Nebenraum gerade eine Patientin. Es ist der 20. Juli 1954, 20.30 Uhr. Noch eine Stunde, bis sich Otto Johns Leben radikal verändern wird.

Um 21.30 Uhr rollt ein amerikanischer Ford auf die Sektorengrenze zu, langsam passiert er das Schild „Sie verlassen West-Berlin“. Am Steuer sitzt Wolfgang Wohlgemuth, ebenfalls im Auto: Otto John. Der Präsident des Bundesverfassungsschutzes fährt in dieser Minute in den sowjetischen Sektor von Berlin.

Allerdings bekommt er davon nichts mit. „Ich wurde betäubt und entführt“, wird er später unzählige Male erklären. Wohlgemuth habe ihm lediglich ein Attest ausstellen sollen, stattdessen habe er ihm ein schnell wirkendes Schlafmittel in den Kaffee geschüttet. Das ist Johns Version.

„Von wegen betäubt, besoffen war das Luder“, behauptet Wohlgemuth. Zum Kaffee habe der Verfassungsschützer mächtig viel Cognac getrunken. John wollte das Grab seines Bruders hinter der Charité besuchen und im größten Krankenhaus der DDR politische Gespräche führen. Das ist Wohlgemuths Version.

Am 23. Juli 1954 Juli strahlt der Ostdeutsche Rundfunk eine Tonbandaufzeichnung aus. Mit knarzender Stimme erklärt John, er sei freiwillig in den Osten übergelaufen. Am 11. August bestätigt er seine Flucht vor verblüfften Journalisten im „Haus der deutschen Presse“.

Der Westen Deutschlands ist entsetzt. Es herrscht die Atmosphäre des Kalten Kriegs, Westmächte und Ostblock stehen sich gegenüber wie Revolverhelden auf einer staubigen Dorfstraße. Die Berlin-Blockade der Russen ist noch in bester Erinnerung, Politiker beider Blöcke warnen vor der Gefahr eines neuen militärischen Konflikts. Und jetzt taucht ausgerechnet der Präsident des Bundesverfassungsschutzes im Lager des Gegners auf! Das empfinden Millionen Bundesbürger als Vaterlandsverrat. Noch nie ist ein Mann von solcher Bedeutung von West nach Ost gewechselt.

510 Tage nach Johns Besuch in der Arztpraxis, am 12. Dezember 1955, hastet ein Mann durch das Foyer der Ostberliner Humboldt-Universität. Seine zwei Begleiter, Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit, bleiben draußen, sie versorgen sich in der Zwischenzeit mit Schnaps auf dem Weihnachtsmarkt. Der Mann verlässt die Uni auf der anderen Seite und steigt in einen hellgrünen Ford 15 M mit West-Berliner Kennzeichen. Um 16.32 Uhr rollt das Auto durchs Brandenburger Tor in den Westen, ein DDR-Volkspolizist hat nur kurz kontrolliert. Noch läuft das Prozedere unkompliziert ab. Die Mauer, mit der die DDR ihre Bürger einsperrt, wird erst 1961 gebaut. Am Steuer des Ford sitzt der dänische Journalist Henrik Bonde-Henriksen. Neben ihm seufzt ein 46-Jähriger, getarnt mit Schal und dunkler Brille, erleichtert auf. Otto John ist wieder im Westen.

Noch ahnt er nicht, dass seine Hoffnung auf eine Rückkehr in den früheren Alltag Illusion ist. Mit dem Dänen fährt er in dessen Wohnung, Berlin-Lichterfelde, Carstennstraße 45. Er meldet sich sofort bei den Behörden und wird zum Bundeskriminalamt gebracht. Ein Jahr später verurteilt ihn der Dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) zu vier Jahren Zuchthaus. Johns Delikt: „Landesverräterische Fälschung und Konspiration in besonders schwerem Fall“.

Ein Fehlurteil? Für den Juristen Klaus Schaefer ganz sicher. Er hat den Fall John akribisch recherchiert und neue Unterlagen ausgewertet. Als erster Außenstehender konnte er nicht bloß alle Akten des Verfassungsschutzes zu John, sondern auch die geheimen Handakten der Staatsanwaltschaft einsehen. Zudem durfte er Johns persönlichen Nachlass auswerten. Seine Erkenntnisse hat er in dem Buch „Der Prozess gegen Otto John“ dokumentiert.

Für Schaefer ist John ein Opfer. Eines des Zeitgeistes, in dem die Schrecken der Nazi-Diktatur verdrängt wurden, eines von Richtern mit NS-Vergangenheit. „Einmal Verräter, immer Verräter“, so sah es Johns Intimfeind Reinhard Gehlen, Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost des deutschen Generalstabs unter Hitler, 1954 Präsident des Bundesnachrichtendienstes.

Otto John gehörte zum inneren Kreis der Männer des 20. Juli 1944. Der Erlenbruch 16 in Berlin-Dahlem, Johns Wohnadresse, war der Ort konspirativer Treffen. Der Jurist arbeitete für die Lufthansa, unter anderem in Madrid. Dort war er der Verbindungsmann der Widerständler zu den Alliierten.

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