Geschichte der Freikörperkultur : Warum das FKK-Volk der DDR mit der Wende seine Freiheit verlor

Intellektuelle wie Anna Seghers waren gern nackt am Strand, die DDR-Führung mochte Textil. Die Geschichte des FKK führt von Preußen über die Wende an den Wannsee.

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Kleine Freiheiten: Ein Nacktbadestrand in Leipzig, um 1980.
Kleine Freiheiten: Ein Nacktbadestrand in Leipzig, um 1980.Foto: ImageBroker/Michael Nitzschke

Der frühere große Dichter und inzwischen zur Drogensucht neigende, latent unglückliche Kulturminister der DDR Johannes R. Becher schritt am Saum des Meeres entlang. Wahrscheinlich fühlte er Genugtuung. Er hatte in einem schweren Weltanschauungskampf gesiegt, er und seine Genossen: Im Mai 1954 hatte die Gemeindeverwaltung von Ahrenshoop an der Ostsee das Nacktbaden verboten. Endlich!

Beginnt nicht alle Kultur mit der Scham?

Heißt Menschsein nicht, seine Blöße zu bedecken?

Das mag schon sein, aber Menschsein am Strand sei etwas anderes, es heiße, seine Blöße gerade nicht zu bedecken, erklärten seine Gegner. Es war nicht das Volk. Die werktätigen Massen der DDR bekleideten sich wie jedes Kulturvolk der Erde, wenn sie sich dem Meer näherten. Nein, es waren seine Mitdichter und Mitmaler, es waren Schauspieler und Politiker, die meinten, es sei mit dem Begriff der menschlichen Freiheit unvereinbar, verhüllt am Strand zu sitzen. Denn die menschliche Freiheit ist nicht ablösbar von der kreatürlichen Freiheit. Deshalb kletterte schon Hermann Hesse nackt in die Berge, und Rainer Maria Rilke machte ganzjährig Fuß-FKK, denn da soll nichts sein zwischen dir und der Erde, die dich trägt.

"Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?", fragte er die Frau

Ahrenshoop war das Bad der Intellektuellen und Künstler. Die Nudisten hatten also verloren. Endlich würde auch er, Johannes R. Becher, seinen Aufenthalt am Meer genießen können.

Doch dann erblickte er im Sand eine in sträflichster Weise unangezogene Frau, keineswegs mehr jung, die statt ihrer Blöße nur ihr Gesicht bedeckt hatte, und zwar mit dem Organ des Zentralkomitees der SED, dem „Neuen Deutschland“. Ob man dieses Druckerzeugnis nun mit offenen oder geschlossenen Augen studierte, der Erkenntnisgewinn blieb der gleiche. Wollte sie etwa das sagen? Der Kulturminister geriet außer sich. „Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?“, fuhr er die Frau an. Die große Schriftstellerin Anna Seghers nahm die Zeitung vom Gesicht, um nachzuschauen, wer da zu ihr spricht. Die jüdische Emigrantin, die den Nationalsozialismus in Mexiko überlebt hatte, kannte zwar alle nur erdenklichen Härten des Lebens, aber war sie jemals so tituliert worden?

Nur Wochen später verlieh der Kulturminister der DDR der größten Schriftstellerin des Landes, deren Roman „Das siebte Kreuz“ zur Weltliteratur gehört, den Nationalpreis. Er begann mit den Worten „Meine liebe Anna“, wurde jedoch von der Nudistin unterbrochen: „Für dich immer noch die alte Sau!“

Über 60 Jahre später, Strandbad Wannsee, FKK-Bereich. Wer sich hier aufhält, weiß, warum. Drüben liegen sie dicht an dicht, wir aber haben Platz, noch in der ersten Reihe. Und den besten Blick haben wir auch. Statt nur auf die Wannseevilla gegenüber schauen wir bis nach Kladow und später direkt in die untergehende Sonne. Das ist er, der vollkommene Einklang von Mensch und Natur. Und man begreift wieder, dass am Beginn der Hüllenlosigkeit am Strand ein Buch wie „Der Mensch und die Sonne“ stand und eine Zeitschrift, die hieß „Die Schönheit“.

Die Schönheit?

Ein Blick auf die Nachbarn genügt, um zu wissen: Das mag vor 20 Jahren wahr gewesen sein, bei manchen ist es gewiss auch schon ein halbes Jahrhundert her. Jetzt ist nur noch die Sonne schön. Das ist der desillusionierende Befund.

Und das ist die Tendenz: Wir werden weniger. Die Nacktbader sterben aus, langsam, aber sicher!

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Nackt für den Frieden
Nackt für den Frieden

Ist das Leben in den Städten nicht das falscheste?

Fürchten sich die Jungen vor unserem Anblick und bleiben deshalb in sicherem Abstand hinter dem Zaun? Ja, wir sind eine optische Zumutung, aber wir sind solidarisch. Da war zu Beginn des vorigen Sommers diese alte Frau, die ihre beiden Gehhilfen gegen den Strandkorb gelehnt hatte, und als sie wieder nach Hause gehen wollte, bat sie die ihr Nächstliegende um das Nächstliegende: ihr hochzuhelfen, denn allein schaffe sie das nie. Und sie zu stützen, bis sie wieder festen Boden statt weichen Sand unter den Füßen habe.

Ihr Sohn, erklärte sie, werde sich gewiss Sorgen machen, dass sie allein die Wohnung verlassen habe, denn eigentlich könne sie gar nicht mehr laufen. Aber als sie diesen Junitag in seiner ganzen tiefblauen Makellosigkeit vor ihrem Fenster sah, dachte sie: Der meint mich!

Diesen Ruf hörten viele, schon vor mehr als hundert Jahren und vor allem in Deutschland. Ist das Leben in den großen Städten nicht das falscheste, das man führen kann? Der Berliner Dichter Bruno Wille sehnte sich „nach einem unverfälschten Riss Himmelsblau ohne Telegraphendrähte und Schlotruß“ und fand noch die kümmerlichste märkische Kiefer schöner als alle Laternenpfähle der Friedrichstraße.

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