Gesponserte Gotteskrieger : Der deutsche Dschihad

Heute fürchtet sich der Westen vor islamischem Fanatismus. Vor 100 Jahren hofften die Deutschen darauf und förderten überall Gotteskrieger mit Geld, Waffen und Agenten.

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Max von Oppenheim in arabischer Kleidung.
Max von Oppenheim in arabischer Kleidung.Foto:pa/Eventpress He

Werner Otto von Hentig war in einer schwierigen Lage. „Wie Schnee knirscht der Salzboden“, schrieb er in sein Tagebuch. Die Füße brachen immer wieder durch die dünne Scholle. Das Salz, „es dringt in die Haut, verkrustet leise Hände und Gesicht und bildet unter den Wirkungen der Tagessonne blutige Wunden an den Lippen“.

Keine Frage, der Juli, es mochte der 5. oder 6. im Jahre 1915 gewesen sein, war kein guter Monat, um die große iranische Salzwüste zu durchqueren. Aber Hentig, 29 Jahre alt, Diplomat des deutschen Kaisers, musste weiter nach Kabul. Sein Auftrag: den Dschihad, den Heiligen Krieg aller Muslime, nach Afghanistan und besser noch nach Indien zu tragen.

100 Jahre bevor wieder deutsche Staatsbürger im Namen eines obskuren islamischen Staats in den Heiligen Krieg ziehen, war Hentig also in einer ganz ähnlichen Mission unterwegs.

Hentig allerdings handelte im Auftrag der deutschen Regierung. Daran hatte sein oberster Vorgesetzter, Kaiser Wilhelm II., im Juli 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, keinen Zweifel gelassen: „Unsere Consuln in Türkei und Indien, Agenten etc. müssen die ganze mohammedanische Welt gegen dieses verhasste, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstand entflammen.“

Das Krämervolk, das waren die Briten, und Hentigs Operation war nur ein Mosaikstein in einem weltumspannenden Plan, mit dem man das britische Empire zum Einsturz bringen wollte. Mindestens. In der Ausführung wirkte der freilich so, als hätte Karl May die Feder geführt. Während Hentig sich durch die Salzwüste quälte, bombten deutsche Agenten gegen britische Öl-Pipelines am Persischen Golf, versorgten deutsche U-Boote an der libyschen Küste Krieger der islamistischen Senussi-Bruderschaft mit Waffen und guten Ratschlägen.

Wilhelm II. umgarnte die Muslime

Die Idee für solche Aktivitäten entstand nicht erst unter dem Eindruck des Krieges. Schon auf seiner Orientreise 1898 in Damaskus verkündete Wilhelm II. öffentlich: „Mögen die 300 Millionen Mohammedaner, welche auf der Erde zerstreut leben, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird.“

Mit seiner Rede hatte Majestät in Europa für Unruhe gesorgt, galten doch Mohammedaner als überaus gefährlich. Vor allem in Großbritannien, wo die Erinnerung an den Mahdi-Aufstand noch frisch war, und an Gouverneur Gordon, dessen Kopf unter dem grünen Banner des Propheten auf einer Stange durch Khartum getragen wurde. Seitdem war der vermeintliche islamische Fanatismus im Westen ein gefürchtetes Menetekel.

Anders in Deutschland. Dort hatten die kolonialen Ambitionen in der muslimischen Welt eine untergeordnete Rolle gespielt – wohl weniger aus Einsicht, denn aus Mangel an Möglichkeiten. Das Kulturbürgertum stand seit Goethes Lob der persischen Dichtung im „West-östlichen Divan“ dem Orient mit romantisch verklärter Neugier sogar ausgesprochen gewogen gegenüber.

Bei Ausbruch des Krieges sagte Helmuth von Moltke, Chef des deutschen Generalstabs, nun komme es darauf an, „den Fanatismus des Islam zu erregen“.

Die Rechnung war ganz einfach: Von den 300 Millionen Muslimen, die es 1914 weltweit ungefähr gab, waren 100 Millionen britische Untertanen, jeweils weitere 20 Millionen unterstanden französischer und russischer Herrschaft. Würden die sich erheben, hätten Deutschlands Gegner mächtige Probleme.

Hadschi Wilhelm, wie der Kaiser im Orient auch genannt wurde, konnte keinen Dschihad ausrufen. Das konnte nur der Kalif, Nachgesandter Gottes und Führer der islamischen Gemeinschaft. Doch anders als heute, da Abu Bakr al-Baghdadi sich als Kalif des islamischen Staats bezeichnet, während er und sein Terrorregime von der überwältigenden Mehrheit der islamischen Gläubigen abgelehnt werden, gab es damals jemanden, der diesen Titel rechtmäßig führte: den Sultan des Osmanischen Reiches.

Der Sultan ließ sich nach anfänglichem Zögern auf die Seite der Deutschen ziehen. Am 14. November 1914 verkündete er in einem feierlichen Akt, bei dem das Banner des Propheten entrollt wurde, den Dschihad, den Krieg aller gehorsamen Diener Gottes gegen die Ungläubigen – mit Ausnahme der Deutschen natürlich. Allerdings erwiesen sich die Muslime als nicht so fanatisch, wie man sich in Berlin erhofft hatte. Das war die Stunde des Max von Oppenheim.

Deutsches Kommando unterstützte Dschihad
Die Zitadelle in Aleppo, Dezember 1915. In Aleppo sammelte Klein seine Expeditionsmitglieder, um nach Mesopotamien aufzubrechen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 40Foto: Nachlass Fritz Klein, Privatbesitz/Preußen-Museum NRW, Wesel
07.12.2014 13:01Die Zitadelle in Aleppo, Dezember 1915. In Aleppo sammelte Klein seine Expeditionsmitglieder, um nach Mesopotamien aufzubrechen.

Oppenheim entstammte der gleichnamigen vermögenden Kölner Bankiersfamilie. Gut ein Drittel seiner 54 Lebensjahre hatte er im Orient verbracht, so als Archäologe in Syrien. Seine Funde liegen heute im Magazin des Berliner Pergamonmuseums. Wenn dessen Sanierung einmal fertig ist, werden sie dort das Vorderasiatische Museum schmücken.

Oppenheim hatte allein 13 Jahre in Kairo gelebt, damals ein Zentrum der panislamischen Bewegung, deren Köpfe von einer Modernisierung und Reformierung des Islam träumten. Der Panislamismus, so sein Kalkül, würde sich als politisch-religiöse Sammlungsbewegung dem zunehmenden Druck vor allem der Briten auf den ganzen Mittleren Osten entgegenstellen. Doch er überschätzte die Größe der panislamischen Bewegung, die über die intellektuellen arabischen Zirkel, in denen er sich bewegte, kaum hinausreichte.

Kurz nach Kriegsausbruch legte Oppenheim in Berlin eine 135-seitige „Denkschrift zur Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ vor. Die Idee hatte er nicht exklusiv. Es gab auch noch ganz andere Pläne zur Unterwanderung des Gegners, etwa den, in Russland einen Umsturz durch Einschleusung von Revolutionären, darunter ein Herr Lenin, herbeizuführen. Aber Oppenheim, dem nicht zuletzt wegen des antisemitischen Dünkels im Auswärtigen Amt lange die erhoffte diplomatische Karriere versagt geblieben war, fand jetzt Gehör. Auf sein Betreiben wurde in Berlin die „Zentralstelle für den Orient“ gegründet.

Deren Aufgabe war zunächst die Herstellung von Druckschriften. Und als die ersten muslimischen Gefangenen gemacht wurden, Pakistani und Nordafrikaner, die aufseiten der Briten und Franzosen kämpften, wurden 1915 eigens für sie zwei Lager eingerichtet, eines davon bei Zossen, südlich von Berlin. Die Gefangenen waren gut zu behandeln. Wer sich dem deutschen Dschihad anschloss, war frei. Von 4000 folgten dem Ruf nur 800.

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