Gewalt im Görlitzer Park : Ohne jede Warnung

Der Berliner Schriftsteller Raul Zelik erlebt, wovor sich jeder fürchtet: Auf der Heimfahrt wird er plötzlich vom Rad getreten und brutal verprügelt. Der Überfall im Görlitzer Park verändert sein Leben. Aber die Angst ist nicht das Schlimmste.

Raul Zelik
In einer Samstagnacht wurde unser Autor im Görlitzer Park in Kreuzberg überfallen.  
In einer Samstagnacht wurde unser Autor im Görlitzer Park in Kreuzberg überfallen.  Doris Spiekermann-Klaas

Im Krankenhaus, am ersten Tag nach dem Überfall, rechne ich mit Angriffen von allen Seiten. Der neue Pfleger, der mir den Tropf anlegt, ohne sich vorzustellen, sieht verdächtig aus. Hat nicht schon einmal eine Pflegerin in der Charité mehrere Patienten zu Tode gespritzt? Als die Zimmertür ein Stück weit offen steht, greife ich nicht in den Spalt, weil ich fürchte, jemand könnte die Tür absichtlich von innen zuziehen. Nach dem Angriff auf den Körper ist das Frühwarnsystem aktiviert: Alle mir unbekannten Personen stellen eine Gefahr dar.

Umwelt als Feindesland.

Im Spätherbst, Wochenende, vielleicht 0.40 Uhr: Ich bin mit dem Fahrrad im Görlitzer Park unterwegs, auf dem Heimweg von der Oranienstraße Richtung Treptow. Wie oft am Samstag ist der Park noch ziemlich belebt. Vorn am Café Edelweiß stehen Kneipengäste, Marihuana-Kundschaft und -Verkäufer. An der großen Senke sitzen italienische Touristen auf einer Parkbank. Es ist etwas zu kalt für die Jahreszeit, ansonsten aber alles normal. Seit mehr als 20 Jahren fahre ich durch den Park, auch nachts.

Der Görlitzer Park in Kreuzberg
Der Görlitzer Park: An schönen Tagen ist der Park mitten in Kreuzberg sehr belebt.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: dapd
31.05.2012 15:50Der Görlitzer Park: An schönen Tagen ist der Park mitten in Kreuzberg sehr belebt.

Am großen Fußballplatz taucht plötzlich eine Gruppe junger Männer aus der Dunkelheit auf. Es sind nicht dieselben, die hier dealen. Ich kann nicht sagen, ob ich die Männer übersehen oder sie sich hinter Bäumen versteckt haben. Ich erinnere mich nur, dass einer zu grölen beginnt und ich nach links auf den Grünstreifen ausweiche. Betrunkene, denke ich, nervig, aber unvermeidlich. In diesem Moment trifft mich ohne jede Vorankündigung von links ein Schlag ins Gesicht. Ich spüre den Unterkiefer krachen, das Gefühl, als hätte man mir einen Zahn ausgeschlagen. Der Sturz verläuft einigermaßen kontrolliert, dann beginnen die Männer auf mich einzutreten. Es fühlt sich an, als wären sie zu siebt oder acht, vielleicht sind es aber auch nur fünf.

Der Angriff kommt so unvermittelt, dass ich im ersten Moment denke, die Männer wollten mich umbringen. Ich erinnere mich an Fälle, bei denen Menschen einfach aus Lust an der Gewalt totgetreten wurden. Vor diesem Hintergrund bin ich erleichtert, als die Angreifer von mir ablassen und nach meinem Handy zu suchen beginnen. Während ich Blut spucke, ziehen sie mir Telefon und Portemonnaie aus den Taschen. Mit der Zunge spüre ich, dass zwischen zwei Zähnen eine Lücke klafft. Um nicht noch mehr Testosteron bei den Angreifern freizusetzen, verhalte ich mich ruhig und blicke den Männern nicht ins Gesicht.

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