Hundeexpertin Kate Kitchenham : „Keiner liest Menschen so gut wie der Hund“

Darf das Tier mit ins Bett? Was, wenn es sich in einem toten Igel wälzt? Kate Kitchenham weiß es, und auch, was Hunde für ein Problem mit Postboten haben.

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Foto: Martina van Kann
Hundeexpertin Kate Kitchenham mit ihrem Husky-Schäferhund-Mix ErnaFoto: Martina van Kann

Kate Kitchenham, 41, hat Kulturanthropologie und Zoologie in Hamburg studiert und erforschte die Beziehung von Menschen zu Hunden in der Stadt. Sonntags macht sie im ZDF den „Haustiercheck“, im Herbst erscheint ihr achtes Hundebuch. Sie lebt mit Mann, zwei Kindern und zwei Hunden in Lüneburg

Frau Kitchenham, wurden Sie schon mal gebissen?

Ja, als ich im Tierheim gejobbt habe. Ein Hund wollte aus dem Veterinäramtswagen springen, war aber noch angebunden. Er drohte sich zu strangulieren, ich habe eingegriffen, und er hat zugebissen. Ich habe ihm das nicht übel genommen.

Sie sind mit Hunden aufgewachsen.

Meine Eltern haben Labradore aus England gezüchtet. Die waren hier noch unbekannt. Meine Mutter bekam manchmal Panik, weil sie mich nicht finden konnte. Ich lag dann schlafend zwischen den Welpen im Korb. Für mich waren Tiere gar nicht so etwas anderes als Menschen.

Helfen Sie uns, den Hund besser zu verstehen. Wenn ich Jogger bin und ein Hund mich jagen will ...

... dann ist er schlecht erzogen. Ich empfehle, stehen zu bleiben, langweilig zu sein, so verliert er das Interesse. Dem Halter rufe ich zu: Können Sie Ihren Hund bitte holen? Das ist keine Bagatelle, wenn du jemand bist, der richtig Angst hat. Kann sein, dass dieses Tier das merkt, toll findet, dich zwickt. Jeder Hund kann lernen, nicht hinterherzurennen, wenn etwas an ihm vorbeirennt oder -fliegt. Impulskontrolle gehört in die Welpenstunde.

Die Deutsche Post bietet sogar Seminare an für Postboten, die von Hundeattacken betroffen sind.

Die sind ein dankbares Opfer. Hunde sind gezüchtet worden, um an unser Seite einen Job zu erledigen. Meistens werden sie jedoch gehalten, um auf dem Sofa zu sitzen und zu kuscheln. Sie langweilen sich also zu Tode und suchen sich irgendeine Aufgabe. Zum Beispiel den Garten bewachen. Dann merken sie, dass der Postbote jeden Tag kommt und Angst vor ihrem Theater hat. Das ist ein tolles Gefühl für einen auf Sinnsuche: Er erzielt einen deutlichen Effekt! Postboten-Erschrecken wird so zu einer selbstbelohnenden Aktion.

Tiere sind doch nicht zur Schadenfreude fähig!

Es hat mit Botenstoffen zu tun, die ausgeschüttet werden. Das Gewinnerhormon Dopamin macht süchtig, bei Menschen wie Hunden. Das ist, wie beim „Mensch-ärgere-dich-nicht“ zu gewinnen.

Kann ich dem Hund etwas vorspielen?

Er merkt sofort, wie man sich fühlt, ob man glücklich oder gestresst ist. Trotzdem hilft Körperbewusstsein: Wie wirke ich auf mein Gegenüber? Man lernt im Umgang mit dem Hund, sich selber richtig einzuschätzen. Das können viele gar nicht. Es gibt kein anderes Lebewesen, das so wie der Hund in der Lage ist, den Menschen zu lesen.

Sie übertreiben.

Überhaupt nicht, das ist in vielen Studien untersucht worden. Er kennt uns so gut, weil er seit Jahrtausenden mit uns zusammenlebt. Wenn er sich im Steinzeitlager doof benommen hat, wurde er gegessen. Nur die, die schnell lernten, sich anpassten, praktisch waren, durften weiterleben. Hunde registrieren und analysieren genau, was ich mache, was ich von meiner Perspektive aus sehen kann und was nicht. Mein Hund Erna weiß, wann sie sich am besten unbemerkt in einem toten Igel wälzen kann. Was wir heute unterm Tisch liegen haben, sind Tiere mit dem Potenzial für kommunikative Höchstleistung. Sie wird nur meistens vonseiten des Menschen nicht ausgeschöpft.

Und an der Spitze steht Lassie.

Filme wie „Lassie“ führen zu einer übersteigerten Erwartungshaltung. Wenn du als Kind so etwas guckst und dann erlebst, dass dein Hund bei Geschrei höchstens angelaufen kommt, aber nichts macht, wenn du dir den Finger eingeklemmt hast, ist das enttäuschend.

Manche Hunde haben ihre Familie gerettet.

In den meisten Fällen warnen sie aus Unsicherheit. Wenn die Gardine lichterloh brennt, schlägt der Hund an, weil ihn das beunruhigt. Hunde sind totale Spießer. Die lieben ihre normalen Abläufe und mögen nicht, wenn sich was ändert.

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