Eltern im Internet : Die armen Kinder

Minderjährige sollen im Internet mehr Achtsamkeit zeigen, verlangen Eltern. Die aber posten selbst wild drauflos.

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Auf der Taste. Foto: Kitty Kleist-Heinrich.
Auf der Taste.Foto: Kitty Kleist-Heinrich.

Viel wird gerade darüber diskutiert, wie Eltern ihre Kinder verantwortungsvoll an das Internet heranführen können. Das ist gut. Eine nicht ganz unwichtige Frage wird dabei jedoch gern übersehen: Wer beschützt die Kinder eigentlich vor ihren Eltern?

Damit meine ich nicht die Generation jener Eltern, die heute noch rätselt, wo genau sich die Eingabetaste befindet und ob womöglich Gefahr besteht, mit einem falschen Knopfdruck das komplette Internet zu löschen – deren Kinder sind ja inzwischen erwachsen und haben sich das Netz nicht dank, sondern trotz ihrer Erziehungsberechtigten angeeignet.

Vielmehr ist die etwas jüngere Generation heutiger Eltern gemeint, die sich sehr gut in der digitalen Welt zurechtfindet und auch in den sozialen Netzwerken enorm umtriebig ist. Dabei hinterlassen die Erwachsenen nicht bloß ihre eigenen Spuren, sondern auch die ihrer Schutzbefohlenen.

Das erste Krabbeln? Die erste Fingerfarben-Orgie? Der erste ausgefallene Milchzahn? Gehört alles auf Facebook. Kinder-Content generiert Likes und schmeichelnde Kommentare en masse, dafür müssen Kinderlose ganz schön lange mit Delfinen schwimmen.

Manche Eltern übertreiben es eindeutig. Zum Beispiel der US-Amerikaner Greg Pembroke. Wann immer sein dreijähriger Sohn Charlie weint, fotografiert er ihn. Das Bild lädt Pembroke dann auf seinen Blog reasonsmysoniscrying.com hoch, dazu schreibt er knapp, welche vermeintliche Nichtigkeit die Heulattacke auslöste: weil beim Essen ein Stück Käse in zwei Teile zerbrach, weil das Spielzeug die falsche Farbe hat, weil die Schuhe des älteren Bruders noch zu groß für die eigenen Füße sind. Allein auf Twitter erheitert Pembroke damit 40 000 Follower.

Der Blog ist wirklich hübsch anzuschauen. Vor allem ist er goldwertes Material für Charlies zukünftige Mitschüler, ihn auf Jahre hinaus in Grund und Boden zu hänseln. „Public Shaming“ nennen Psychologen das Bloßstellen des eigenen Kindes im Netz.

Und wie reagieren die digitalen Eltern dieser Welt? Empören sich nicht über den Blogbetreiber, sondern schicken ihm Fotos ihrer eigenen weinenden Kinder. Daraus hat Greg Pembroke dann ein Buch gemacht.

Laut einer Studie der Universität von Michigan fürchten sich zwei Drittel der Eltern davor, dass Unbefugte im Netz private Informationen über ihre Kinder sammeln könnten. Gleichzeitig gesteht mehr als die Hälfte der Befragten, selbst Kinderfotos zu posten. Mütter sind dabei etwas aktiver als Väter.

Und dann gibt es Erwachsene, die sich online mit Bildern Minderjähriger schmücken, die nicht mal ihre eigenen sind. Gern Kleinkinder aus Afrika, die man auf Reisen oder bei Entwicklungshilfe-Einsätzen getroffen hat. Populäres Motiv: einen oder mehrere heranwachsende Schwarze auf den Arm nehmen und in die Kamera strahlen. Oder mit einer Horde Kleinkinder auf einer staubigen Dorfstraße vor Dritte-Welt-Kulisse tanzen.

Unschlagbar: sich von einem Begleiter dabei fotografieren lassen, wie man selbst afrikanischen Kleinkindern eine Spiegelreflexkamera vor die Nase hält, sodass die süßen Wilden etwas zu staunen haben. Die Bilder eignen sich prima als Profilbild für Facebook und für Datingplattformen. Denn sie zeigen: Da ist einer ganz doll kinderlieb und Wohltäter zugleich.

Die Blogger der Seite humanitariansoftinder.com haben es sich zur Aufgabe gemacht, die angeblichen Menschenfreunde zu demaskieren – indem sie einfach hunderte solcher Fotos kommentarlos aneinanderreihen. Das Durchklicken macht wütend, ist aber auch sehr, sehr lustig.

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