Jens Mühling lernt Türkisch : „Kürt“ heißt „Kurde“

Nun weiß ich endlich, warum die türkischen Verkäufer im Kiosk an den Yorckbrücken immer so belustigt reagieren, wenn ich versuche, mit ihnen türkisch zu sprechen.

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Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Es sind gar keine Türken! Das hätten die mir auch mal früher sagen können. Seit anderthalb Jahren probiere ich dort bei jedem Zigarettenkauf mein Stammeltürkisch aus („Kirmirzi Gauloises, lütfen!“). Das amüsierte Lächeln, mit dem die Jungs mir immer antworten, schob ich natürlich auf meinen Kartoffelakzent und meine umständlichen Sprachkurssätze. Neulich aber verabschiedete ich mich mit einem herzlichen „tesekkür ederim“ („vielen Dank“), worauf einer der Verkäufer mir lächelnd antwortete: „Gern geschehen. Aber falls du vorhattest, dich in meiner Muttersprache zu bedanken, dann heißt das ,sipas’.“

„Du bist gar kein Türke?“, fragte ich peinlich berührt.

„Nein“, antwortete er. „Ich bin Kurde.“ Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Wie übrigens auch alle meine Kollegen hier.“

Es war ein beschämender Moment. Die Kioskjungs hatten mir zwar immer bereitwillig auf Türkisch geantwortet, und sie schienen mir meine Sprachexperimente auch nicht übel zu nehmen. Trotzdem ertappte ich mich nicht gerne dabei, dass ich Kioskverkäufer offenbar automatisch für Türken halte. Wie viele Kurden und sonstige Nichttürken hatte ich wohl in den letzten anderthalb Jahren in ihrer vermeintlichen Muttersprache angequatscht? Und hatte ich möglicherweise einmal etwas Missverständliches über die Minderheiten der Türkei gesagt? Zu meiner Beruhigung fiel mir ein, dass ich dazu rein sprachlich gar nicht in der Lage wäre. Die schlimmste Beleidigung, die ich derzeit einigermaßen fließend auf Türkisch formulieren könnte, wäre etwas wie „Kurden haben große Nasen“.

Ich war dankbar, als der Kioskverkäufer das Gespräch auf andere Themen lenkte. Er erzählte mir eine erstaunliche Geschichte aus dem kurdischen Teil der Türkei: In Cizre, einer 100 000-Einwohner-Stadt in Südostanatolien, sei bei den Kommunalwahlen im März eine 26-jährige Kurdin namens Leyla Imret zur Bürgermeisterin gewählt worden. „Die ist in Deutschland aufgewachsen“, sagte der Kioskverkäufer. „In Bremen. In ihrer Kindheit hat sie nur kurdisch und deutsch gesprochen. Türkisch kann sie fast gar nicht – ihr Türkisch ist genauso schlecht wie deins!“

Zur Welt gekommen war Leyla Imret in Cizre, der Stadt, in der sie nun Bürgermeisterin ist. Als sie vier Jahre alt war, wurde ihr Vater erschossen, bei einem Gefecht zwischen türkischen Militärs und kurdischen Rebellen. Ein paar Jahre später gab die verwitwete Mutter ihre damals siebenjährige Tochter in die Obhut von Verwandten, die in Deutschland lebten. Leyla Imret wuchs in Bremen auf, wo sie nach dem Realschulabschluss eine Friseurlehre machte. Eigentlich hätte sie lieber Politik studiert, aber sie musste dringend eine Arbeitsstelle nachweisen, weil ihr sonst die Abschiedung in die Türkei gedroht hätte.

Erst vor rund einem Jahr kehrte sie aus eigenen Stücken zurück in ihre Geburtsstadt. Die Leute staunten, weil sie perfekt kurdisch sprach, was in der Region nicht selbstverständlich ist. Als die linke Kurdenpartei BDP ihr vorschlug, bei den Kommunalwahlen zu kandidieren, sagte Leyla Imret zu.

Der Kioskverkäufer bewunderte sie. „Neulich ist sie in einer türkischen Talkshow aufgetreten. Da hat sie nur kurdisch gesprochen! Der Sender musste extra einen Dolmetscher anheuern. Das ist einmalig in der Türkei!“

Schlechte Türkischkenntnisse, dachte ich insgeheim, können also auch etwas Gutes haben. Ich schöpfte Hoffnung.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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