Leben als Einsiedler : Allein auf weiter Flur

Er ist 1,82 m groß und lebt auf 3,6 qm – seit 40 Jahren ist Hans Anthon Wagner überzeugter Einsiedler. Sein Zuhause: ein Schäferkarren.

Jenny Becker
Illustration: Lea Stein

Hinter dem Pflaumenbaum links, dann rechts am Walnussbaum vorbei, ein paar Schritte durch struppiges Gras, dann steht er auf der Lichtung, die sein Wohnzimmer ist. Hans Anthon Wagner, schwäbischer Einsiedler, setzt sich auf seine Bank an den kleinen Holztisch, Schafgarbe streift seine Beine. Grüne Büsche als Wände, der Himmel als Decke.

Seit fast 40 Jahren wohnt er an einem Hang in einem Schäferkarren, 3,6 Quadratmeter groß. Wie lebt jemand ohne Strom, ohne Wasseranschluss, mit so wenig Platz? Seine Wohnung ist so weit wie die Welt. Hans Anthon Wagner, 68, sitzt am Rand des schwäbischen Naturparks Schönbuch, draußen vor seinem 150 Jahre alten Karren, einem hölzernen Wagen mit Schornstein und zwei Rädern. Er blickt hinunter ins Tal, über die braunen Felder und die bewaldeten Hügel. Das ist es, was sein Leben hier ausmacht: Er sitzt und schaut.

Der Einsiedler sieht ein bisschen aus wie Peter Lustig aus der Kindersendung „Löwenzahn“, schmal, hoch gewachsen, eine Nickelbrille auf der Nase. Peter Lustig wohnte auch auf einer Wiese, allerdings in einem quietschblauen Bauwagen, weil es im Fernsehen bunt zugehen muss. Der Schäferkarren ist nur halb so groß, der graue Lack schält sich ab wie alte Haut, und trotzdem ist er ein Sehnsuchtsort. „Darf ich hier einziehen?“, hat ein Wanderer mit Bleistift neben die Eingangstür gekrakelt. „Leider schon besetzt“, schrieb Hans Anthon Wagner darunter. Die Wände sind voller Botschaften von zufälligen Besuchern, Wagner mag das.

„Einmal hat mich eine ganze Rentnergruppe gesucht, dort unten“, sagt er und deutet mit dem Arm durch die Büsche den Hang hinunter, „wie Spürhunde, wild entschlossen, mich zu finden“. Sie hatten im Dorf gefragt, wo der Schäferkarren steht. Doch die Bewohner hatten geschwiegen. Sie wissen, dass Hans Anthon lieber allein ist. Die Rentner fanden ihn nicht, und wahrscheinlich hätten sie sowieso keine Antwort bekommen auf ihre Frage: Wieso leben Sie so?

In dem Jahr, als er zum ersten Mal in dem Karren übernachtete, war Deutschland gerade Fußballweltmeister geworden, mit Uli Hoeneß auf dem Spielfeld. In Amerika trat Präsident Nixon wegen der Watergate-Affäre zurück. Hans Anthon Wagner war Grafiker, 29, Chef einer kleinen Werbeagentur. Mit dem Fahrrad fuhr er manchmal die Gegend ab, von Tübingen bis zur Schwäbischen Alb, und zeichnete Häuser. Er fand es wichtig, den Charme der Fachwerkhäuser für die Nachwelt festzuhalten.

Auf einem dieser Ausflüge entdeckte er den Karren, ausrangiert im Hof eines alten Schäfers. Dessen Sohn zog längst mit einem Wohnmobil von Weide zu Weide. Die engen Karren waren aus dem Alltag verschwunden. Der alte Schäfer bemerkte das Interesse des Fremden, und als sie beim Bier zusammensaßen, sagte er: „Du kannst ihn haben, wenn du ihn in Ehren hältst und einen guten Platz findest.“ Das tat er. Er gab seine Wohnung auf, verkaufte das Auto und schenkte seine Firma den Mitarbeitern.

Hans Anthon Wagner öffnet die Tür zu seinem Karren, duckt sich und tritt ein. Würde er die Arme ausbreiten, er könnte die hölzernen Wände berühren. Das Bett ist so lang wie das Zimmer, zwei Meter, er kann sich gerade so darin ausstrecken mit seinen 1,82 Meter. Es gibt einen Tisch, eine Sitztruhe und einen gusseisernen Ofen. Im Winter knacken darin Holzscheite und verbreiten Wärme. Wenn die Welt draußen friert, wird seine Wohnung ganz klein. Er hockt dann auf der Sitztruhe, reibt sich die Hände am Feuer und blättert in seinen Büchern.

Normalerweise sammelt er Regenwasser in Eimern, um es zu trinken oder sich damit zu waschen. In der kalten Jahreszeit greift er morgens in den Schnee und wischt sich damit über das Gesicht. „Im Winter kann es drinnen schon etwas eng werden“, überlegt er. Ihm fehlt dann sein Wohnzimmer, die Wiese. Umso deutlicher nimmt er jede Regung des beginnenden Frühlings wahr.

„Wer so nah an der Natur wohnt, erlebt den Frühling als langsam einziehenden Gesellen“, sagt Wagner. Da gibt es kein plötzliches Aufblühen von Knospen und kein überraschendes Insektensummen. Nur kleine Veränderungen, jeden Tag. In die schwarzen Äste des Pflaumenbaums stehlen sich zarte weiße Blüten. Die Vögel beziehen nach und nach ihre Nester in den fünf Kästen, die rund um den Karren in den Bäumen hängen.

Der Einsiedler hat genug Gesellschaft. Es gibt piepsende Vogeljunge oder streunende Katzen. In diesem Jahr haben sogar ein paar Dutzend Marienkäfer den Winter bei ihm verbracht. Geschützt in einem alten Leinenrucksack, der draußen neben der Tür hing.

Hans Anthon Wagner kommt gebückt aus seinem Karren, schlendert über die Wiese und setzt sich an den hölzernen Tisch, von dem aus er das Tal überblickt. Er hat seine liebste Gesellschaft aus dem Regal geholt: ein Buch des Philosophen Arthur Schopenhauer. Seine Hände streichen über die Seiten. Schopenhauer schreibt: „Das Streben sehen wir überall kämpfend, also immer als Leiden.“ Hans Anthon Wagner schreibt auch, aber fröhlicher: „Der Deutsche mag den Apfel sehr, doch hat er ihn, dann will er mehr.“

Als junger Grafikdesigner wollte er probieren, wie es ist, sich von Dingen zu lösen und mit dem Nötigsten auszukommen. Eine Herausforderung, ein Spiel. Schaffe ich das, einen Herbst lang im Schäferkarren? „Erst war es reiner Ehrgeiz“, sagt der Einsiedler. „Doch es wurde immer schöner.“ Für den jungen Anthon war jede Nacht im Karren ein Nervenkitzel, er lag wach und lauschte den Geräuschen im Gebüsch. Der alte Wagner lässt sich gern vom Knacken der Zweige in den Schlaf wiegen.

Es geht ihm nicht darum, sich auf die Natur zu besinnen und sich von ihren Früchten zu ernähren. „Ich koche nicht gern“, sagt er. Meist gibt es Käsebrot. Das Beet hinter dem Wagen ist verwildert. Der Boden unter der dünnen Erdschicht besteht fast nur aus Kalkstein, da wächst nichts. „Ich versorge mich beim Penny am Ortseingang.“

Er hat eine Freundin, mit der er eine Beziehung führt. Manchmal besucht sie ihn in seinem Karren, manchmal lässt sie ihm seine Ruhe. Ab und zu trinkt er Bier in der Kneipe. Und an jedem Wochentag spaziert er ins Dorf, kommt abends zurück. Eine Art Berufspendler. Seit fast 40 Jahren verdient er das Geld, das er braucht, mit seiner Kunst. Er ist freiberuflicher Künstler, das Atelier befindet sich im Haus von Verwandten. „Kunst im kleinen Bildformat“ steht auf dem Schild. Er zeichnet Miniaturen. Was auch sonst? Zehn mal zehn Zentimeter sind die Rahmen groß, winzig die Stadtansichten und Figuren, die sie bevölkern. „Ich brauche nicht viel Platz“, sagt er, als beantworte das alle Fragen.

„Die Menschen wollen von mir ein Rezept für das gute Leben.“ Der Einsiedler ist verwundert, denn er tut ja nichts Besonderes, außer auf der Bank über dem Tal zu sitzen. „Die Leute denken, ich meditiere, aber ich mache nichts. Ich schaue einfach in die Landschaft.“ Auf Lesungen trägt er gelegentlich Gedichte aus seinem Buch vor, der „Schäferkarren-Philosophie“. Hinterher kommen oft einige zu ihm, die auf der Suche sind nach Ruhe oder anderen Dingen. „Die wollen am liebsten mit mir tauschen.“ Nur, der Karren von Hans Anthon Wagner ist eben leider schon besetzt.

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