Napoleon Bonaparte : Die Flucht von Elba

Winter 1815, eine Insel im Mittelmeer, Napoleon sitzt in der Verbannung fest. Heimlich bereitet er seine Rückkehr vor. Seine Schiffe erreichen die Côte d’Azur, der Siegeszug endet in Waterloo.

Jesko zu Dohna
Napoleon Bonaparte.
Napoleon Bonaparte.Foto: Mauritius

Sir Neil Campbell ahnt, dass etwas nicht stimmt. Soeben ist der britische Kommissar an Bord der „HMS Undaunted“ in den Hafen von Portoferraio eingelaufen, nun blafft er die Garde an: „Wo ist der Kaiser?“ – „Abgereist“, antwortet der Soldat nüchtern. „Und seine Truppe?“ – „Auch weg.“

Für Campbell ist das fatal. Schließlich war es seine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Napoleon Bonaparte für immer auf der Insel bleibt, nie wieder nach Frankreich zurückkehrt.  Campbell ist zwei Tage fort gewesen, nur kurz nach Livorno ans italienische Festland gesegelt. Zu Napoleon Bonaparte hat der 39-Jährige in den vergangenen Monaten, so dachte er jedenfalls, eine Freundschaft aufgebaut. Der Mann, den ganz Europa für einen Despoten hält, hatte ihm sogar eine gute Reise gewünscht. Er freue sich auf ein Wiedersehen, hatte der Kaiser behauptet. Jetzt, am 28. Februar 1815, ist Napoleon weg.

Wie konnte das überhaupt passieren? Gut, Campbell war nicht ständig auf der Insel präsent. Genau genommen ließ er sich nur alle sechs Wochen für wenige Tage blicken. Auch die Spione, die nach Napoleons Kapitulation im März 1814 und seiner Verbannung nach Elba auf der kleinen Insel postiert worden waren, bekamen die Flucht nicht mit. Eine grobe Fahrlässigkeit, die noch Zehntausenden das Leben kosten wird.

Kein ganzes Jahr hat Napoleon mit seinem Fluchtversuch gewartet. Wenn es wirklich stimmt, denkt Campbell, dass der Kaiser nach Frankreich segelt, dann müssen Paris und der Kongress in Wien davon erfahren. Bevor Napoleon neuen Schaden anrichtet.

Gerade 12 000 Menschen leben zu dieser Zeit auf Elba. Bei seiner Ankunft hat Napoleon fast nichts vorgefunden, musste seine Residenz erst selbst bauen lassen. Die Villa San Martino ist eher Bauernhof als Palast für einen Kaiser. Nicht einmal seine Ehefrau Marie-Louise, die Tochter von Kaiser Franz von Österreich, und seinen Sohn durfte er mitnehmen. Die Alliierten gewährten ihm allerdings eine Truppe von 2000 Soldaten.

Anfangs ließ er Straßen und Krankenhäuser bauen, Maulbeerbäume pflanzen, Steuern eintreiben. Er reformierte auch die Verwaltung. Dann blieben ihm nur noch Spazierfahrten mit einer seiner 27 Kutschen, Treffen mit seiner Mätresse, Gräfin Maria Walewska, und die Nöte der unzähligen streunenden Hunde der Insel. Napoleon leidet an Hautausschlag und Erbrechen. Und er will weg. Er will zurück auf den Thron.

Seine Feldzüge und Steuererhebungen waren nach der Niederlage von Leipzig im Oktober 1813 zu viel für die kriegsmüden Franzosen gewesen. Auf Elba, dessen Souverän er offiziell ist, hält er heimlich Kontakt zur Heimat. Der frühere Eroberer gibt sich geläutert, ist charmant. So fällt nicht auf, dass ihn seine Agenten nachts in der Bibliothek aufsuchen. Der 44-Jährige weiß: Die Macht des Bourbonenkönigs Ludwig XVIII., der nach Napoleons Sturz durch die Alliierten und der Restauration der Monarchie wieder regieren konnte, bröckelt zunehmend. Hunderte frustrierte Bittbriefe von Offizieren erreichen Napoleon täglich. Die Soldaten wollen bei ihm anheuern. Trotzdem muss er vorsichtig sein. Ihm ist klar, nicht bei allen Franzosen ist er derart beliebt. Als die Briten ihn im April 1814 ins Exil begleiteten, glich die Strecke bis Lyon für Napoleon einem Triumphzug. Im Süden war man weniger freundlich. In Orange wurde er mit Steinen beworfen. In Avignon versuchte ein wütender Mob, ihn zu lynchen.

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