Nazi-Verbrechen : Mengeles Zwillinge

Sie bekamen Spritzen und wurden zu Tode gequält. Wozu dienten die Experimente an Kindern in Auschwitz? Eva Mozes Kor überlebte – und hat versucht, es herauszufinden.

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Eva Mozes Kor (Zweite v. rechts, halb verdeckt) und Schwester Miriam (rechts) bei der Befreiung durch die Rote Armee 1945.
Eva Mozes Kor (Zweite v. rechts, halb verdeckt) und Schwester Miriam (rechts) bei der Befreiung durch die Rote Armee 1945.Foto: USHMM/Belarusian State Archive

„Jetzt erzähle ich Ihnen mal“, sagt Eva Mozes Kor bestimmt, während sie ihrem Gegenüber ihre winzige Hand mit rosa lackierten Nägeln auf den Arm legt, „wie unser Alltag aussah in Auschwitz.“

Weckzeit zwischen fünf und sechs. Josef Mengele – polierte Lederstiefel, weiße Handschuhe – kam kurz vorbei: zum Kinderzählen. Dann gab es „braune Brühe, genannt Frühstück“, wie Mozes Kor sagt, und anschließend trotteten sie und die anderen Kinder schweigend, „wie eine Herde“, in die Labore der Nazis.

Eva Mozes Kor ist eine kleine, sehr gepflegte Dame von 82 Jahren. Sie sitzt im Foyer des Marriott Hotels am Potsdamer Platz auf ihrem Rollator. Mozes Kor trägt einen türkisfarbenen Seidenanzug. Ihr blondes Haar ist leicht zerzaust.

In den Laboren, fährt sie fort, mussten sich die Kinder ausziehen. Stundenlang standen sie nackt da, während Mengeles Mitarbeiter ihre Finger, Arme, Ohren vermaßen. An anderen Tagen, erinnert sich Eva Mozes Kor, trieben die Ärzte ihr Nadeln in den linken Arm. Manchmal wurde ihr so viel Blut abgenommen, dass sie in Ohnmacht fiel. Ihren rechten Arm anzuschauen, sagt sie, habe sie nicht gewagt. Dorthinein liefen Infusionen, von denen sie nicht wusste, um welche Substanzen es sich handelte. Die Ärzte, die fast immer selbst Häftlinge waren, tauschten die Beutel aus – ohne Erklärung oder tröstende Worte. „No compassion!“, sagt Eva Mozes Kor, kein Mitgefühl vom medizinischen Personal, sie schüttelt vehement den Kopf, als sei die Vorstellung absurd, „niemals, null!“

Eva Mozes Kor spricht Englisch mit starkem osteuropäischen Akzent. Sie stammt aus Rumänien, ist nach dem Krieg mit ihrer Zwillingsschwester nach Israel ausgewandert, hat dort ihren Mann kennengelernt, dem sie in die USA folgte, in die Kleinstadt Terre Haute, Indiana.

Für die Probanden aus den Viehwaggons galten keine ethischen Grenzen

Ihr Leben nach Auschwitz teilt sich in zwei Hälften: 30 Jahre hat sie gar nicht über ihre Erlebnisse gesprochen, nicht mal mit der Zwillingschwester oder dem Ehemann, der ebenfalls von den Nazis interniert worden war. In den darauffolgenden 30 Jahren hat sie über kein Thema häufiger gesprochen als über Auschwitz. In den 90er Jahren hat sie in Terre Haute ein Holocaust-Museum eröffnet. Bis heute macht sie dort Führungen, wenn sie nicht unterwegs ist, um Gedenkfeiern oder Konferenzen zu besuchen. Unter Überlebenden ist sie hoch umstritten, weil sie sich entschieden hat, den Nazis zu vergeben, aber darum soll es hier nicht gehen. Sie ist eine der Letzten, die über die Zwillingsexperimente Mengeles in Auschwitz aus eigener Erfahrung berichten können, diesem wenig erforschten Verbrechen der Nazis.

Unklar ist schon, wie viele Kinder betroffen waren. Schätzungen schwanken zwischen 300 und 3000. Als die Russen am 27. Januar 1945 das KZ Auschwitz befreiten, stießen sie auf 200 Zwillingskinder, was sie erstaunte, denn normalerweise wurden Kinder unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern ermordet. Doch Mengele und andere SS-Männer hatten an der Rampe Zwillinge aussortiert. Historiker vermuten sogar, dass sich Mengele als Lagerarzt nach Auschwitz versetzen ließ, um dort Zwillingsforschung zu betreiben. Dabei kooperierte er mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie in Berlin Dahlem, der führenden Einrichtung für medizinische Forschung in Nazi-Deutschland.

Zwillingsforschung galt damals als modernste Methode der Biomedizin, und der Leiter des Dahlemer Instituts, Otmar von Verschuer, der zugleich Mengeles Doktorvater war, hatte sich in diesem Zweig international profiliert. Doch durch den Krieg und Evakuierungen von Familien aus Berlin waren Verschuer die Versuchspersonen ausgegangen. In den Viehwaggons, die hunderttausende Menschen nach Auschwitz brachten, fand Mengele unzählige neue Probanden, für die keine ethischen Grenzen galten.

Josef Mengele

Josef Mengele wurde 1911 als Sohn eines Landmaschinen-Fabrikanten in Günzburg geboren.

MEDIZINISCHE AUSBILDUNG

Er studierte Medizin und Anthropologie und erwarb zwei Doktortitel. Seine zweite Dissertation über die Vererbung der Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte wurde „mit Auszeichnung“ bewertet und galt noch bis in die 1960er Jahre als Standardreferenz zu dem Thema.

KARRIERE UND VERBRECHEN

Im Jahr 1931 trat Mengele dem „Jungstahlhelm“ bei, dem bewaffneten Arm der Deutschnationalen Volkspartei. 1938 wurde er Mitglied von NSDAP und SS. Bei der SS-Panzerdivision „Wiking“ war er beim Überfall auf die Sowjetunion als Truppenarzt eingesetzt und war vom 30. Mai 1943 an als Lagerarzt in Auschwitz. Hans Münch, der dort ebenfalls als Arzt gearbeitet hatte, sagte, Mengele habe „offenbar wegen der großen Forschungsmöglichkeiten um seine Versetzung nach Auschwitz gebeten“. In Auschwitz nahm er „Selektionen“ vor, überwachte Vergasungen und machte nicht nur an Zwillingen Menschenexperimente, bei denen viele Probanden starben. Am 18. Januar 1945 flüchtete er vor der anrückenden Roten Armee.

FLUCHT NACH SÜDAMERIKA

Zwischen 1945 und 1948 versteckte sich Mengele auf einem einsamen Gehöft in Bayern, wo er als Knecht arbeitete. Mithilfe eines Nazi-Netzwerks floh er anschließend nach Argentinien. Später tauchte er in Paraguay und Brasilien unter, wo er 1979 bei einem Badeunfall umkam.

Jede Nacht robbte sie völlig entkräftet zu einem Wasserhahn

Eva Mozes Kor kam im Mai 1944, zehnjährig, zusammen mit ihren Eltern und drei Schwestern in Auschwitz an. „Der Anblick ließ uns versteinern. So sah kein Ort aus, an dem Menschen leben, sondern an dem sie sterben“, sagt sie. Auf der Rampe deutete ein Uniformierter auf sie und ihre Schwester Miriam. „Sind das Zwillinge?“, fragte er. Ihre Mutter zögerte. „Ist das gut?“ Ja, sagte der SS-Mann und zerrte die Mädchen mit sich fort. Ihr letzter Blick auf die Mutter, die die Arme nach ihr ausstreckt, ist Mozes Kor noch im Gedächtnis.

Die Schwester und sie wurden in eine Baracke mit hunderten Zwillingen gebracht, ein ehemaliger Pferdestall mit dreistöckigen Betten und drei Löchern im Boden: der Latrine. In einer Ecke stand ein Ofen, in dem die älteren Kinder, später auch Eva Mozes Kor, nachts heimlich gestohlene Kartoffeln buken. Geredet wurde in der Baracke kaum. Heute erklärt sich Eva Mozes Kor das so: Wenn ein Mensch keine Kontrolle mehr über sein Leben habe, fokussiere er sich auf das Letzte, was er selbst kontrollieren könne, nämlich die eigenen Gedanken und Gefühle. „Wenn man die laut ausspricht, antwortet möglicherweise jemand etwas darauf, was man nicht hören will. Wenn meine Schwester zum Beispiel gesagt hätte: ,Wir werden ja sowieso alle sterben.‘ Was hätte ich damit anfangen sollen? Ich wollte ja unbedingt überleben.“

Im Juli wurde Eva Mozes Kor krank. Sie bekam Fieber und ihre Gliedmaßen schwollen an. Sie wurde in die Krankenstation gebracht, die ein Sterbelager war, was ihr klar wurde, als sie dort nichts mehr zu essen und zu trinken bekam. Völlig entkräftet robbte Mozes Kor jede Nacht über den mit Exkrementen beschmierten Boden zu einem Wasserhahn. Ihre Zwillingsschwester hungerte, um ihr ihren Brotkanten zu geben. Nach zwei Wochen senkte sich das Fieber wieder.

Mengele hat im Auftrag der Pharmaindustrie Krankheiten erforscht

Eva Mozes Kor ist sich sicher, dass ihr damals Krankheitserreger gespritzt worden waren. Warum sonst, sagt sie, habe Mengele ihren Krankheitsverlauf so genau zu kennen geglaubt? Bei einer Visite hörte sie ihn sagen: „In zwei Wochen ist sie tot.“

Diesen Verdacht stützt auch ein Brief des I.G.-Farben-Direktors Wilhelm Mann, in dem er gemeinsame Versuche mit Mengele in Auschwitz erwähnt. Demnach hat Mengele im Auftrag der Pharmaindustrie Krankheiten erforscht. Doch vom Brief gibt es nur ein Faksimile in einem älteren Buch, das Original ist unauffindbar. Es kann nicht mehr auf seine Echtheit überprüft werden.

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Auf Spurensuche in Auschwitz
Auf Spurensuche in Auschwitz

Die Quellenlage darüber, was genau Mengele den Zwillingen antat, ist dünn. Mengele soll bei seiner Flucht aus Auschwitz Unterlagen mitgenommen und die Lager-SS weitere vernichtet haben.

Die Max-Planck-Gesellschaft ließ fünf Jahre lang rund 30 wissenschaftliche Mitarbeiter und Gastwissenschaftler aus dem In- und Ausland ihre Archive durchforsten, um Grenzüberschreitungen ihrer Vorgängerinstitution, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, zu erforschen. Bei den Vermessungsprozeduren, von denen Eva Mozes Kor erzählt, habe es sich um „polysymptomatische Ähnlichkeitsdiagnosen“ gehandelt, sagt die Leiterin des Forscherteams, Carola Sachse. Diese von Verschuer entwickelte Methode diente unter anderem dazu, zu bestimmen, ob Zwillinge eineiig oder zweieiig sind. Womöglich versuchte Mengele in Auschwitz, das Messraster zu verfeinern.

Überlebende und Forscherin: Eva Mozes Kor beim Gespräch in Berlin.
Überlebende und Forscherin: Eva Mozes Kor beim Gespräch in Berlin.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die Verbindung Dahlem – Auschwitz ging so weit, dass sich Verschuer von Mengele Blut liefern ließ, mit dessen Hilfe er ein Testverfahren auf den Menschen übertragen wollte, das ein Schweizer Kollege zur Unterscheidung von Kaninchenrassen entwickelt hatte; selbst für Kaninchen erwies sich das Verfahren später als unbrauchbar. Verschuers Mitarbeiterin Karin Magnussen ließ sich Augen schicken. Sie forschte zur Heterochromie: Verschiedenfarbigkeit der Augen eines Menschen. Mengele gegenüber äußerte sie ihr Interesse an drei in Auschwitz internierten Zwillingspaaren, die dieses Merkmal aufwiesen. Mengele schickte ihr deren Augenpräparate. Dass in den beigefügten Untersuchungsberichten für alle sechs Kinder dasselbe Todesdatum steht, belegt, dass Kinder getötet wurden, um sie besser untersuchen zu können.

Auch die berüchtigten Experimente von Mengele selbst an Kinderaugen hat Achim Trunk, Biochemiker in Sachses Team, zu rekonstruieren versucht. Er habe Adrenalin als mögliche Substanz „eingekreist“, die Mengele den Kindern in die Augen träufelte, um deren Farbe zu beeinflussen, sagt Trunk. „Ins Reich der Fantasie“ gehöre aber, dass Mengele damit Blauäugige produzieren wollte. Er habe Grundlagenforschung über Vererbungsmechanismen betreiben wollen, indem er Einflussfaktoren auf die Pigmentierung von Augäpfeln untersuchte.

Trunk hat im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden tausende Seiten aus dem Ermittlungsverfahren gegen Mengele gelesen, das erst in den 80ern beendet wurde. Das Bild des Einzelgängers, das von Mengele gezeichnet werde, sagt Trunk, sei falsch. Er sei eingebettet gewesen in das, was man damals unter Spitzenforschung verstand. Die Zwillingsexperimente seien Mengeles „privates Ding“ gewesen, mit dem er sich für eine Nachkriegskarriere profilieren wollte. Er betrieb sie aus Kalkül, was Grausamkeiten einschloss. Wenn ein Zwilling starb, wurde der andere getötet. Als Einzelner war er für die Zwillingsforschung wertlos.

"In einem Überlebenskampf wie in Auschwitz gibt es keine Freundschaft"

Eva Mozes Kor fing bereits in den 80er Jahren an, selbst zu den Experimente zu recherchieren. Anlass waren die Nierenprobleme ihrer Schwester, mutmaßlich Spätfolgen der Experimente. Mozes Kor hoffte, dass sich die Behandlungsmöglichkeiten verbesserten, wenn sie Näheres über die Krankheitsursache herausfände. Erst las sie viele Mengele-Biografien, in denen aber nichts Konkretes über die Experimente stand. Deshalb beschloss sie, andere Überlebende zu befragen. „Ich dachte, wenn wir unsere Erinnerungen teilen, würden wir ein scharfes Bild erhalten“, erzählt sie.

Die erste Schwierigkeit bestand darin, andere Zwillinge zu finden. Im KZ hatten sie keine Beziehungen geknüpft. „In einem Überlebenskampf wie in Auschwitz gibt es keine Freundschaft.“ Ein Rest von Humanität sei zwar in der Zwillingsbaracke erhalten geblieben, weil die emotionale Bindung der Zwillingspaare stark gewesen sei, aber eben nur untereinander. Eva Mozes Kor hielt über die Jahre engen Kontakt mit ihrer Schwester Miriam, für die anderen Mitgefangenen interessierte sie sich nicht.

Miriams Schwager brachte die Recherchen schließlich voran. Er hatte eine Anzeige in einer israelischen Zeitung geschaltet, auf die sich viele Anrufer meldeten, sodass Miriam und Eva Mozes Kor 122 Überlebende ausfindig machten. Sie protokollierten deren Erinnerungen, die heute im Holocaust-Museum Terre Haute archiviert sind.

2001 lud die Max-Planck-Gesellschaft die Überlebende nach Berlin ein

Doch was medizinische Details betrifft, brachten die Interviews nichts Neues zutage. „Leider musste ich feststellen, dass selbst diejenigen, die damals bereits Teenager waren, sich an nicht so viel erinnerten wie ich“, sagt Mozes Kor, die nach einer Stunde Gespräch erschöpft in ihrem Rollator zusammengesunken ist. „Sie wussten nicht mal, wie viel Blut ihnen abgenommen worden war. Ich konnte es kaum glauben: ,Das weißt du nicht? Hast du dir nicht die Ampullen angeguckt, die weggetragen wurden?‘“

2001 lud die Max-Planck-Gesellschaft Mozes Kor und sieben weitere Überlebende eine Woche nach Berlin ein. Für Carola Sachse, Leiterin des Forscherteams, war das „wichtigste Erlebnis meiner beruflichen Laufbahn“. Vera Kriegel, die aus Israel angereist war, erzählte dort, wie sie in Auschwitz zwei Wochen lang mit der Schwester in einen Käfig gesperrt war, in dem sie nur hocken konnten. Essen wurde ihnen durch die Gitterstäbe hineingeworfen, außerdem bekamen sie Injektionen in die Wirbelsäule. Ephraim Reichenberg berichtete von Spritzen, die sein Bruder und er in den Hals bekommen hätten, die ihre Hälse anschwellen ließen, Übelkeit und Fieber verursachten. Er glaubt, dass die Nazis herausfinden wollten, warum der Bruder eine klare und er eine heisere Stimme hatte. Der Bruder starb ein Jahr nach der Befreiung.

„Für unser Forschungsvorhaben waren ihre Aussagen wichtig, weil sie uns das Erleben der Opfer persönlich nahebrachten“, sagt Sachse, „auch wenn ihre Kindheitserinnerungen selbst kaum dazu beitragen konnten, die wissenschaftlichen Versuchsanordnungen zu rekonstruieren.“ Auf der Ebene des Informationsaustauschs sei das Treffen für beide Seiten eher enttäuschend gewesen. Denn auch die Zwillinge hatten sich von den Forschern präzisere Aussagen darüber erhofft, welchem wissenschaftlichen Zweck die Versuche dienten, denen sie ausgesetzt waren, und was genau die Folgeschäden, unter denen einige litten, verursacht hat.

Eva Mozes Kors Schwester Miriam war beim Treffen in Berlin nicht mehr dabei. Sie ist 1993 an Blasenkrebs gestorben. „Der Krebs war eine weitere Spätfolge von Mengeles Experimenten“, sagt Mozes Kor. Beweisen lässt sich das nicht mehr.

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