Nazijäger Erardo Rautenberg im Interview : "Es bringt nichts, den Nationalismus nur abzulehnen"

Er ist Generalstaatsanwalt und Bundestagskandidat, als ihn der Krebs aus dem Alltag reißt. Erardo Rautenberg über Patriotismus, Neonazis und die Zäsuren seines Lebens.

Zuhause. Erardo Rautenberg in seinem Garten in Brandenburg an der Havel, Herbst 2017.
Zuhause. Erardo Rautenberg in seinem Garten in Brandenburg an der Havel, Herbst 2017.Foto: Thilo Rückeis

Herr Rautenberg, Sie erkrankten im Sommer so schwer, dass Sie alle Termine abgesagt haben. Vielen Dank, dass Sie uns zum Interview empfangen.

Gern, heute geht es mir ja einigermaßen gut. Die Chemotherapie hat angeschlagen, auch wenn sie mich an manchen Tagen sehr schwächt. Ich kann nicht meckern.

Traf Sie die Diagnose unerwartet?

Ja. Ich hatte mich seit einiger Zeit mittags müde gefühlt, mir aber nichts dabei gedacht. Als ich mich im Januar entschied, bei der Bundestagswahl für die SPD zu kandidieren, habe ich sogar noch Vorsorgeuntersuchungen machen lassen. Alles war o. k. Und, schwupp!

Wie wurde der Tumor entdeckt?

Ich hatte im Juni eine Gelbsucht bekommen. In der Charité haben sie darauf hin alles diagnostisch Einschlägige gemacht. Dabei sind sie auf den Tumor gestoßen. Bauchspeicheldrüsenkrebs – ich dachte, das sei das Ende. Ich habe mich noch am selben Nachmittag von meiner Frau und meinem Sohn verabschiedet. Wir verziehen uns gegenseitig Dinge, die gar nicht verziehen werden mussten. Dann kam der Arzt mit der Nachricht, dass ich zu den 20 Prozent der Fälle gehöre, bei denen ein Bauchspeicheldrüsentumor operiert werden kann.

Erardo Rautenberg

Erardo Cristoforo Rautenberg, 64, ist in Argentinien geboren und in Hohnstedt bei Northeim aufgewachsen. Bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe, wo er als junger Staatsanwalt einige Jahre beschäftigt war, trat er Amnesty International bei. Nach der Wende zog er weiter nach Potsdam, wo er das Justizunrecht der DDR verfolgte. Seit 21 Jahren bekleidet Rautenberg nun das Amt des Generalstaatsanwalts des Bundeslandes Brandenburg, damit ist er der dienstälteste Deutschlands. Im Osten fand er sein Lebensthema: den Kampf gegen rechts, den er als Parlamentarier weiterführen wollte. Angesichts der hohen Umfragewerte für die AfD ließ er sich vergangenen Winter als Direktkandidat für die SPD aufstellen. Dann erkrankte er an Krebs, bis zum Jahresende unterzieht er sich noch einer Chemotherapie. Dennoch erzielte er für die Sozialdemokraten in Brandenburg das zweitbeste Ergebnis – sowohl bei den Erststimmen mit 25,1 Prozent als auch bei den Zweitstimmen mit 20,7 Prozent. Für einen Parlamentssitz hat es nicht gereicht.

Die „Märkische Allgemeine“ meldete Ihre Erkrankung damals auf Seite eins.

Der Chefarzt war darüber richtig erschrocken: „Das ist ja furchtbar.“ Ich antwortete ihm: „Ich stehe in der Öffentlichkeit, es geht nicht anders.“ Karten auf den Tisch! Sonst wird bloß spekuliert.

Sie gehen sehr offen mit Ihrer Krankheit um.

Na ja, ein Perückenmacher hätte meine Frisur sowieso nicht hinbekommen. Vor der Operation habe ich noch 10 000 Euro an die Partei überwiesen: für die Ausgaben, die von mir verursacht wurden. Danach habe ich angeboten, jemand anderen aufzustellen.

Hätten Sie das gut gefunden?

Für mich wäre es leichter gewesen, aber ich kann die Partei auch verstehen. Die Plakate waren gedruckt. Wir fanden den Kompromiss: Ich blieb Kandidat, aber alle Wahlkampfauftritte wurden gestrichen.

Mussten Sie sich ablenken?

Nö, ich habe nie mit der Krankheit gehadert. Ich dachte, nun musst du wieder durch ein Tal, eventuell ist ganz Schluss. Aber du kannst dich wirklich nicht beklagen. Ich habe in meiner Kindheit zwei Jahre eingegipst im Bett gelegen. Das war eine schlimme Zeit. Sonst hatte ich viel Glück im Leben.

Sind Sie enttäuscht, dass das mit dem Bundestag nicht geklappt hat?

Nein. Ich hatte wahrlich nicht den Wunsch, mein Berufsleben mit einem Bundestagsmandat noch, ja, zu krönen. Ich sah mich in der Pflicht. Im Winter, als ich mich aufstellen ließ, hatte ich das Gefühl, dass ich, der ich seit 20 Jahren gegen Rechtsextremismus kämpfe, bei derart hohen Umfragewerten der AfD nicht in der Zuschauerrolle bleiben kann.

Wie erlebten Sie den Wahlkampf?

Zunächst war ich erleichtert, dass ich auf so gut wie keine Europafeindlichkeit stieß. Damals, im März, stand ja zu befürchten, dass die Nationalisten in Holland und Frankreich an die Macht kommen würden. Bei meinen wenigen Wahlkampfterminen sagte ich zu den Leuten: Die Nationalisten der verschiedenen Länder agieren gemeinsam gegen Europa, aber wenn sie Europa zerschlagen haben, stellen sie die Interessen ihres eigenen Landes in den Vordergrund, geraten in Streit, und wir sind in Europa wieder da, wo wir schon einmal waren. Ich nannte Trump als abschreckendes Beispiel. Das zog. Schnell wurde mir klar, dass die Aversion gegen die EU nicht das war, was die AfD starkmachen würde.

Was dann?

Die Flüchtlingskrise. Merkels Entscheidung, 2015 die Grenzen zu öffnen, finde ich richtig. Nach den vielen Millionen Menschen, die die Deutschen im letzten Jahrhundert umgebracht haben, war das ein gutes Signal. Die Umsetzung war allerdings katastrophal. Es gab ein Schreiben der Personalräte des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom November 2015, in dem beklagt wird, dass gar keine richtigen Prüfungen der Identität der Flüchtlinge mehr stattfinden. Das wurde verschwiegen, weil man meinte, damit den Rechten in die Hände zu spielen. Ein Thema wurde ignoriert, das eine große Minderheit so bewegt hat, allein aus Protest die AfD zu wählen. Jetzt haben wir Nazis im Parlament sitzen.

Als Staatsanwalt in Brandenburg hatten Sie in den 90ern viel mit Neonazis zu tun.

Als Behördenleiter in Neuruppin war ich mit einem Flächenbrand fremdenfeindlicher Straftaten konfrontiert.

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