Neues Buch : Meine Familie, der Wohnwagen & ich

Der Autor: Unser Kollege. Sein Plan: Ein Enthüllungsbuch. Der Plot: Die Wahrheit über das Campen mit Wohnwagen. Dieser Artikel: Vom Schreiben im Schnee mit Hund.

Andreas Austilat
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Manch einer denkt jetzt, das war es mit dem Winter. Da kann ich nur warnen!

Am 10. März 2013, also ziemlich genau vor einem Jahr, fiel plötzlich und unerwartet Schnee. Zehn Tage später meldete Berlin eine Schneehöhe von 20 Zentimetern. Ich erinnere mich gut, weil ich an diesem Tag in Waren an der Müritz anrief. Ich hatte vier Wochen dort auf dem Campingplatz gebucht. Nun fragte ich: „Kommt man bei diesen Verhältnissen überhaupt auf das Gelände?“ „Kein Problem“, hieß es.

Abblasen konnte ich die Sache nicht mehr. Ich plante nämlich, ein Enthüllungsbuch zu schreiben. Und die Einsamkeit der Wälder am Rand des Müritz-Nationalparks war ein Teil dieses Plans. Vier Tage später stand ich vor der Schranke zum Campingplatz „Ecktannen“ außerhalb der Stadt Waren. Ein Schaufellader erwartete mich, planierte eine Spur bis zum Klohaus und direkt daneben eine Parzelle, auf der ich den Wohnwagen abstellen konnte. Ringsherum türmte sich der Schnee kniehoch.

Meine Frau half mir, das Vorzelt aufzubauen. Ich wollte dort eine komplette Küchenzeile errichten. Es würde mir an nichts fehlen, dachte ich, während der Schnee unter meinen Füßen knirschte. „Wenn es taut, wirst du im Morast versinken“, sagte meine Frau und empfahl, den inzwischen festgestampften Schnee zu beseitigen. Eine unglaubliche Schinderei.

Meine Frau hat viel mehr Ahnung in diesen Dingen als ich. Als Kind hat sie praktisch jeden Urlaub in einem Wohnwagen verbracht. Sie hat mich darüber nie im Unklaren gelassen, im Gegenteil, sie zeigte mir farbstichige Aufnahmen von einem eiförmigen Anhänger. „Hm“, sagte ich, „schön, schön.“ Ich ahnte nicht, dass diese Vergangenheit einmal meine Gegenwart werden würde. Wenn man verliebt ist, guckt man nicht so genau hin.

„Grün!“, rief meine Frau. So ein Vorzelt wird von ungefähr 40 Stangen gehalten. Wir haben dafür ein ausgeklügeltes System farbiger Markierungen entwickelt. Vorher war der Aufbau des Vorzeltes immer ein bisschen brisant, vor allem, wenn eine Stange in die Flanke des Wohnwagens donnerte. Wohnwagenhaut ist sehr dünn. Dann hat meine Frau geweint, und die Kinder guckten verstört.

Die Kinder. Eigentlich haben wir das ja nur wegen der beiden gemacht. Natürlich hätten wir in den Sommerferien auch ein Ferienhaus in der Toskana mieten können. Aber dort würden sie nach zwei Tagen fragen, „was sollen wir denn hier machen?“ Auf dem Campingplatz haben sie das nie gefragt, wenigstens im Sommer gibt es da Scharen anderer Kinder. Natürlich könnte man auch einen Bungalow in einer Ferienhausanlage mieten. Aber der kostet im Sommer leicht dreimal so viel wie ein Stellplatz. Die Anschaffung eines Wohnwagens lohnt sich allerdings nur, wenn man die nächsten 15 Jahre jeden Urlaub in diesem Ding verbringt.

„Blau!“, rief meine Frau, während ich auf zwei norwegische Wohnwagen starrte, die einzigen Nachbarn. Das Thermometer zeigte minus fünf Grad, die Norweger trugen lustige Häkelmützen und saßen im offenen Vorzelt. Sind halt Norweger, dachte ich.

Auf dieser Zeitungsseite stehen Fotos, die kannten bisher nicht einmal meine Kollegen. Obwohl es sich um Urlaubsbilder von mir aus den vergangenen 15 Jahren handelt. Dass wir in Paris waren, in Neapel oder Barcelona, das wissen sie. Aber nicht, wo wir dort wohnten. Ich fürchtete, das könnte meinem Image schaden.

Wer nie auf einem Campingplatz war, der denkt doch bei Wohnwagen an Gartenzwerge und Häkelgardinen. An Menschen, die den ganzen Tag in Adiletten rumlaufen, vor Klohäusern Schlange stehen oder in Trainingshosen auf Klappstühlen sitzen und dabei den Grill bedienen. Goethe zum Beispiel hat auch mal im Wohnwagen übernachtet, 1792 bei Valmy. Hinterher hat er behauptet, er hätte die Nacht in einem Zelt verbracht. Sonst wäre der Wohnwagen vielleicht Bestandteil der deutschen Klassik geworden und wie in Holland gesellschaftlich absolut akzeptiert. Und ich hätte dieses Buch nie schreiben müssen, in dem ich die Wahrheit erzähle, wie das so ist beim Camping.

Es dauerte den halben Tag, dann standen Vorzelt und Küchenzeile. Leider waren in meiner Küche kaum über null Grad. Dafür war es im Wohnwagen wärmer. Erstaunlich, was so eine Gasheizung schafft. Zum Glück habe ich drinnen noch einen Herd. Anderthalb Stunden später hatte ich sogar Fernsehen. Nicht selbstverständlich. Ich habe schon ausgewachsene Männer stundenlang über Campingplätze irrlichtern sehen, die Satellitenschüssel wie einen Schild vor sich, verzweifelt bemüht, durch eine Lücke zwischen den Bäumen doch noch ein Antennensignal aufzufangen.

Interessanterweise sind das immer Männer. Wahrscheinlich weil Frauen Fernsehen im Urlaub strikt ablehnen. Nun, das hier würde eher ein Arbeitsaufenthalt werden. Es ist auch erstaunlich, wie viele Männer man auf Campingplätzen sieht, die Chemietoiletten zum Entleeren wegbringen, Wasser holen oder sogar abwaschen gehen. Ob die zu Hause auch freiwillig das Klo putzen? Natürlich würden die meisten lieber Holz hacken, darf man aber nicht, also bringt der Mann eben das schwere Chemieklo weg. Camping ist so etwas wie die Simulation von Überleben in freier Wildbahn.

Am nächsten Tag verließ mich meine Frau. Sie musste zurück nach Berlin. Den Hund ließ sie mir da, „bist du nicht so einsam“, und 20 Fertiggerichte für die Mikrowelle, weil, das Auto nahm sie auch mit. Und mit dem Fahrrad würde ich kaum zum Einkaufen kommen, solange es weiter schneite.

Abends wärmte ich mir Königsberger Klopse auf, die Temperatur im Vorzelt lag bei null Grad. Wach wurde ich mitten in der Nacht, weil irgendetwas gegen meine Hüfte drückte. Es war der Hund, der verbotenerweise mit im Bett lag. Der Wecker zeigte vier Uhr und die Raumtemperatur lag bei acht Grad. Ich ließ den Hund, wo er war. Ich habe ein wenig Angst vor Gas und hatte die Heizung deshalb am Abend ausgeschaltet. Ich würde meine Angst überwinden müssen.

Am Morgen erwischte mich Holger im Klohaus dabei, wie ich versuchte, meinen Abwasserkanister im Spülbecken aufzutauen. Der Kanister hatte unter dem Wohnwagen gelegen, der Inhalt war zu einem soliden Block gefroren, weshalb ich ihn nicht entleeren konnte. Holger – Camper sind schnell beim „Du“ – trug tatsächlich Adiletten und eine Fotografenweste mit ganz vielen Taschen. Camper lieben solche Westen. Er war mit seinem Wohnmobil auf der Durchreise und fragte mich, was ich denn hier täte, so ohne Auto und allein. Ich erzählte ihm von meinem Plan. Er guckte ein bisschen misstrauisch, ich glaube, er wusste gar nicht, dass Wohnwagenfahrer ein Imageproblem haben. Vielleicht hielt er mich für einenTerroristen, der hier Unterschlupf suchte.

Holger hatte natürlich den Vorteil, dass Wohnmobile oft für ein bisschen cooler gehalten werden. Dabei habe ich es doch viel besser. Normalerweise würde ich am Ziel das Auto abkoppeln, und wenn ich irgendetwas brauche, fahre ich damit zum nächsten Supermarkt. Wohnmobilisten müssen dafür alles einpacken und mit ihrem Riesenteil sehen, wie sie in die Stadt kommen.

Holger erinnerte mich an Horst. Den hatten wir auf unserem ersten Campingurlaub auf Sylt kennengelernt. Horst fuhr ein Riesenwohnmobil mit drei Elchaufklebern hintendrauf. Er trug ebenfalls immer Adiletten und eine Fotoweste. „Wir könnten auch eine Kreuzfahrt machen“, pflegte seine Frau Moni zu sagen, „aber das ist nichts für mich, da musst du dich jeden Tag zurechtmachen.“ Camping sei viel zwangloser und die Hausarbeit in so einem Mobil doch nun wirklich überschaubar.

Das Buch „Hotel kann jeder“ von Andreas Austilat erscheint am 17. März im Goldmann Verlag.
Das Buch „Hotel kann jeder“ von Andreas Austilat erscheint am 17. März im Goldmann Verlag.Foto: Verlag

15 Jahre später musste ich Moni recht geben. Das bisschen Haushalt war schnell erledigt. Ich kam also schnell voran mit dem Schreiben, und obwohl ich mich inzwischen seit zwei Wochen von Fertiggerichten ernährte, konnte ich noch keine Mangelerscheinungen an mir feststellen. Auch dem Hund ging es gut. Außerdem hatte tatsächlich Tauwetter eingesetzt, tagsüber konnte ich sogar schon mal draußen sitzen, der eigentlichen Bestimmung des Campers.

Nach vier Wochen besuchten mich meine Kollegen. Zum ersten Mal sahen sie mein Domizil mit eigenen Augen. Kurz dachte ich daran, rasch die peinlichen grünen Samtkissen zu verstecken. Die stammen noch aus unserem alten Wohnwagen, den mein Schwiegervater innen mit grüner Raufaser tapeziert hatte. Ich ließ sie liegen, die Kollegen würden sowieso bald Bescheid wissen.

Jetzt, ein Jahr später, wird mein Buch erscheinen: die Wahrheit aus 15 Jahren Camping. Ich glaube, meine Frau ist stolz auf mich. Und die Kinder? Die kommen inzwischen gar nicht mehr mit. Komisch eigentlich. Ist doch so schön im Wohnwagen.

„Hotel kann jeder“ von Andreas Austilat erscheint am 17. März im Goldmann Verlag. 284 Seiten, 8,99 Euro.

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